ifo-Institut: Deutschland soll Alleingang bei Sustainable Finance vermeiden
Von Andreas Kißler
MÜNCHEN/BERLIN (Dow Jones)--Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung hat vor einem Alleingang Deutschlands in der Frage eines nachhaltigen Finanzwesens gewarnt und generelle Ausnahmen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) von Berichtspflichten verlangt. Es sei "unklar, ob ein Umbau der Gesamtwirtschaft mit einer Finanzmarktregulierung, die auf mehr Nachhaltigkeit abzielt, überhaupt erreicht werden könnte", heißt es in der Studie des Ifo-Instituts im Auftrag der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern.
Vielmehr solle die Politik Anreize für den Umbau in ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem schaffen, unter anderem durch verlässliche Rahmenbedingungen. "Aus diesem Grund sollte ein nationaler Alleingang bei den Sustainable Finance-Maßnahmen vermieden werden", betonten die Autoren der Untersuchung. Die Maßnahmen sollten vielmehr "europaweit abgestimmt werden".
Umfangreichere Offenlegungspflichten von Informationen, die zur Beurteilung von Nachhaltigkeit notwendig seien, trügen zu mehr Transparenz bei. Allerdings müssten "dem Nutzen die Kosten gegenübergestellt werden". Vor allem KMU könnten durch zusätzliche Informationsanforderungen überproportional belastet werden und sollten folglich "von Berichtspflichten ausgenommen werden oder von den zusätzlichen Kosten entlastet werden".
Kein Beleg für geringere Ausfallwahrscheinlichkeit
Das Institut warnte in der Studie vor einer regulatorischen Bevorzugung nachhaltiger Anlagen. "Die Rentabilität nachhaltiger Investments übersteigt nach Ergebnissen vorliegender Studien häufig jene nicht-nachhaltiger Anlagen", erklärten die Autoren. Deshalb stelle sich die Frage, ob eine aktive Lenkung von Kapitalströmen in nachhaltige Investitionen überhaupt nötig sei. Es gebe keinen Beleg dafür, dass nachhaltige Kredite eine geringere Ausfallwahrscheinlichkeit aufwiesen.
Da die Bankenregulierung das Ziel der Finanzmarktstabilität verfolge, sollten sich Eigenkapitalanforderungen an Risikoklassen und nicht an politischen Zielsetzungen ausrichten. "Eigenkapitalanforderungen sollten sich ausschließlich auf das Ziel der Finanzmarktstabilität ausrichten und sich nur am Ausfallrisiko orientieren", betonten die Autoren. Es sollte weder ein "Green Supporting" noch ein "Brown Penalizing Factor" in die EU-Aufsichtsregeln für Banken und Versicherungen eingeführt werden.
"Falls durch Politikmaßnahmen die Nachfrage nach als nachhaltig klassifizierten Investments schneller zunimmt als das Angebot, könnte es zu einer Blasenbildung kommen, die mit einem erheblichen Reputationsverlust für den Markt nachhaltiger Anlagen einhergehen würde", warnte das Institut zudem.
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October 13, 2020 03:00 ET (07:00 GMT)