Frankfurter Forscher entwickeln Twitter-Inflationsindikator
Von Hans Bentzien
FRANKFURT (Dow Jones)--Forscher der Frankfurt School of Finance (FS) haben einen Indikator entwickelt, mit dessen Hilfe die künftige Entwicklung der deutschen Verbraucherpreise besser als bisher vorausgesagt werden kann. Der Index basiert auf der Analyse von Nachrichten des Kurznachrichtendienstes X (früher Twitter) mit künstlicher Intelligenz. "Die Korrelation zwischen dem Index, der tatsächlichen Inflation und den Inflationserwartungen ist sehr hoch", sagte FS-Forscherin Nora Lamersdorf bei der Vorstellung des Index.
Für die Berechnung werden zunächst die Tweets auf der Plattform X nach Worten mit Inflationsbezug abgesucht, es findet eine Einengung und Sortierung statt und am Ende wird die Zahl von Worten, die auf höhere Inflationserwartungen hindeuten von solchen abgezogen, die auf niedrigere Inflationserwartungen hindeuten. Die Ergebnisse lassen sich tagesaktuell abrufen und zeigten schon Ende 2021 einen deutlichen Anstieg. Weitere Erkenntnis: Nach einer überraschenden geldpolitischen Straffung sinken die Inflationserwartungen mit einer gewissen Verzögerung, umgekehrt steigen sie.
Der starke Anstieg der Inflation ab Ende 2021 mit anschließender beispielloser Beschleunigung durch den russischen Überfall auf die Ukraine war für viele Ökonomen überraschend gekommen. Ob in Universitäten, Banken oder Zentralbanken - die Prognosen für die Entwicklung der Verbraucherpreise lagen lange Zeit weit neben der Realität. Die allermeisten Experten sprachen von einem vorübergehenden Phänomen. "Die professionellen Prognostiker haben sich da nicht mit Ruhm bekleckert", räumte Johannes Müller, Global Head of Research beim Vermögensverwalter DWS, in der gleichen Veranstaltung ein.
Besser als ihre Kollegen aus dem DWS-Research erfassten Müller zufolge die Aktienanalysten die heraufziehende Inflationsgefahr - wegen Äußerungen der Unternehmen, dass der Anstieg der Input-Preise kein großes Problem sei, da man die ja weitergeben könne. Aber solche anekdotischen Erkenntnisse seien natürlich nicht mit einem Index gleichzusetzen. Seiner Einschätzung nach kann der auf Tweets basierende Inflationsindex aber eine interessante Ergänzung des Werkzeugkastens sein, da er das "soziale Klima" auffange. "Das hätte uns geholfen, den Inflationsanstieg Ende 2021 und 2022 besser in den Griff zu bekommen."
Während also die Masse der anfallenden Daten eine Stärke des Index' ist, gibt es auch (noch) Schwächen: X-Nutzer sind nicht repräsentativ für die deutschen Konsumenten. Außerdem wird nicht zwischen kurz- und langfristigen Inflationserwartungen unterschieden.