Institute: Shutdown verzögert Wirtschaftserholung in Deutschland
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum Deutschlands im laufenden Jahr gesenkt, die für das nächste Jahr aber angehoben. Wie aus dem aktuellen Frühjahrsgutachten hervorgeht, erwarten sie einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 3,7 (Herbstgutachten: 4,7) Prozent im laufenden Jahr und um 3,9 (2,7) Prozent 2022. "Der erneute Shutdown verzögert die wirtschaftliche Erholung, aber sobald die Infektionsgefahren vor allem durch das Impfen gebannt sein werden, wird eine kräftige Erholung einsetzen", erklärten sie. Etwa zu Beginn des kommenden Jahres dürfte die Wirtschaft zur Normalauslastung zurückkehren.
"Aufgrund des anhaltenden Shutdowns dürfte die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal um 1,8 Prozent gesunken sein", sagte der Konjunkturchef des RWI - Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, Torsten Schmidt. Die neue Infektionswelle und die damit verbundenen Eindämmungsmaßnahmen führten zu einer Abwärtsrevision der Prognose für das Jahr 2021 um 1 Prozentpunkt im Vergleich zum Herbstgutachten 2020. Die Erwartung für 2022 wurde allerdings um 1,2 Prozentpunkte erhöht.
In ihrer Prognose gehen die Institute davon aus, dass der derzeitige Shutdown zunächst fortgesetzt wird und dabei auch die zuletzt erfolgten Lockerungen wieder weitgehend zurückgenommen werden. Erneute Lockerungsschritte würden erst ab Mitte des zweiten Quartals erwartet, eine Aufhebung der Beschränkungen dann bis zum Ende des dritten Quartals. "Im Zuge der Lockerungen erwarten wir für das Sommerhalbjahr eine kräftige Ausweitung der Wirtschaftsaktivität, vor allem bei den von der Pandemie besonders betroffenen Dienstleistungsbereichen", erklärte Schmidt.
Angesichts der zu erwartenden Lockerungen dürfte auch die Erholung der Erwerbstätigkeit im Sommerhalbjahr an Fahrt gewinnen. Im Jahresdurchschnitt sei für das Jahr 2021 ein Anstieg der Erwerbstätigkeit um 26.000 Personen zu erwarten. Im kommenden Jahr dürfte der Anstieg 539.000 Personen betragen, wobei das Vorkrisenniveau im ersten Halbjahr erreicht werde.
Institute erwarten sinkende Arbeitslosigkeit
Im Zuge der Lockerungen der Infektionsschutzmaßnahmen ab Mai werde auch die Zahl der Arbeitslosen verstärkt zurückgehen. Die Institute erwarten eine Ermäßigung der Arbeitslosenzahl in diesem Jahr auf 2,630 Millionen und im nächsten auf 2,382 Millionen und der Arbeitslosenquote auf 5,7 Prozent 2021 und 5,2 Prozent 2022.
Die öffentlichen Haushalte dürften im Jahr 2021 ein Defizit aufweisen, das mit 159 Milliarden Euro noch etwas höher ausfällt als im Jahr zuvor. Zwar nähmen konjunkturell die Steuereinnahmen bereits wieder zu. Die Ausgaben für Impfungen und Tests ließen jedoch die sozialen Sachleistungen kräftig steigen. Die Investitionstätigkeit des Staates dürfte zudem weiter expandieren, insbesondere aufgrund der verfügbaren Mittel in Investitionsprogrammen. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt dürfte das gesamtstaatliche Budgetdefizit nach den Berechnungen der Institute im Jahr 2021 mit 4,5 Prozent in etwa konstant bleiben und im Jahr 2022 deutlich auf 1,6 Prozent zurückgehen.
Die Corona-Pandemie hinterlasse auch Spuren beim Produktionspotenzial. Nach der aktuellen Schätzung dürfte es in den Jahren 2020 bis 2024 durchschnittlich rund 1,1 Prozent unter dem Niveau liegen, das vor der Corona-Krise geschätzt wurde. Zudem rückten die Konsequenzen des demografischen Wandels in Deutschland immer näher. Mit dem Eintritt der Babyboomer in das Rentenalter werde die Erwerbsbevölkerung in wenigen Jahren schrumpfen und der Anteil der Älteren deutlich steigen. Bis zum Jahr 2030 müsse deshalb mit einer Verringerung der jährlichen Potenzialwachstumsrate um rund einen Prozentpunkt gerechnet werden.
"Die weitere Entwicklung der Pandemie ist weiterhin das bedeutendste Abwärtsrisiko für die Prognose", betonten die Institute. Nach wie vor könne es bei der Lieferung von Impfstoffen und Tests zu Engpässen und Verzögerungen kommen. Darüber hinaus könnte das Auftreten neuer Mutationen des Virus die Wirksamkeit der Impfstoffe reduzieren, wodurch der Öffnungsprozess möglicherweise gestoppt werden müsste und damit die wirtschaftliche Erholung abermals zurückgeworfen würde.
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April 15, 2021 04:00 ET (08:00 GMT)