DIW senkt Prognose für 2023 und erwartet Schrumpfung um 0,4 Prozent


Von Andreas Kißler

BERLIN (Dow Jones)--Aufgrund eines überraschend schwachen zweiten Quartals hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seine Wachstumsprognose für 2023 gesenkt. Auch für 2024 nahm das DIW seine Prognose zurück. "Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr als einzige große Volkswirtschaft leicht schrumpfen", erklärte das Institut. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte 2023 um 0,4 Prozent sinken, "weil das Minus aus dem ersten Quartal durch die langsame Erholung nicht wettgemacht werden kann". Im Sommer hatte das DIW noch lediglich eine Schrumpfung um 0,2 Prozent erwartet.

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Ins kommende Jahr dürfte die Wirtschaft dann aber schwungvoll starten und im Gesamtjahr 2024 um 1,2 Prozent zulegen. Im Sommer hatte das DIW hier allerdings ein Plus von 1,5 Prozent prognostiziert. Für 2025 prognostizierte das DIW ebenfalls 1,2 Prozent Wachstum. Die Inflation veranschlagte das DIW für dieses Jahr mit 6,1 Prozent, für kommendes Jahr dann aber mit 2,4 Prozent und 2025 mit 2,0 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen wird nach der Prognose dieses Jahr bei 2,592 Millionen liegen, kommendes bei 2,578 Millionen und übernächstes Jahr bei 2,458 Millionen. Die Arbeitslosenquote beträgt demnach 2023 und 2024 bei 5,6 Prozent und 2025 bei 5,3 Prozent.

Nach der Konjunkturprognose haben vor allem ein schleppender Konsum der privaten Haushalte in Deutschland und schwächelnde Exporte, nicht zuletzt aufgrund der Flaute der chinesischen Wirtschaft, die Erholung in Deutschland vorerst ausgebremst. Nach der Winterrezession habe die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal stagniert und werde im laufenden dritten Vierteljahr zunächst nur zaghaft wachsen. "Stärker ausfallende Lohn- und Gehaltszuwächse dürften die Kaufbereitschaft der Haushalte merklich verbessern und der Startschuss für den Erholungskurs der deutschen Wirtschaft sein", sagte die Co-Leiterin des DIW-Prognosebereichs, Geraldine Dany-Knedlik.

Lohnerhöhungen noch nicht angekommen

Zwar hätten sich zuletzt vielerorts Gewerkschaften und Arbeitgeber auf größere Lohnerhöhungen geeinigt, doch in den Portemonnaies der Beschäftigten angekommen seien diese, abgesehen von Teilen der Sonderzahlungen wie der Inflationsausgleichsprämie, längst noch nicht überall. Die Sonderzahlungen wiederum dürften viele Haushalte zunächst auf die hohe Kante gelegt haben - jedenfalls sei die Sparquote jüngst deutlich gestiegen. Die Inflation habe sich zuletzt hartnäckig gezeigt und werde laut der Prognose auch im Jahresdurchschnitt 2023 auf hohem Niveau liegen. Zudem beständen politische Unwägbarkeiten, beispielsweise durch die Hängepartie rund um das Gebäudeenergiegesetz, die die Anschaffungsneigung von Haushalten und auch Unternehmen bremsten.

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Nicht zuletzt angesichts der vorübergehend schwachen Auslandsnachfrage herrsche vor allem im verarbeitenden Gewerbe schlechte Stimmung, konstatierte das DIW. Zuletzt hätten sich die Aussichten auch im Dienstleistungssektor verdüstert - zum einen im unternehmensnahen Dienstleistungsbereich wie Transport und Logistik wegen der derzeitigen Schwäche der deutschen Industrie, und zum anderen auch im konsumnahen Dienstleistungsbereich, da sich trotz Lohnsteigerungen und Sonderzahlungen insbesondere Menschen mit geringem Einkommen einen Restaurant- oder Hotelbesuch derzeit kaum leisten könnten.

Die DIW-Konjunkturprognose rechne mit einer einsetzenden Erholung ab der zweiten Jahreshälfte. Zum Jahresende werde die deutsche Wirtschaft langsam wieder Fahrt aufnehmen. Wenn Löhne und Gehälter Anfang kommenden Jahres merklich stiegen und die Inflation abnehme, dürften vor allem die privaten Haushalte wieder ausgabefreudiger werden. Ende des kommenden Jahres werde die Inflation wohl wieder nahe des Ziels der Europäischen Zentralbank (EZB) von etwa 2 Prozent liegen. Zudem zeige sich der Arbeitsmarkt nach wie vor robust.

Finanzpolitik leistet kaum Beitrag zur Dynamik

Weiter abschwächen werde sich hingegen im kommenden Jahr die Investitionsdynamik, denn aufgrund einer restriktiven Finanzpolitik würden die öffentlichen Investitionen die Investitionsflaute in der Industrie nicht länger ausgleichen können. Die Unternehmen dürften sich im Jahresverlauf weiter zurückhalten und auf eine Zinssenkung der EZB spekulieren, sobald die Inflation eingedämmt sei. In Deutschland leistet die Finanzpolitik anders als zum Beispiel in den USA nach der Analyse des DIW kaum einen Beitrag zur wirtschaftlichen Dynamik.

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"Eine Einhaltung der Schuldenbremse im Jahr 2024 ist in diesen Krisenzeiten nicht zu rechtfertigen", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Sie dürfte dazu führen, dass wichtige Zukunftsinvestitionen und Entlastungen von Bevölkerung und Unternehmen ausblieben. Daher solle die Bundesregierung diese Priorität überdenken: Mit einem klugen Transformationsprogramm ließen sich sowohl Angebot als auch Nachfrage stärken, unter anderem indem die Politik Bürokratie und Regulierung abbaue, in Infrastruktur, Bildung und Forschung investiere und auf sozialen Ausgleich achte.

"Die Stimmung ist derzeit schlechter als die Realität. Politik und Wirtschaft müssen aufpassen, dass sich wirtschaftliche Sorgen und Ängste nicht weiter hochschaukeln und zu einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale führen, bei der fehlendes Vertrauen Investitionen und Konsum weiter schwächt", warnte Fratzscher. Die Politik benötige "eine klare wirtschaftspolitische Agenda mit einer überzeugenden Kommunikation, die nicht länger Ängste schürt, sondern Vertrauen schafft".

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