Summertime and the (monetary) living is easy
Ist Kevin Warsh als neuer US-Notenbankchef doch weniger Taube und mehr Falke? Auf ihrer letzten Sitzung hat die Fed zwar ihre Inflationsprognosen angehoben und zeigt sich auch in den Zinsprojektionen kritischer.
Inflationskümmernde Glaubwürdigkeit legt der Neue bei der Fed bislang dennoch lediglich theoretisch an den Tag, nicht in praktischem Handeln und schon gar nicht mit Zinsrestriktionen.
Der energieseitig nachlassende Inflationsdruck…
Wie erwartet belässt die US-Notenbank ihren Leitzins bei unverändert 3,75 Prozent. Um Glaubwürdigkeit aufzubauen und um nicht als Mündel von Trump zu gelten, hat der neue Fed-Chef auf seiner ersten Sitzung auf die jüngste Inflationsbeschleunigung reagiert. Außerdem liege die Inflation seit mehr als fünf Jahren über dem 2 Prozent-Ziel. Indem sie den "easing bias", also die Signalisierung einer auf Lockerung ausgerichteten Zinspolitik aus ihrem Statement streicht, schlägt die Fed einen wenig zinssenkungsfreundlichen Unterton an. Außerdem betont sie klar: Sie wird Preisstabilität liefern.
Doch betont Warsh im Rahmen eines neuen zurückhaltenderen Kommunikationsstils, dass er wenig von Forward Guidance, von Hinweisen auf zukünftig geplante Zinsschritte, halte. Um das zu untermauern, gab er im Rahmen der vielbeachteten Zinsprojektionen keine Einschätzung ab. Das gibt ihm sehr viel Beinfreiheit für restriktivere, aber auch freizügigere Zinspolitik. Dabei verweist Warsh auch darauf, dass sich die Fed im Rahmen einer Arbeitsgruppe mit neuen Inflationsmaßen beschäftigt. So ist ein von ihm bevorzugtes Inflationsmaß die sog. Trimmed Mean Inflation Rate: Sie bildet Preissteigerungen in ihrer volkswirtschaftlichen Breite ab und ignoriert Ausreißer nach oben und unten. Und insgesamt zeigt dieser Index im Vergleich zu anderen Inflationskennzahlen noch keine steigende Tendenz an. Mit Blick auf die Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran, die u.a. eine zollfreie Öffnung der Straße von Hormuz innerhalb von 30 Tagen in Aussicht stellt, sind Warsh wohl Steine vom Herzen gefallen. Er muss sich keiner harten Zinserhöhungsrhetorik bedienen. Denn die energieseitig gestiegenen Inflationserwartungen haben sich bereits wieder reduziert, was zukünftig viel restriktiven Handlungsdruck von der Fed nimmt. Eine allmähliche Normalisierung der Ölproduktion und -lieferketten würde sogar weiteren Entspannungen der Öl- und Gaspreise Vorschub leisten. Ab Februar 2027 ist im Vorjahresvergleich mit einer strammen Energiepreis-Deflation zu rechnen. Im Übrigen ließe sich die bislang nur für 60 Tage vereinbarte Öffnung der Schifffahrtsroute bei tatsächlich nicht zu erwartendem, kurzfristigem Abschluss eines finalen Friedensabkommens zwischen Amerika und Iran sicherlich verlängern. So muss niemand frühzeitig in den sauren Apfel von unangenehmen Kompromissen beißen. Stattdessen wird Zeit gewonnen. Grundsätzlich haben beide Konfliktparteien ein wirtschaftliches und politisches Interesse an einer Deeskalation. Zwischenzeitlich martialische Töne und militärische Scheingefechte sollten diese Einschätzung nicht beiseiteschieben. Vor diesem Hintergrund gehen die Inflationsprojektionen der Fed (2026: 3,6 statt 2,7 Prozent; 2027: 2,3 statt 2,2 Prozent; 2028: 2,0 Prozent) zunächst zwar von spürbar erhöhter, dann aber wieder abflachender Inflation