Und was ist mit chinesischen Aktien?
Chinesische Aktien zeigen wegen fundamentaler Desillusionierung anhaltende Ladehemmung. Um wieder mehr wirtschaftlichen Schwung zu erzielen, der auch einen positiven Vermögenseffekt auslöst, fokussiert Peking auf konsequente Förderung von Zukunftsfeldern. Jedoch bleiben ideologische Vorgaben und Intransparenz hartnäckige Bremsklötze für die chinesische Börse. Währenddessen sind die US-Börsen und der DAX in Rekordlaune.
Chinas Wirtschaftskraft bröckelt
Chinas Wachstum hat sich im II. Quartal mit 4,3 nach zuvor 5 Prozent zum Vorjahr auf das schwächste Tempo seit dem Null-Covid-Lockdown 2022 verlangsamt. Selbst diese Zahl ist bei näherem Hinschauen mit Vorsicht zu genießen. Kann man eine gewisse Schönung wirklich von der Hand weisen? Unabhängig davon ist die Wirtschaft mit margendrückender Überproduktion und deflationärer Verbraucherzurückhaltung belastet.
Bislang schrumpfende Investitionen auch der Staatsunternehmen in Industrie und Infrastruktur spiegeln den binnenwirtschaftlichen Abschwung wider. Der Immobiliensektor bleibt das enfant terrible. Immerhin hat sich sein Anteil an der Gesamtwirtschaft seit 2021 von 25 auf rund 10 Prozent verringert.
Vor allem verliert China im globalen Standortvergleich an Strahlkraft. Westliche Unternehmen haben dem Land der Mitte auch aus Gründen nicht immer fairer Behandlung vielfach den Rücken gekehrt. Und die Exportstärke reicht nicht aus, die strukturellen Defizite (Konsum- und Immobilienschwäche, sinkende Investitionen, handels- und geopolitische Verunsicherungen) zu kompensieren. Amerika (vor allem wegen KI-Investitionen), Japan und die Eurozone zeigen dagegen großes positives wirtschaftliches Überraschungspotenzial.
Statt Beton setzt Peking auf High-Tech
Daher richtet Peking seine Wirtschaft massiv auf Zukunftstechnologien aus. Die klassischen Wachstumstreiber Immobilien und Infrastruktur verlieren massiv an Bedeutung und werden durch Investitionen in Halbleiter, Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und erneuerbare Energien ersetzt. Dadurch sollen Fortschritte in Produktivität und Effizienz der Wirtschaft erreicht werden.
Zugleich gewinnt Raumfahrt an Gewicht. Im geostrategischen Wettbewerb mit den USA will China bei Schlüsseltechnologien wie Satelliten, Raketen und orbitaler Kommunikation bloß nicht zurückfallen.
Übergeordnetes Ziel ist der Aufbau eines eigenständigen unabhängigen KI-Ökosystems entlang der gesamten Wertschöpfungskette, der der US-Konkurrenz zunehmend Paroli bietet.
Gut gefaucht Drache, aber wie viel Feuerkraft kommt chinesischen Aktien zugute?
Vor diesem Hintergrund stehen für Anleger grundsätzlich nicht Chinas Aktienmärkte in toto im Fokus, sondern die fundamental attraktivsten Branchen- und Einzeltitel. Statt "old economy" erhalten KI- und zugehörige Sektoren wie Speicherchips und Halbleiter, Telekomunikation, High-Tech-nahe Investitionsgüter und Minen- bzw. Grundstoffe Rückenwind.
Die Bewertung chinesischer Aktien hat sich seit Jahresbeginn deutlich entspannt. Im Vergleich zu ihrem 10-Jahres-Durchschnitt sind sie wieder günstiger zu haben.
Aber der Preis hat auch mit Wertschätzung zu tun. Denn im Vergleich zu US-, aber auch Aktien anderer Schwellenländer hat die chinesische Börse mit systemimmanenten Handicaps zu kämpfen.
Amerika macht dem Erzrivalen im technologischen Wettstreit das Leben schwer. Die US-Regierung arbeitet an einem Verbot für chinesische Hardware in US-Rechenzentren. Aber auch Japan, Südkorea und Taiwan verteidigen ihre High-Tech-Pfründe mit allen Kräften.
Hinzu kommen die bekannten sozialistischen Handicaps. So müssen Chinas Unternehmen ihre Ziele mit dem ideologischen Überbau der KP in Einklang bringen. Obwohl Plan- der Marktwirtschaft und dem freigeistigen Modell der USA erkennbar unterlegen ist, bleibt sie auch zu Kontrollzwecken fest im Betriebssystem Chinas verankert. Um die technologische Unabhängigkeit der chinesischen Wirtschaft über ein eigenes KI-Ökosystem zu beschleunigen, fördert Peking zwar Open-Source-Konzepte. Tatsächlich mögen sie auch teilweise günstiger als die der US-Konkurrenz sein. Wegen ihrer allgemeinen Zugänglichkeit sind sie aber auch margenschwächer als die US-Konkurrenz. Ohnehin fürchten ausländische Anwender Datendiebstahl bei ihrer Anwendung. In Verbindung mit sehr eingeschränkter Transparenz im Börsengeschehen sowie in wirtschaftlichen und politischen Prozessen sind chinesischen Aktien-Fantasien trotz fundamentaler Verbesserung Grenzen gesetzt.
