Studie: Tariflöhne steigen 2022 um 2,7% - Rekordminus bei Reallöhnen


Von Andrea Thomas

BERLIN (Dow Jones)--Die Tariflöhne in Deutschland sind in diesem Jahr voraussichtlich um durchschnittlich 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Aufgrund der hohen Inflation von etwa 7,8 Prozent im Jahr 2022 ergibt sich damit ein historisch hoher Reallohnverlust für tarifvertraglich vereinbarte Löhne von 4,7 Prozent, wie eine vorläufigen Jahresbilanz des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergab. Für das Jahr 2023 sind der Untersuchung zufolge insgesamt deutlich höhere Tarifzuwächse zu erwarten. Hierauf deuteten zum einen eine Reihe aktueller Tarifabschlüsse wie etwa in der chemischen- und in der Metall- und Elektroindustrie hin.

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"Die enorm gestiegene Inflation stellt die Tarifpolitik vor vollkommen neue Herausforderungen, auf die sie immer nur mit einer gewissen Zeitverzögerung reagieren kann", sagte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten. "Einerseits haben 2022 aufgrund langfristig wirksamer Tarifverträge in vielen Branchen gar keine Tarifverhandlungen stattgefunden. Andererseits werden aktuell vereinbarte, deutlich stärkere Tariferhöhungen und Inflationsprämien oft erst ab 2023 wirksam. Vor diesem Hintergrund kommt es in diesem Jahr zu einem in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bislang einzigartigen Reallohnverlust."

Laut der Untersuchung liegt die durchschnittliche Erhöhung der Tarifvergütungen von 2,7 Prozent im Jahr 2022 oberhalb der Corona-Jahre 2020 (2,0 Prozent) und 2021 (1,7 Prozent). Gleichzeitig bleibt sie aber hinter den Tarifsteigerungen der beiden Boomjahre 2018 und 2019 (3,0 bzw. 2,9 Prozent) zurück.

"Nach 2021 kam es 2022 bereits im zweiten Jahr hintereinander zu einem erheblichen Kaufkraftverlust bei den Tariflöhnen. Während in den 2010er Jahren die Tarifvergütungen auch real kontinuierlich anstiegen und sich bis 2020 zu einem Reallohngewinn von 14 Prozent summierten, ging in den beiden Jahren 2021 und 2022 fast die Hälfte dieses Reallohnzuwachses wieder verloren", erklärte WSI.

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Nach Ansicht von Schulten steht die Tarifpolitik 2023 in erster Linie vor der Aufgabe, weitere Kaufkraftverluste der Beschäftigten möglichst zu vermeiden. "Angesichts der drohenden Rezessionsgefahr geht es darum, durch angemessene Lohnsteigerungen die private Nachfrage aufrecht zu erhalten und damit die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt zu stabilisieren", sagte der Tarifexperte.

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