Deutscher Konjunkturpessimismus gegen deutschen Aktienoptimismus - Wer gewinnt?
Deutschland leidet an chronischer Konjunkturmüdigkeit wegen äußerer, aber nicht zuletzt wegen hausgemachter innerer Handicaps. Und so will sich die seit Sommer 2021 im Trend schlechte Konjunkturlaune nicht nachhaltig aufhellen. Doch wie relevant sind nationale (wirtschafts-)politische Befindlichkeiten für die deutsche Aktienlaune?
Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel
Potenzielle Entspannungen in der Iran-Krise sorgen nur für einen kleinen Hoffnungsschimmer in der deutschen Wirtschaft. Zwar haben sich die ifo Geschäftserwartungen nach vorherigem Einbruch auf niedrigem Niveau stabilisiert.
Eine Schwalbe macht jedoch noch keinen Sommer. Denn dass sich die Erwartungshaltung wieder unterhalb der miserablen Geschäftslage etabliert hat, ist nach rund einem Jahr "Investitionsoffensive" für Infrastruktur und Verteidigung regelrecht bedrückend. Das entscheidende Problem war, ist und bleibt, dass fehlende Strukturreformen, u.a. Deregulierung, Steuersenkungen, Digitalisierung, Bildung und Zweckentfremdung von Mitteln, wie Blei auf den Aufschwung wirken. War die Diskrepanz zwischen Reformversprechen und Umsetzung jemals höher? Folglich hat der Sachverständigenrat in seinem Frühjahrsgutachten die Wachstumserwartungen für dieses Jahr auf 0,5 nach zuvor 0,9 Prozent gesenkt.
Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe hält sich die Moll-Stimmung zäh. Im Wettbewerbsvergleich lassen hohe Energiepreise, drohende Materialpässe und die allgemeine Erosion der Standortqualitäten keine Aufbruchstimmung aufkommen.
Selbst die Stabilisierung der Weltwirtschaft schlägt sich nicht wie historisch üblich in positiven Nachfrageimpulsen für den deutschen Export nieder, im Gegenteil. China jagt der deutschen Außenhandelswirtschaft mit kostengünstiger Überproduktion stetig Marktanteile ab. Überhaupt hat sich das Land der Mitte vom Import- zum Exportmarkt entwickelt.
Auch auf anderen Exportmärkten stehen energieintensive Industriezweige unter Druck und rechnen laut ifo Exporterwartungen mit weiteren Rückgängen. Insbesondere die Automobilindustrie muss weitere Dämpfer verkraften. Über Produktionsverlagerungen auf ausländische Märkte mit attraktiveren Standortbedingungen und mehr Nähe zu lokalen Kunden schreitet das Ausbluten der hiesigen Industriepräsenz voran.
Zwar können sich Dienstleister auf niedrigem Niveau weiter stabilisieren. Doch dagegen hält die Friedhofsstimmung auf dem Bau an, zumal zuletzt die Hypothekenzinsen gestiegen sind. Auch der Handel kommt wegen des Angst-Sparens nicht aus der Misere. Inflationssorgen und Konjunkturverunsicherung bremsen die Kauflust der Verbraucher.
Trotz jüngster Verbesserungen bewegt sich der GfK Konsumklimaindex absolut weiter auf niedrigem Niveau. Die Subindices Anschaffungsneigung, Konjunktur- und Einkommenserwartungen signalisieren mindestens binnenkonjunkturelle Stagnation im Sommer.
Der deutsche Aktienmarkt emanzipiert sich vom deutschen Wirtschaftsstandort
Das deutsche Aktienbild hat mit dem deutschen Konjunkturbild wenig zu tun. Denn aufgrund des gravierenden Standortnachteils verstärken viele börsennotierte Industrieunternehmen ihre Aktivitäten in wirtschaftsfreundlicher aufgestellten Auslandsstandorten. Der dort gegenüber Deutschland klar bessere Gewinntrend spricht Bände.
Das erklärt auch den kleiner werdenden Zusammenhang zwischen ifo Geschäftserwartungen und DAX.
Auf Branchenebene stellen die lange leidgeplagten Chemie-Werte ihre Produktion von Massenfertigung auf höhermargige Spezialgüter um. Technologiewerte sind wenig konjunkturlastig und profitieren langfristig von der digitalen Durchdringung der Weltwirtschaft. Krisengewinner sind vor allem Energiewerte und Versorgeraktien, die von der strukturell anziehenden Energienachfrage bei höheren Preisen profitieren.
Diese Branchen finden ebenso großen Anklang im MDAX. Im Übrigen profitiert auch die zweite Aktien-Reihe von der Internationalisierung seiner Indexmitglieder. Der MDAX performt den großen Bruder DAX seit 2025 sogar out. Noch ein Beweis, dass der deutsche Aktienoptimismus den deutschen Konjunkturpessimismus schlägt.
Grafik der Woche
Trotz seiner relativen Stärke notiert der MDAX gegenüber DAX mit einem klaren Bewertungsabschlag gegenüber dem 10-Jahres-Durchschnitt.
Marktlage - Risiken werden nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht werden
Dennoch muss Wasser in den süßen Wein gegossen werden: Aufgrund der Führerschaft der Amerikaner in den wesentlichen Zukunftsbranchen und einer wirtschaftsfreundlichen Gesinnung haben sie im transatlantischen Vergleich die Nase vorn.
Trotz bislang widersprüchlicher Meldungen über eine Deeskalation bleiben die Märkte hinsichtlich der Aussichten auf Frieden zwischen den USA und dem Iran optimistisch. Der Glaube an die Vernunft ist groß, dass die aktuellen Verhandlungen über einen Waffenstillstand auch zu einer erkennbaren Öffnung der Straße von Hormuz führen können. Immerhin, ein zwischenzeitlich erstmals seit gut einem Monat unter der Marke von 100 US-Dollar notierender Ölpreis lässt aufatmen.