aus. Das dokumentiert keinen nachhaltigen Preissteigerungs-Schock, zumal der produktivitätssteigernde Effekt durch KI immer größer wird. Es spricht nichts für Zinserhöhungen. …und das High-Tech-Klumpenrisiko der US-Wirtschaft sprechen nicht für Zinserhöhungen Die insgesamt soliden Wachstumsprojektionen der Fed (2026: 2,2 nach 2,4 Prozent; 2027: unverändert 2,3 und 2028: 2,2 nach 2,1) verdecken zunächst, dass sich das US-Wachstum klumpenartig vor allem auf Investitionen in Software und IT-Ausrüstung konzentriert. Ohne die massiven KI-Ausgaben u.a. für Rechenzentren wären die Bruttoanlageinvestitionen in Amerika seit Ende 2024 sogar rückläufig. Prinzipiell bevorzugt die US-Notenbank einen möglichst breiten Konjunkturaufschwung, der dann ebenso die Wirtschaft allgemein widerstandsfähiger macht. Der Fed fehlt die gesunde gesamtwirtschaftliche Breite der old economy. Tatsächlich ist die Investitionsplanung von US-Kleinunternehmen dramatisch auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise 2009 gefallen. Derzeit bekommen sie steigende Kosten für Vorprodukte und Benzin bei begrenzter Preissetzungsmacht, Lieferkettenstörungen und Zollhemmnisse sowie vergleichsweise hohe Kapitalmarktzinsen schmerzhaft zu spüren Diese wirtschaftliche Unsicherheit beeinträchtigt auch die allgemeine Konsumstimmung. Zwar halten sich hier die Reibungsverluste beim privaten Konsum noch in Grenzen, da die wohlhabendsten 20 Prozent der Haushalte weiter großzügig Geld ausgeben. Sollten diese Verbraucher jedoch ihre Ausgaben nur geringfügig drosseln, würde eine wesentliche Säule des US-Wachstums einknicken. Im Rahmen ihres dualen Mandats wird die Fed daher gegenüber einer entspannteren Preis- vor allem ein verstärktes Augenmerk auf Konjunkturstabilität legen. Zinserhöhungen sind nicht zu erwarten. Und was ist mit Zinssenkungen? Dennoch geht die Fed in ihren Zinsprojektionen (sog. "Dot Plot") nicht mehr von einer Zinssenkung 2026 aus. Vielmehr rechnet sie in diesem Jahr mit einer Erhöhung um 25 Basispunkte, die sie 2027 dann wieder zurücknimmt. Praktisch wird sie dieses Zins-Hin und -Her möglichst verhindern, um die Märkte nicht zu verunsichern. Für 2028 geht sie schließlich von einer Zinssenkung um 25 Basispunkte aus. Aufgeschoben ist also nicht aufgehoben. Dann läge der US-Leitzins bei 3,25 Prozent und damit 15 Basispunkte über dem von der Fed als langfristig angemessen Niveau. Dies spräche für eine weitere Zinslockerung.
Sicher hat Fed-Präsident Kevin Warsh bei Zinssenkungen im Fed-Direktorium kein leichtes Spiel. Doch könnte er im Gegenzug für Leitzinssenkungen darauf hinarbeiten, dass die Fed keine neuen Staatsanleihekäufe tätigt und sogar ihre Bilanzsumme verringert. Diese könnte sie zunächst über den Abbau ihrer rund zwei Bill. Dollar starken Bestände an immobilienbesicherten Anleihen - sehr vorsichtig über den Verzicht auf Wiederanlage bei Fälligkeit - um ein Drittel schrumpfen. Soll darüber hinaus noch der im Besitz der Fed befindliche Bestand an US-Staatsanleihen verringert werden, könnte man die Eigenkapitalunterlegung der US-Banken bei Kauf von amerikanischen Bonds wie zur Zeit der Corona-Krise erneut aussetzen. Mit US-Banken als alternativen Liquiditätsspendern und Abnehmern von Staatsschulden sind großflächige Ansteckungseffekte auf Konjunktur sowie Anleihe- und Aktienmärkte nicht zu befürchten.