Andere Länder in Asien und Südamerika bieten attraktive Alternativen, um das Anlagethema Emerging Markets abzudecken. Und an westliche Aktienstandards kommt China ohnehin nicht heran.
Marktlage - Ab und zu ein paar Wolken, aber kein verregneter Börsen-Sommer
Es sieht so aus, als hätten sich der Iran und Oman auf eine Einreiseroute von Schiffen durch iranische Gewässer und eine Ausreiseroute über omanisches Gebiet geeinigt. Doch offen ist die Meerenge damit nicht. Es gibt keinen Durchbruch bei den amerikanisch-iranischen Verhandlungen. Also warten die Finanzmärkte weiter auf eine baldige Verständigung. Immerhin, zuletzt im Trend nachgebende Ölpreise sorgen über beruhigte Inflations- und Zinserhöhungsängste für allgemein gute Stimmung an den Aktienmärkten und auch beim Gold.
Hierzu liefert die US-Berichtssaison für das II. Quartal mit überraschend starkem Gewinnwachstum zum Vorjahresquartal weitere Unterstützung. Laut FactSet liegt es im S&P 500 bei knapp 48 Prozent. Offensichtlich bleibt KI grundsätzlich ein maßgeblicher Wachstumstreiber, die von zunehmenden Anwendungen in allen Branchen profitiert.
Bei High-Tech sollte der auf 2027 verschobene Börsengang von OpenAI nicht negativ überinterpretiert werden. Denn würde er zu einem Misserfolg, wäre das für High-Tech weitaus fataler.
Dass die Gewinne selbst ohne die massiven Zuwächse vereinzelter Tech-Champions um rund 30 Prozent gestiegen sind, spricht für wachsende Marktbreite. Die zeigt sich ebenso im bisherigen Jahresverlauf in einer Outperformance der gleichgewichteten Variante des S&P 500 - bereinigt also um die starke Übergewichtung der Tech-Champions - gegenüber dem klassischen Index.
Daneben geben die insgesamt soliden Unternehmensausblicke kaum Hinweise auf negative Auswirkungen der hohen Energiepreise. Tatsächlich werden in den USA stabil steigende Gewinne für die nächsten 12 Monate erwartet.
Im Übrigen stimmen auch europäische Zykliker aus den Sektoren Industrie, Grundstoffe und Banken in den Positivismus mit ein. Wenn Anleger die deutsche Wirtschaftsbrille absetzen, stellen sie eben fest, dass die Welt ex Deutschland wächst und sich daran deutsche Unternehmen (siehe kürzliches Allzeithoch beim DAX) alternativ laben.
Die erste gemeinsame Devisenintervention Amerikas und Japans zur Yen-Stabilisierung seit März 2011 sollte Anleger nicht irritieren, was zunächst Befürchtungen über ein Stottern der japanischen Liquiditätsmaschine hervorrief.
Eine Stärkung des Yen ist zur Begrenzung der importierten Inflation für Japan zwar wünschenswert. Aber eine zu kräftige Yen-Aufwertung wäre für Japan als Exportnation schädlich.
Die USA haben erst recht kein Interesse an einer nachhaltigen Yen-Stärke, die zu einer Auflösung großer Yen-Carry-Trades führen könnte. Denn drohten japanischen Anlegern Währungsverluste, wären sie zur Auflösung ihrer gewaltigen Positionen an den US-Finanzmärkten mit in der Folge Zins- und Renditesteigerungen gezwungen. Amerika kann aufgrund seiner extremen Überschuldung von Staat und Verbrauchern keinen erschwerten Schuldendienst gebrauchen.
Aber auch für Anleger weltweit ist die weiter zinsgünstige Geldaufnahme in Japan mit einem grundsätzlich schwachen Yen begehrt, da sie Investitionen in global höherrentierliches Anlagevermögen schmiert.
Insgesamt müssen Börsen keinen Yen-Aufwertungsschock befürchten. Für Euro-Anleger heißt eine Stabilisierung immerhin, dass das Währungsverlustrisiko von japanischen Aktien begrenzt ist.
Sentiment und Charttechnik DAX - Was kommt nach den 26.000 Punkten?
Trotz zwischenzeitlicher Allzeithochs im S&P 500, Dow Jones und DAX ist von irrationalem Überschwang keine Rede. So befindet sich der Fear & Greed Index von CNN Business nur knapp im Bereich der Gier.
Selbst die erzwungenen Notverkäufe von Tech-Titeln eines strauchelnden Hedgefonds sorgten nur kurzzeitig für Verunsicherung. Nach diesem reinigenden Gewitter ist der Blick auf die solide Fundamentalverfassung wieder frei. Und auch die schrittweise Auflösung von Absicherungen in den USA deutet darauf hin, dass Anleger wieder nach neuen Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten.
Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben die nächsten Widerstände im DAX bei 26.220, 26.225, 26.367 und 26.400 Punkten. Im Falle einer Gegenbewegung bieten die Marken bei 25.925, 25.900, 25.630 und 25.560 Punkten Unterstützung.
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Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums begann Robert Halver seinen beruflichen Werdegang zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen. Anschließend arbeitete er als Analyst und Aktienstratege bei der Privatbank Delbrück & Co in Frankfurt.
2001 wechselte Robert Halver zur Schweizer Privatbank Vontobel. Sein Aufgabenschwerpunkt war die Formulierung der Anlagestrategie der Vontobel Gruppe in Deutschland.
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Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.