Börse Frankfurt-News: Wochenausblick: "Gefahr negativer Überraschungen ist höher"
FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Kurzer Rücksetzer oder Anfang einer Korrekturbewegung? Was der Kursrückgang am
Freitag für die neue Woche bedeutet, darüber gehen die Einschätzungen der
Analysen auseinander. Ein klares Signal kommt von der Krisenwährung Gold: Die
notiert auf einem Allzeithoch.
27. Juli 2020. Frankfurt (Börse Frankfurt). Corona, einbrechende
Konjunkturzahlen und neue Streitigkeiten zwischen den USA und China auf der
einen Seite, Anlagenotstand und Hoffnung auf allmähliche Besserung auf der
anderen Seite: Mal haben Bullen, mal Bären Oberhand. "Lange Zeit wurden die von
der Corona-Pandemie verursachten, wirtschaftlichen Folgen von den Märkten
ausgeblendet", bemerkt Christian Schmidt von der Helaba. Am Freitag hätten aber
die wieder gestiegenen US-Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auf das Sentiment
gedrückt. "Hinzu kommt, dass in den USA mittlerweile mehr als vier Millionen
Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind." Aus anderen Ländern seien
ebenfalls beunruhigende Entwicklungen zu vermelden. Zudem könnte sich der
Handelsstreit zwischen den USA und China wieder verschärfen, insbesondere nach
den gegenseitigen Konsulatsschließungen. "Fragezeichen stehen auch noch hinter
den EU-Gipfelbeschlüssen, die im Europäischen Parlament nicht unbedingt
mehrheitsfähig sind."
"Anlagenotstand immer größer"
Daniel Schär von der Weber Bank verweist aber auf die fehlenden Alternativen.
"Die Staaten häufen weiter neue Schuldenberge an, die dann von den Notenbanken
aufgekauft werden." Der Spielraum für Zinsanstiege werde dadurch weltweit immer
kleiner und der Anlagenotstand immer größer. "Das treibt die Anleger weltweit
in Sachanlagen wie Immobilien, Aktien, aber auch Gold."
Am Montagmorgen steht der DAX nahezu unverändert bei 12.848 Punkten nach 12.838
am Freitagabend und über 13.300 Zähler im Wochenverlauf. Der Goldpreis
kletterte am Freitag erstmals seit 2011 wieder über die Marke von 1.900 US-
Dollar die Feinunze und über das damalige Allzeithoch von knapp 1.902 US-
Dollar. In der Nacht zum Montag wurde mit fast 1.945 US-Dollar ein neues
Rekordhoch erreicht.
"Gewinneinbruch im zweiten Quartal war Tiefpunkt"
Die Berichtssaison über das zweite Quartal ist in vollem Gange. Hierzulande
legen in den kommenden Tagen unter anderem SAP, BASF, Deutsche Bank, Deutsche
Börse, Fresenius und Fresenius Medical Care, HeidelbergCement, VW und Linde
ihre Bücher offen. Für Markus Wallner von der Commerzbank ist die
Berichtsperiode bislang sehr überzeugend ausgefallen - zumindest auf den ersten
Blick. "Die Mehrzahl der deutschen Unternehmen übertraf die Erwartungen der
Analysten deutlich." Das habe aber auch an den zuvor drastisch reduzierten
Prognosen gelegen. "Dennoch ist der Einbruch im zweiten Quartal bei den
deutschen Unternehmen massiv, sollte aber gleichzeitig den Tiefpunkt
darstellen." Die Bank erwartet, dass die Analysten ihre Gewinnerwartungen bei
vielen Unternehmen wieder anheben werden.
"Analysten werden Gewinnerwartungen wieder anheben."
Charttechnisch sieht es nicht so schlecht aus: Nach Einschätzung der
technischen Analysten von der DZ Bank könnten die Bullen mit dem Beginn der
neuen Börsenwoche eine neue Aufwärtswelle in Richtung des Tiefs vom 23. Juli
bei 13.073 Punkten starten. Damit könne die technische Gegenreaktion der
letzten Tage als beendet angesehen werden. "Sobald die Aufwärtsbewegung das Gap
Closing vollzogen hat, sollten Anschlusskäufe die Kursentwicklung zum Tief vom
21. Februar bei 13.263 Punkte tendieren lassen."
Wichtige Konjunktur- und Wirtschaftsdaten
Montag, 27. Juli
10.00 Uhr. Deutschland: ifo-Geschäftsklimaindex Juli.
Mittwoch, 29. Juli
20.00 Uhr. Zinsentscheid der US-Notenbank. Neue Maßnahmen werden mehrheitlich
nicht erwartet.
Donnerstag, 30. Juli
8.00 Uhr. Deutschland: BIP zweites Quartal. Die Helaba rechnet mit einem Minus
von 7 Prozent gegenüber dem Vorquartal und knapp 9 Prozent gegenüber Vorjahr.
Für diese recht optimistische Prognose spreche nicht nur der neue wöchentliche
Aktivitätsindex der Deutschen Bundesbank, sondern auch der Einzelhandelsumsatz,
der sogar das Vor-Corona-Niveau überschritten habe. "Im zweiten Halbjahr wirkt
das deutsche Konjunkturprogramm mit der Mehrwertsteuersenkung und
beispielsweise dem Kinderbonus", ergänzt die Bank. Ein BIP-Rückgang von 5
Prozent im Gesamtjahr scheine damit erreichbar.
14.00 Uhr. Deutschland: Verbraucherpreise Juli. Die DekaBank erwartet die
umfassendste Weitergabe der Mehrwertsteuersenkung bei Energiegütern, gefolgt
vom Lebensmitteleinzelhandel. Aufgrund von Basiseffekten und gestiegenen
Benzinpreisen prognostiziert sie für die Jahresrate des Verbraucherpreisindex
aber nur einen Rückgang auf 0,6 Prozent.
14.30 Uhr. USA: BIP zweites Quartal. Das BIP in den USA ist gegenüber dem
ersten Quartal um rund 10 Prozent geschrumpft, meint die Commerzbank, was gemäß
US-Konventionen auf Jahresrate hochgerechnet einem Minus von 35 Prozent
entspreche. Allerdings zeigten Monatsindikatoren, dass sich die wirtschaftliche
Aktivität seit Ende April wegen der Lockerung der Kontaktbeschränkungen wieder
erhole.
Freitag, 31. Juli
11.00 Uhr. Eurozone: BIP zweites Quartal. Für den Euroraum erwartet man am
Markt einen Einbruch des BIP um rund 10 Prozent.
Von: Anna-Maria Borse
27. Juli 2020, © Deutsche Börse AG
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)