Marktlage - Nicht nur die Stamm-Spieler, auch die zweite US-Börsenreihe kann Tore schießen
Sicherlich müssen die Finanzmärkte den frischen Wind bei der Fed noch einzuordnen lernen.
Dennoch profitieren konjunktursensible US-Nebenwerte von nachgebenden Inflationserwartungen. Mittlerweile haben US-Mittelstandsaktien aus dem Russell 2000 bereits ihre relative Schwäche gegenüber großen S&P-500-Unternehmen beendet und laufen seitwärts. Über eine wirtschaftliche Erholung nach Zoll- und Energiekrise und eine effizienzsteigernde Produktion durch KI-Anwendungen ist weiteres Aufholpotenzial der konjunkturabhängigen Zykliker vor allem aus der zweiten Unternehmens-Reihe vorhanden.
Zudem werden die Small und Mid Caps gegenüber den großen Indexschwergewichten des S&P 500 anhaltend mit einem fundamental übertriebenen Bewertungsabschlag von etwa einem Drittel gehandelt. In Japan hatten Anleger die geldpolitische Verschärfung durch die Leitzinserhöhung der Bank of Japan von 0,75 auf 1,0 Prozent erwartet. Wie bei der EZB und der Fed müssen Anleger aber auch bei der BoJ zwischen den Zeilen lesen. Bislang fünf Zinserhöhungen über einen Zeitraum von zwei Jahren lassen erkennen, dass es Japans Notenbank mit der Inflationsbekämpfung nicht besonders ehrlich nimmt.
Und auch zukünftig wird ihre Geldpolitik nur mäßig restriktiv sein. Dafür sprechen Japans massive Überschuldung mit dem gut doppelten seiner Wirtschaftsleistung und die Modernisierung des Wirtschaftsstandorts, die ebenso kreditfinanziert werden.
Nach Inflation sind japanische Kurzfristzinsen real weiter klar negativ. So bleibt das japanische Zinsumfeld trotz der mittlerweile höchsten Leitzinsen seit August 1995 sehr finanzierungsgünstig. Da realzinsseitig auch keine besondere Yen-Stärke zu erwarten ist, sollten die Gefahren vor dramatisch einbrechenden Yen-Carry-Trades als bedeutende Liquiditätsstütze für die globalen Finanzmärkte nicht überschätzt werden.
Sentiment und Charttechnik DAX - Der Himmel ist ziemlich wolkenfrei
Sentimenttechnisch ist kein heftiger Ausverkauf zu erwarten. Laut Association of Individual Investor dominieren derzeit die Pessimisten den US-Aktienmarkt, so dass Korrekturpotenziale begrenzt sind. Rücksetzer sollten Anleger für eine selektive Aufstockung ihrer Aktienpositionen bei Tech- und Konjunkturwerten nutzen. Dagegen hat übertriebenes Zinssparen nach Inflation mit Masochismus zu tun. Nicht umsonst ist die Aktieninvestitionsquote unter US-Fondsmanagern ungebrochen hoch.
Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben Widerstände bei 25.075, 25.200 und 25.500 Punkten. Auf der Unterseite liegen Unterstützungen bei 24.760, 24.750 und 24.500 Punkten.
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Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums begann Robert Halver seinen beruflichen Werdegang zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen. Anschließend arbeitete er als Analyst und Aktienstratege bei der Privatbank Delbrück & Co in Frankfurt.
2001 wechselte Robert Halver zur Schweizer Privatbank Vontobel. Sein Aufgabenschwerpunkt war die Formulierung der Anlagestrategie der Vontobel Gruppe in Deutschland.
Seit 2008 leitet Herr Halver die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG in Frankfurt. In dieser Funktion ist er auch für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.
Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.
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