Börse Frankfurt-News: "Erholung vielleicht zu früh gefeiert" (Wochenausblick)
FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - 15. Juni 2020. Nach der von heftigen Verlusten geprägten Vorwoche stehen die
Zeichen auch für die neue Woche nicht gut. Die Angst vor einer zweiten
Infektionswelle macht sich breit. Und die Erkenntnis, dass die wirtschaftlichen
Schäden die Welt noch viele Jahre beschäftigen werden.
So schnell ist die Pandemie dann doch nicht abgehakt: Die Börsen sind zurück im
Risk-off-Modus, ein neuer Coronavirus-Ausbruch in Peking und wieder steigende
Neuinfektionszahlen in vielen Regionen der USA schüren die Unsicherheit.
Vergangene Woche hatte die US-Notenbank einen düsteren Konjunkturausblick
geliefert. Sie rechnet erst im Laufe des Jahres 2022 mit einer Rückkehr zum BIP-
Niveau vor der Coronakrise. Am Montagmorgen liegt der DAX nur noch bei 11.600
Punkten, vor einer Woche war der Leitindex noch auf über 12.800 Punkte
geklettert.
Hoffnung auf "Rettungsboje Notenbankliquidität"
Den rasanten Anstieg seit dem Tief bei 8.255 Punkten Mitte März hielten viele
Analysten ohnehin für überzogen. "Steigende Aktiennotierungen und gleichzeitig
tiefe wirtschaftliche Einschnitte gehen selten Hand in Hand", kommentiert etwa
Jan Gengel von der Weberbank. Zwar könne die Hoffnung auf Besserung als
Begründung dienen, in diesem Fall durch die "Rettungsboje Notenbankliquidität".
Dennoch wünschten sich Marktteilnehmer mehr und mehr Sicherheit für ihre
Hoffnungen. "Die europäische Zentralbank hat die Wünsche durch eine erhebliche
Ausweitung ihrer expansiven Maßnahmen erfüllt, die amerikanische Notenbank Fed
tat dies am Mittwoch jedoch nicht."
"Konjunkturelle Lage in den USA und im Euroraum unterirdisch"
Die Helaba hatte einen Realitätscheck für Aktien angemahnt. "Nun hat US-
Notenbankpräsident Powell es geschafft, die Anleger auf den Boden der Tatsachen
zurückzuholen, indem er an das verheerende Ausmaß der Pandemie erinnerte",
erklärt Claudia Windt. Die konjunkturelle Lage in den USA und im Euroraum sei
"unterirdisch". "Womöglich haben die Börsianer die Erholung zu früh gefeiert."
Korrektur mit Ansage
Aus charttechnischer Sicht war es laut Ulrich Wortberg von der Helaba eine
"Korrektur mit Ansage". "Es waren negative Divergenzen zu beobachten, und die
klar überkaufte Marktlage hatte Warnsignale ausgesendet." Wie Christoph Geyer
von der Commerzbank erläutert, konnte der DAX seinen Aufwärtstrend nicht halten
und ist unter die Trendlinie gerutscht. Der MACD-Indikator habe ein
Verkaufssignal generiert. "Anders als bei den US-Märkten hat der Umsatz beim
Trendbruch nicht zugelegt", stellt Geyer fest. Daher sei hier nicht von einem
Verkaufsdruck zu sprechen. "Trotzdem hat sich die Lage eingetrübt. Ein weiteres
Abrutschen bis in den Bereich von 11.500 Punkten sollte einkalkuliert werden."
Wichtige Konjunktur- und Wirtschaftsdaten
Dienstag, 16. Juni
Japan: Zinsentscheid der Bank of Japan.
11.00 Uhr. Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen Juni. Der kräftige Anstieg der
Aktienkurse zeigt, dass die Investoren an den Märkten zunehmend mit einer
Erholung der Wirtschaft rechnen, erklärt die Commerzbank. Sie erwartet einen
neuerlichen deutlichen Anstieg von 51 auf 80 Punkte.
14.30 Uhr. USA: Einzelhandelsumsätze Mai. Die Commerzbank geht davon aus, dass
der gesamte US-Einzelhandel im Mai 10 Prozent mehr umgesetzt hat als im
Vormonat. Im März und April war der Umsatz wegen geschlossener Geschäfte,
Kontaktbeschränkungen und verunsicherter Kunden in Teilbereichen massiv
eingebrochen - bei Bekleidung zum Beispiel auf ein Zehntel des Februar-Niveaus.
15.15 Uhr. USA: Industrieproduktion Mai. Auch hier gehen Analysten von einer
Stabilisierung aus, so rechnet die Helaba mit einem Plus von 2 Prozent gegenüber
dem Vormonat. Im April war die Industrieproduktion um 11,2 Prozent
zurückgegangen.
Donnerstag, 18. Juni
13.00 Uhr. Großbritannien: Zinsentscheid der britischen Notenbank. Erwartet
wird, dass die Bank of England die Obergrenze für ihre Anleihekäufe erhöhen
wird, auch negative Leitzinsen seien möglich.
14.30 Uhr. USA:Erstanträge Arbeitslosenunterstützung 13. Juni.
Freitag, 19. Juni
Hexensabbat: Großer Verfall an den Terminbörsen, der in der Regel mit hohen
Schwankungen einhergeht
EU-Gipfel: Die Staats- und Regierungschefs beraten vor allem über den von der
Europäischen Kommission vorgelegten Wiederaufbaufonds im Volumen von 750
Milliarden Euro. "Mit einer schnellen Einigung, was das Volumen und die
Verteilung der Mittel anbelangt, wird allerdings nicht gerechnet", erklärt die
DekaBank.
Von: Anna-Maria Borse
15. Juni 2020, © Deutsche Börse AG
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)