JPMorgan trotz Öl- und Zinsschock gelassen: Wo für Anleger die Risiken liegen
Ölpreis über 100 US-Dollar und US-Anleiherenditen nahe 5 Prozent setzen die Aktienmärkte unter Druck. JPMorgan gibt allerdings Entwarnung für Anleger - mit Einschränkungen.
Werte in diesem Artikel
- JPMorgan sieht Aktienmärkte trotz steigender Anleiherenditen weiter stabil
- Gesunde Gewinnmargen und niedrige Schulden stützen laut der Bank die These
- Strategen erwarten im Oktober eine Rückkehr zu den Fundamentaldaten
Der Markt hatte zuletzt deutliche Belastungsfaktoren zu verkraften. Doch trotz des zeitweisen Sprungs des Ölpreises über 100 US-Dollar sowie der Tatsache, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen zwischenzeitlich nahe 5 Prozent lag, sehen die Strategen von JPMorgan um Mislav Matejka die Aktienmärkte gut gerüstet. Wie aus einem Investing.com-Bericht hervorgeht, sei der bisherige Schaden begrenzt. Als Stütze nennen die Analysten gesunde Unternehmensgewinne und gering verschuldete Bilanzen in den wichtigsten Regionen.
Warum JPMorgan von einer bloßen Verdauung spricht
Der Anstieg des Brent-Rohölpreises über 100 US-Dollar in den vergangenen zwei Wochen und die parallele Bewegung bei den Anleiherenditen hätten die Märkte belastet. Das Team um Matejka ordnet die Reaktion jedoch als Verdauung ein, nicht als Vorbote eines Gewinneinbruchs. Der Markt verdaue einen Öl- und Zinsschock, statt einen Gewinneinbruch einzupreisen, so die Strategen. Kurzfristig könne die Volatilität wegen der saisonal schwachen Entwicklung im September und einer ausbleibenden geopolitischen Lösung anhalten. JPMorgan rechnet aber damit, dass sich die Märkte im Oktober wieder stärker an den Fundamentaldaten orientieren.
Margen auf Rekordniveau, Gewinnwachstum breiter verteilt
Die Gewinnmargen seien im Allgemeinen sehr gesund und lägen in den USA, Europa und Japan über den langfristigen Durchschnittswerten, so die Strategen. Die meisten Unternehmen in allen drei Regionen seien auf dem Weg zu einem starken oder rekordverdächtigen Profitabilitätsjahr 2026, nachdem die im zweiten Quartal beobachteten Margen bereits neue Höchststände markiert hätten. Die Ertragsstärke reiche mittlerweile über den Technologiesektor hinaus: Der weltweite Anteil der Unternehmen mit erwartetem positivem Gewinnwachstum je Aktie für 2026 steige den Analysten zufolge auf über 80 Prozent. In Europa blieben die Margen deutlich über dem langfristigen Schnitt, selbst wenn die Schwäche im Automobilsektor den Bereich Nicht-Basiskonsumgüter belaste.
Bilanzen mit Puffer, Inflationserwartungen stabil
Die Nettoverschuldungsquoten lägen typischerweise 20 bis 40 Prozent unter den historischen Durchschnittswerten, die Duration der Unternehmensanleihen bei etwa fünf bis sechs Jahren. Das mache Unternehmen kurzfristig weniger anfällig für steigende Zinsen, so die Einschätzung. Das Kreditanalystenteam der Bank geht davon aus, dass anstehende Unternehmensanleiheemissionen, auch aus dem KI-Sektor, vom Markt gut aufgenommen werden. Anders als 2022 hätten sich die Inflationserwartungen trotz der Ölpreisbewegung der vergangenen zwei Wochen nicht von ihrem Anker gelöst, was sich an stabil gebliebenen langfristigen Markterwartungen für die Inflation ablesen lasse. Das verringere laut den Strategen das Risiko einer weiteren Beschleunigung der Zinsbewegung und spreche dafür, dass der Markt den Ölpreisschock als vorübergehend einstuft, typischerweise ein besseres Umfeld für Aktien, um kurzfristige Volatilität zu überstehen.
Wo die Zuversicht der Bank Grenzen hat
Die Argumentation der Bank stützt sich vor allem auf Kennzahlen, die die Vergangenheit beschreiben, Margen, Verschuldung, Emissionsverhalten, während der eigentliche Belastungsfaktor selbst, hohe Ölpreise und Renditen nahe fünf Prozent, nach eigener Einschätzung der Strategen noch nicht gelöst ist. JPMorgan selbst räumt ein, dass Margen historisch im Schnitt acht bis neun Quartale vor wirtschaftlichen Abschwüngen ihren Höhepunkt erreichen. Dass die Margen im zweiten Quartal ein neues Hoch markierten, lässt sich damit ebenso als Bestätigung der These wie als Hinweis auf einen bereits fortgeschrittenen Zyklus lesen. Ob die Bank mit ihrer Einschätzung richtig liegt, dürfte sich erst zeigen, wenn Ölpreis und Renditen tatsächlich wieder nachgeben oder eben nicht.
Was bedeutet das für Anleger?
Trotz der aktuellen Belastungsfaktoren gibt es laut JPMorgan vorerst keinen Grund für Alarmstimmung. Entscheidend für Anleger bleibt jedoch, ob die Inflationserwartungen stabil verankert bleiben und die Gewinnmargen standhalten. Die anstehende Berichtssaison im Oktober wird somit zum Härtetest: Sie dürfte zeigen, ob die robuste Gewinnentwicklung den Belastungen durch hohe Energiepreise und Finanzierungskosten tatsächlich trotzen kann.
Claudia Stephan, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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