HWWI: Deutsche Wirtschaft gleitet in Rezession
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) hat der deutschen Wirtschaft ein Abgleiten in die Rezession prognostiziert. Für 2022 erwartet das Institut eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,2 Prozent, für 2023 aber einen Rückgang um 0,5 Prozent, wie das HWWI in Hamburg mitteilte. "Die Gasmangellage wird die Produktion dämpfen und die Inflation höher halten als vormals erwartet", betonte das Institut. Das reduziere die Kaufkraft der Haushalte weiter und beeinträchtige auch die Investitionsbereitschaft.
Die deutlich über dem Stabilitätsziel liegende Inflation und die nun höheren Lohnforderungen veranlassten die Europäische Zentralbank zu einer restriktiveren Geldpolitik, die ebenfalls die Wirtschaftsentwicklung dämpfe. Für die Inflationsrate werde 2022 mit durchschnittlich 7,5 Prozent und 2023 mit 4,5 Prozent gerechnet. "Inzwischen ist der in den Prognosen von Anfang März und Juni als Risiko beschriebene Worst Case, nämlich ein Andauern des Ukraine-Kriegs sowie damit verbunden eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Energie, insbesondere von Gas, eingetreten", so das HWWI.
Selbst wenn die aus Russland ausfallenden Gaslieferungen aus anderen Quellen gedeckt werden könnten, werde das nur zu sehr hohen Preisen möglich sein. Wegen nicht ausreichend oder nur zu unrentablen Kosten verfügbaren Gases müsse deshalb insbesondere im kommenden Winterhalbjahr mit Einschränkungen der Industrieproduktion und in der Folge mit einem Rückgang des BIP gerechnet werden, zumal coronabedingte Krankheitsausfälle und Lieferkettenprobleme andauerten. Die damit und mit dem erhöhten Inflationsdruck einhergehende Verunsicherung dämpfe privaten Konsum und Investitionen. "Damit wird der Erholungsprozess nach Corona erneut unterbrochen."
Verbesserung ab Frühjahr 2023
Die privaten Konsumausgaben werden nach der Prognose dieses Jahr um 3,0 Prozent zunehmen und nächstes um 0,7 Prozent zurückgehen. Bei den Ausrüstungsinvestitionen wird eine Steigerung um 0,9 Prozent im laufenden und eine Stagnation im kommenden Jahr erwartet. Die Ausfuhren sollen 2022 um 1,9 Prozent und 2023 um 2,7 Prozent steigen und die Einfuhren um 5,6 Prozent sowie 2,3 Prozent. Ab Frühjahr 2023 dürfte sich mit Ende der Heizperiode die Versorgungslage von Energie wieder verbessern, erwartete das Institut. Die Preise für Energie sollten dann ihren Höhepunkt überschritten haben und die Unternehmen kaum weiter zu Produktionseinschränkungen gezwungen sein.
Mit im Jahresverlauf nachlassender Inflation - in der zweiten Jahreshälfte 2023 werde mit einer Rate um 3 Prozent gerechnet - sollte sich bei höheren Lohnabschlüssen die Kaufkraft und damit der Konsum der privaten Haushalte stabilisieren. Auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen sollte sich dann wieder festigen. Die Exporte würden bei moderat wachsender Weltwirtschaft wieder deutlicher zunehmen. Die deutsche Wirtschaft werde dann ab dem Frühsommer 2023 wieder wachsen.
Die Risikofaktoren der jüngeren Vergangenheit - Ukrainekrieg, Energiekrise, Inflationsdruck, Lieferkettenprobleme - beständen aber fort. Hinzu kämen neue globale Unsicherheiten, wie Taiwan, und nicht zuletzt eine in immer mehr Ländern zunehmend restriktivere Geldpolitik. "Unter diesen Umständen sind die Risiken für eine ungünstigere Entwicklung, als in dieser Prognose abgeleitet, sicherlich größer als die Chancen für eine günstigere", warnte das HWWI.
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September 01, 2022 04:43 ET (08:43 GMT)