DIHK: Fachkräftemangel nimmt zu und bremst Wirtschaftswachstum
BERLIN (Dow Jones)--Der Personalmangel bei deutschen Unternehmen ist höher als noch vor der Corona-Krise und drückt das Wirtschaftswachstum empfindlich. Das ist das Ergebnis des DIHK-Reports Fachkräfte 2021. Mehr als die Hälfte der Unternehmen könnten derzeit offene Stellen zumindest vorübergehend nicht besetzen. Damit kommen laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) neben der Knappheit bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie Lieferkettenproblemen immer häufiger Engpässe bei Fachkräften hinzu.
"Wir haben also nicht nur Lieferprobleme in der Wertschöpfungskette, wir haben auch Fachkräfteprobleme in der Wertschöpfungskette", erklärte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks zu dem aktuellen Fachkräftereport, der auf einer Umfrage von Mitgliedsunternehmen beruht. "Das bremst die Wertschöpfung grob geschätzt um rund 90 Milliarden Euro - also circa 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Damit erweist sich der Fachkräftemangel als enorme Wachstumsbremse."
Der Fachkräftemangel in den Betrieben sei schneller und in größerem Umfang als von vielen erwartet. Deutschland habe bei den Arbeitskräften den Zenit erreicht.
In den kommenden Jahren werde es für die Unternehmen ein immer mühsameres Geschäft, sich gegen die Fachkräfteengpässe zu stemmen. Zur Energiewende geselle sich für die Betriebe nun auch die Herausforderung einer "Fachkräftewende".
Bau und Industrieunternehmen besonders betroffen
Von den rund 23.000 befragten Unternehmen sagten 51 Prozent, dass sie offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen können, weil sie keine passenden Arbeitskräfte finden. Das bedeutet laut DIHK nicht nur einen immensen Zuwachs gegenüber Herbst 2020, als lediglich 32 Prozent der Unternehmen von Fachkräfteengpässen berichteten. Es ist auch ein Plus gegenüber der Lage vor der Corona-Krise. Im Herbst 2019 hatten noch 47 Prozent der Betriebe Schwierigkeiten bei der Akquise neuer Mitarbeiter.
"Im Zweifel fehle nicht (nur) das Geld, sondern auch der Mensch. Und da dieser Fachkräftemangel natürlich auch die öffentliche Verwaltung betrifft, erschwert das über längere Genehmigungsverfahren den Betrieben zusätzlich das Leben", so Dercks.
Die größten Engpässe an qualifiziertem Personal sind demnach am Bau zu finden. Hier klagen 66 Prozent der befragten Unternehmen über den Fachkräftemangel.
Den stärksten Anstieg der Stellenbesetzungsprobleme gegenüber dem Vorjahr gibt es unter den Industrieunternehmen mit nun 53 Prozent nach 29 Prozent im Herbst 2020. Dabei lasse der besonders hohe Anteil von 57 Prozent bei den Investitionsgüterproduzenten wie etwa dem Maschinenbau befürchten, dass sich auch dadurch der Investitionsstau in Deutschland weiter verschärfe, so der DIHK.
Auf den Fachkräftemangel reagieren 53 Prozent der Unternehmen mit Aktivitäten in Richtung einer höheren Arbeitgeberattraktivität, 46 Prozent wollen die eigene Ausbildung intensivieren, um perspektivisch die Fachkräftebasis zu sichern. Platz drei der möglichen Maßnahmen teilen sich mit je 34 Prozent Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.
Die Unternehmen befürchten aufgrund des Fachkräftemangels gravierende Folgen für sich als Betrieb und für die Gesamtwirtschaft. Laut DIHK-Umfrage erwarten 85 Prozent der Unternehmen negative Auswirkungen. Sechs von zehn der befragten Betriebe sorgen sich um eine Mehrbelastung ihrer Belegschaften, 58 Prozent erwarten als Folge von Engpässen steigende Arbeitskosten - eine Entwicklung, die die anziehende Inflation noch weiter befeuern könnte. Außerdem gehen 43 Prozent der Unternehmen davon aus, dass sie Aufträge ablehnen oder ihr Angebot reduzieren müssen, weil nötiges Personal fehlt. Das bedeutet einen deutlichen Zuwachs gegenüber 2019 mit damals 39 Prozent und lässt weitreichende Konsequenzen erwarten, so der DIHK.
Kontakt zur Autorin: andrea.thomas@wsj.com
DJG/aat/mgo
(END) Dow Jones Newswires
November 22, 2021 07:47 ET (12:47 GMT)