60/40-Depot unter Druck: Was Anleger beim Ausverkauf am Anleihemarkt tun können
Wenn Aktien und Anleihen gleichzeitig fallen, verliert das 60/40-Depot seinen Stoßdämpfer, und ausgerechnet die KI-Schulden der Tech-Riesen heizten den Ausverkauf am Anleihemarkt an.
- Anleihen zeitweise scharf abverkauft, Renditen auf Mehrjahreshochs
- Puffer aus 40 Prozent Anleihen wirkt schwächer als in früheren Jahren
- Rebalancing und breitere Streuung helfen, das Risiko wieder auszubalancieren
Der weltweite Ausverkauf am Anleihemarkt hat die Renditen im August auf den höchsten Stand seit Jahren getrieben und rüttelt an einem Grundpfeiler vieler Depots. Das klassische 60/40-Portfolio kombiniert 60 Prozent Aktien mit 40 Prozent Anleihen, damit der Anleiheteil abfedert, wenn Aktien schwächeln. Fallen beide Bausteine gleichzeitig, verliert dieser Stoßdämpfer seine Wirkung. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg zeitweise über 4,7 Prozent, die 30-jähriger kletterte über 5,3 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit rund zwei Jahrzehnten.
Warum der Puffer aus Anleihen schwächelt
In der Theorie steigen Anleihen, wenn Aktien fallen. In der Praxis ist dieser Zusammenhang brüchig geworden. Der Datenanbieter Morningstar hat für die vergangenen drei Jahre errechnet, dass hochwertige Anleihen in den schwächsten Börsenmonaten im Schnitt nur rund 1,7 Prozent nachgaben, während Aktien fast fünf Prozent verloren. Ein Polster von etwa einem Drittel bleibt, doch es fällt deutlich dünner aus als in den Jahrzehnten zuvor, als Anleihen bei Kursrücksetzern oft sogar zulegten. Wie hart der Gleichlauf treffen kann, zeigte 2022: Aktien und Anleihen rutschten gemeinsam ab, das schwächste Jahr für die 60/40-Aufteilung seit Generationen.
KI-Schulden und Defizite treiben die Renditen
Hinter dem Ausverkauf stehen mehrere Kräfte zugleich. Die großen KI-Konzerne finanzieren ihren Ausbau der Rechenzentren zunehmend über den Anleihemarkt. Amazon, Alphabet, Meta Platforms und Oracle begaben einer Reuters-Auswertung zufolge bis Anfang Juli rund 194 Milliarden US-Dollar an Anleihen, gut 79 Prozent mehr als im gesamten Jahr 2025. Die Analysten von Goldman Sachs erwarten von den fünf größten Konzernen 250 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr und 400 Milliarden im Jahr 2027. Dieses Angebot trifft auf einen Staat, dessen Schuldenberg 40 Billionen US-Dollar überschritten hat und dessen Zinslast eine Billion US-Dollar pro Jahr übersteigt. Mehr Angebot drückt die Kurse, die Renditen steigen.
Was Anleger jetzt abwägen können
Wer sein Depot jahrelang nicht angepasst hat, dürfte heute stärker in Aktien gewichtet sein als geplant. Rebalancing stellt die ursprüngliche Aufteilung wieder her und nimmt Gewinne aus einem Aktienteil, der stark von wenigen KI-Werten getragen wird. NVIDIA allein steht für rund acht Prozent des S&P 500. Der Renditeanstieg hat allerdings auch eine gute Seite: Neue Anleihen werfen wieder spürbar mehr Zins ab und bieten damit ein dickeres Polster als in der Nullzinsphase. Wer breiter aufstellen will, kann internationale Aktien, Substanzwerte oder Sachwerte wie Gold beimischen. Nicht-amerikanische Märkte hängen weniger am KI-Handel und verteilen das Risiko breiter.
Den nächsten Impuls liefert die Notenbank. Fed-Chef Kevin Warsh hält am Freitag seine Rede beim Notenbanktreffen in Jackson Hole, bevor die US-Notenbank am 16. September über die Zinsen entscheidet. Wie sich die Renditen danach weiter entwickeln, bestimmt mit, wie viel Stoßdämpfer im Anleiheteil eines 60/40-Depots übrig bleibt.
Julia Walter, Redaktion finanzen.net
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