Mit einer Deeskalation wären auch Entspannungen bei den kurzfristigen Inflationserwartungen in der Eurozone verbunden, die den aktuell restriktiven Handlungsdruck auf die EZB verringern. Die längerfristigen Inflationserwartungen haben sich ohnehin kaum erhöht.
Grundsätzlich weiß die EZB wie jede andere Notenbank, dass die 1:1-Verfolgung der Preisstabilität die Finanz- und Konjunkturstabilität 1:1 schädigen würde. Zur Wahrung ihrer Glaubwürdigkeit könnte die EZB mit zwei Sicherheits-Zinsanhebungen im Juni und September die Zinserhöhungs-Sache hinter sich bringen.
Zinserhöhungen sind in den USA unter dem neue Fed-Chef Kevin Warsh kein Thema. Auch der spekulative Druck der Zins-Terminmärkte auf fallende Anleihekurse und spiegelbildlich auf steigende Renditen hat sich zuletzt nicht weiter erhöht.
Vor diesem Hintergrund geht auch keine Gefahr von plötzlichen Zinsverteuerungen auf die Wertpapierkredite an der New York Stock Exchange aus. Sie befinden sich absolut zwar auf Allzeithoch. Im Verhältnis zur Gesamtkapitalisierung des S&P 500 sind sie jedoch weit entfernt von früheren Höchstständen während der Dotcom-Blase im Jahr 2000 oder der US-Immobilienblase 2006.
Für erneute Blasengerüchte bei Tech sorgt der bevorstehende "heiße" IPO-Sommer, nachdem SpaceX und OpenAI den Zeitpunkt für ihre Börsendebüts konkretisiert haben.
Sicherlich lassen sich gewisse Parallelen zur Tech-Euphorie der späten 1990er Jahre nicht leugnen: Schließlich werden weitere Unternehmen wie damals die überschwängliche Tech-Stimmung nutzen, um zu ambitionierten Kursen Kapital am Markt einzusammeln. So könnten o.g. Unternehmen Schätzungen zufolge mit bis zu drei Billionen US-Dollar bewertet werden, obwohl sie noch nicht nachhaltig schwarze Zahlen schreiben.
Historisch musste sich bislang jedes Anlagethema nach anfänglichem Überschwang an der Realität messen. Sollte es also nach dem Motto "buy the rumor, sell the fact" zu Kurskorrekturen kommen, könnten diese vorübergehend auch auf den gesamten Tech-Sektor übergreifen. Eine ähnliche Existenzkrise wie beim Neuen Markt mit lang dauerndem Bärenmarkt ist mit Blick auf die nachvollziehbaren Geschäftsmodelle bei Raumfahrt, High-Tech und KI nicht zu erwarten.
Und so werden Anleger einen zweiten fundamentalen Blick auf diese Branchen werfen, wenn sich nach einem Rücksetzer die Anlage-Wogen wieder geglättet haben. So soll das US-Space Force-Budget 2027 bei 71 Mrd. US-Dollar und damit 78 Prozent gegenüber Vorjahr liegen. Darüber hinaus werden sich dann ebenso die Bedeutung, Rentabilität, technologischen Vorteile sowie die Festigkeit der Burggräben von High Tech erneut offenbaren. Schließlich vereinen sie nicht nur einen überproportionalen Anteil der Marktkapitalisierung an der Börse auf sich, sondern auch den Löwenanteil des Gewinnwachstums. Überhaupt macht die Digitalwirtschaft den neuen, für Prosperität sorgenden Unterbau der US-Konjunktur aus. Im Vergleich zur Internet-Blase ist heute deutlich mehr Fleisch am Knochen. Und aus Bewertungssicht sind US-Tech-Aktien aktuell im historischen Vergleich gemäßigt bewertet.
Sentiment und Charttechnik DAX - Im Sommer etwas schwankungsbreiter
Die spekulativen Netto-Long-Positionen am US-Aktienmarkt zeigen eine klar ansteigende Risikobereitschaft, die Raum für Korrekturen lässt.
Vor allem in der umsatzschwächeren Sommerzeit kann es volatiler zugehen, gerade auch im Hinblick auf den Live-Ticker zu den Themen Geo- und Geldpolitik. Doch kommen die Aktienbörsen mit den aktuellen Handicaps erstaunlich gut zurecht. Gleichzeitig sind sie von überschäumender Euphorie als Frühwarnung vor massiven Aktien-Rückschläge weit entfernt. Dass Anleger weiter nach Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten, spricht für eine anhaltend freundliche Börsenstimmung.
Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben Widerstände bei 25.150, 25.180 und 25.390 Punkten. Darüber befinden sich die nächsten Barrieren bei 25.440, 25.508 und 25.510. Auf der Unterseite liegen Unterstützungen bei 24.941, 24.889 und 24.800. Weitere Auffanglinien liegen bei 24.765, 24.690 und 24.635 Punkten.
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Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums begann Robert Halver seinen beruflichen Werdegang zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen. Anschließend arbeitete er als Analyst und Aktienstratege bei der Privatbank Delbrück & Co in Frankfurt.
2001 wechselte Robert Halver zur Schweizer Privatbank Vontobel. Sein Aufgabenschwerpunkt war die Formulierung der Anlagestrategie der Vontobel Gruppe in Deutschland.
Seit 2008 leitet Herr Halver die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG in Frankfurt. In dieser Funktion ist er auch für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.
Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.
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