IfW: Deutsche Wirtschaft schrumpft 2023 um 0,5 Prozent
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft haben sich laut jüngster Herbstprognose des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) eingetrübt. Im Vergleich zum Vorjahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 0,5 Prozent schrumpfen, sagte das Institut voraus und revidierte damit seine Sommerprognose von einem Minus von 0,3 Prozent leicht nach unten. Gründe seien vor allem eine schwache Industriekonjunktur, die Krise in der Bauwirtschaft sowie sinkende Konsumausgaben. Für 2024 rechnet das IfW Kiel nun mit einem Plus von 1,3 Prozent anstatt bislang 1,8 Prozent, für 2025 mit einem Plus von 1,5 Prozent.
Die Inflation dürfte sich nach der Einschätzung der Kieler Ökonomen deutlich verringern und 2024 und 2025 2,1 Prozent betragen nach 6,0 Prozent in diesem Jahr. Der Arbeitsmarkt zeige sich trotz Abschwung robust, der öffentliche Schuldenstand bleibe etwa konstant. Obwohl Belastungsfaktoren wie der hohe Krankenstand und die Lieferengpässe nachgelassen hätten, sei das BIP noch nicht wieder auf einen Expansionskurs eingeschwenkt. "Erst zum Jahreswechsel dürfte die Wirtschaft erneut Fahrt aufnehmen", erklärte das Institut.
"Deutschland bekommt jetzt auch zu spüren, dass sein altes industrielles Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Dazu belastet die Zinswende die Wirtschaft im Inland und über die Exportmärkte", sagte IfW-Präsident Moritz Schularick. "Die Notenbanken haben erfolgreich Zähne im Kampf gegen die Inflation gezeigt, und in diesem neuen Umfeld muss sich die deutsche Wirtschaft nun behaupten."
Potenzialstärkende Maßnahmen gefordert
IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths betonte, die Gesamtwirtschaft bleibe derzeit unter ihren Möglichkeiten, die Kapazitätsauslastung dürfte sich im Verlauf des Projektionszeitraums aber wieder erholen. "Allerdings liegt die Wirtschaftsleistung dann rund 3 Prozent unter dem Niveau, das vor dem Ausbruch der Pandemie für die Jahre 2024 und 2025 möglich erschien", gab er zu bedenken. "Die deutsche Wirtschaft stößt zukünftig schneller an die Produktionsgrenzen, daher sollten potenzialstärkende Maßnahmen stärker in den Blick genommen werden", forderte Kooths.
Vor allem eine schwache Industrie und Bauwirtschaft belasteten die deutsche Konjunktur. Teile der energieintensiven Produktion seien nicht mehr rentabel und würden es "voraussichtlich auch nicht wieder werden". Das industrielle Exportgeschäft leide unter der globalen Investitionsschwäche in Folge massiv gestiegener Zinsen. Neben China, wo die wirtschaftliche Dynamik zuletzt hinter den Erwartungen zurückgeblieben sei und nach Einschätzung des IfW aufgrund struktureller Probleme auch weiterhin verhalten bleiben dürfte, schwächelten auch andere wichtige Industrieländer wie Südkorea. Der noch hohe Auftragsbestand wirke aber stützend für die deutsche Produktion.
Im Baubereich schickten die erheblich verteuerten Finanzierungskonditionen insbesondere den Wohnungsbau weiter auf Talfahrt, der im laufenden Jahr um fast 3 Prozent, im kommenden um fast 4 Prozent schrumpfen dürfte. Erst 2025 werde es nach dann vier Minusjahren in Folge voraussichtlich wieder aufwärts gehen - dann aber ausgehend von einem so niedrigen Niveau wie seit acht Jahren nicht mehr. "Die aktuellen Bau- und Bestandspreise passen nach der Zinswende nicht länger zu den Finanzierungskosten. Ohne deutliche Preiskorrekturen wird die Baukonjunktur kaum wieder in Gang kommen", sagte Kooths. "Spielräume dafür sind da."
Privater Konsum legt 2024 kräftig zu
Die privaten Konsumausgaben dürften nach der Prognose 2023 leicht um 0,6 Prozent sinken, im nächsten Jahr aber infolge höherer Löhne und ausgeweiteter staatlicher Transfers kräftig um 2 Prozent zulegen und damit die Konjunktur beziehungsweise die konsumnahen Branchen beleben. Die Inflation in Deutschland werde deutlich zurückgehen, weil sich der allgemeine Preisauftrieb abschwäche und die Energiepreise zumindest wieder etwas sinken würden. Die um Energiepreise bereinigte Kernrate dürfte in den Jahren 2024 und 2025 aber noch deutlich über 2 Prozent liegen, da insbesondere die Dienstleistungen den allgemeinen Teuerungsschub nur verzögert nachvollzögen.
Die derzeitige wirtschaftliche Schwächephase wird am Arbeitsmarkt nach der Erwartung des IfW nur wenig Spuren hinterlassen, da der Fachkräftemangel weiterhin groß ist. Die Arbeitslosenquote sinke in der Folge nach 5,6 Prozent in diesem Jahr auf 5,5 Prozent im Jahr 2024 und 5,3 Prozent 2025. Das Budgetdefizit des Staates gehe trotz der wirtschaftlichen Belebung nur wenig zurück - von 2,6 Prozent in Relation zum BIP im laufenden Jahr auf 1,9 Prozent im Jahr 2025. Der Schuldenstand verharre im gesamten Zeitraum bei rund 64 Prozent in Relation zum BIP.
Im Zuge des sich allmählich aufhellenden internationalen Umfelds dürfte das Auslandsgeschäft nach und nach wieder Tritt fassen. Nach einem Minus von 1,3 Prozent in diesem Jahr bewegten sich die Exporte mit plus 0,5 Prozent im kommenden Jahr zunächst seitwärts. Im Jahr 2025 avancieren sie nach der Prognose des IfW mit plus 3,6 Prozent in einem insgesamt kräftigeren weltwirtschaftlichen Umfeld "wieder zum Expansionsmotor".
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September 06, 2023 04:07 ET (08:07 GMT)