Höheres Kursziel für die Lufthansa-Aktie - warum JPMorgan trotzdem auf die Bremse tritt
JPMorgan hat das Kursziel für die Lufthansa-Aktie zwar angehoben, hält aber am neutralen Anlageurteil fest. So ordnen Anleger die Expertenstimme richtig ein.
Werte in diesem Artikel
• JPMorgan erhöht Kursziel auf 8 Euro
• EBIT-Prognose liegt deutlich unter Konsens
• Sinkende Treibstoffkosten stützen den Ausblick
Auf den ersten Blick ist es ein Vertrauensbeweis: JPMorgan hat das Kursziel für die Lufthansa-Aktie am 29. Juni 2026 von 7,50 auf 8,00 Euro angehoben. Doch das Signal ist weniger eindeutig, als die Schlagzeile vermuten lässt. Der MDAX-Wert notiert nach einem Plus von 16,39 Prozent seit Jahresbeginn am Dienstag im XETRA-Handel zeitweise bei 9,93 Euro (+1,53 Prozent) und erreichte bei 9,95 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch. Das angehobene Ziel bleibt damit deutlich unter dem Jahreshoch.
Ein Kursziel unter dem Kurs
Entscheidend ist die Einstufung, die JPMorgan unverändert bei "Neutral" beließ. Analyst Harry J. Gowers begründet das höhere Ziel allein mit angehobenen Gewinnschätzungen für 2026 und 2027, nicht mit einer neuen Bewertung der Aktie. Treiber dieser Zuversicht sind vor allem die gesunkenen Treibstoffkosten: Rund 80 Prozent des Kerosinbedarfs für 2026 hat Lufthansa zu Vorkrisenpreisen abgesichert, und der nach dem Abkommen zwischen den USA und dem Iran gefallene Ölpreis verschafft zusätzlichen Spielraum. Schon Mitte Juni hatte Gowers auf sinkende Kerosinkosten verwiesen, das Kursziel damals aber noch bei 7,50 Euro belassen. Im Quartalsbericht hatte Finanzvorstand Till Streichert zuvor vor rund 1,7 Milliarden Euro Mehrkosten durch teureres Kerosin gewarnt. Dass das Ziel mit 8,00 Euro trotzdem unter dem aktuellen Kursniveau bleibt, sagt mehr über die Rally als über die Skepsis der Bank.
Die Lücke bei den Quartalszahlen
Noch deutlicher wird die Vorsicht beim Blick auf das laufende Quartal. Gowers rechnet für das zweite Jahresviertel mit einem operativen Ergebnis von nur 329 Millionen Euro und liegt damit weit unter dem Analystenkonsens von 602 Millionen Euro. Die Schere ist beträchtlich: Während die höheren Jahresschätzungen das Kursziel stützen, signalisiert die Quartalsprognose das Risiko, dass die Zahlen die Markterwartung verfehlen. Genau hier liegt der Widerspruch zur optimistischen Lesart, die allein auf die Anhebung schaut. Eine Airline-Aktie nahe ihrem Jahreshoch hat wenig Puffer für eine Enttäuschung.
Was die Rally trägt, was sie bremst
Fundamental steht Lufthansa solider da als in den Vorjahren. Nach einem ordentlichen Jahresauftakt bestätigte das Management die Jahresprognose, die Ratingagentur Fitch bestätigte zuletzt die Bonität, und das wartungsstarke Geschäft von Lufthansa Technik sowie die Premium-Langstrecke gelten als verlässliche Ertragssäulen. Zugleich steuert der Konzern die Kapazitäten betont vorsichtig und richtet die Langstreckenflotte sowie die Partnerschaften über dem Nordatlantik neu aus. Auf der anderen Seite bleiben die Risiken, die der knappe Kurszielrahmen einpreist: Tarifkonflikte, zuletzt die Kritik der Flugbegleitergewerkschaft an der Personalplanung für den Sommer, dazu Kapazitätsengpässe an den Drehkreuzen, harter Preiswettbewerb in Europa und eine Treibstoffrechnung, die von der Geopolitik abhängt. Die Erholung ist real, doch sie ruht auf Annahmen, die der Konzern nur zum Teil selbst steuert.
Claudia Stephan, Redaktion finanzen.net
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