IW: Kapitalabflüsse aus Deutschland steigen auf neues Rekordniveau


BERLIN (Dow Jones)--Noch nie haben Unternehmen so viel Geld aus Deutschland abgezogen wie im vergangenen Jahr. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Zuvor hatte das Handelsblatt darüber berichtet. Demnach sind im vergangenen Jahr rund 132 Milliarden Dollar (125 Milliarden Euro) mehr Direktinvestitionen aus Deutschland abgeflossen als im gleichen Zeitraum in die Bunderepublik investiert wurden.

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"Die Zahlen alarmieren: Im schlimmsten Fall ist das der Beginn der Deindustrialisierung", warnte das IW. Als Ursachen machte das Institut erhebliche Standortnachteile und Probleme aus, die teilweise hausgemacht seien. Dazu zählte das Institut den Fachkräftemangel in Deutschland, Investitionspakte anderer Länder und die Schwäche der deutschen Autoindustrie aufgrund des Wegfalls des Verbrennermotors.

"Die Investitionsbedingungen in Deutschland haben sich aufgrund der hohen Energiepreise und dem zunehmenden Fachkräftemangel zuletzt noch einmal verschlechtert", sagte IW-Ökonom Christian Rusche. Viele Probleme seien hausgemacht, darunter hohe Unternehmenssteuern, ausufernde Bürokratie und eine marode Infrastruktur. "Damit Deutschland künftig wieder zur ersten Adresse für ausländische Investitionen wird, muss die Bundesregierung dringend gegensteuern."

Die Kapitalabflüsse im vergangenen Jahr stellen laut IW die höchsten Nettoabflüsse dar, die jemals in Deutschland verzeichnet wurden. Vor allem die ausländischen Investitionen in Deutschland sind nach Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zuletzt fast vollständig eingebrochen, wie das IW erklärte. Während die Abflüsse bei fast 135,5 Milliarden Euro lagen, wurden nur noch rund 10,5 Milliarden Euro in Deutschland investiert.

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"Besonders alarmierend dabei ist, dass gerade die Investitionen von europäischen Nachbarn eingebrochen sind. Gleichzeitig flossen fast 70 Prozent der Gelder aus Deutschland in andere europäische Staaten", erklärte das IW.

Erhebliche Standortnachteile

Mit Blick auf den Fachkräftemangel verwies das Institut auf eine aktuelle Umfrage, in der 76 Prozent der Unternehmen im industriellen Mittelstand Arbeitskosten und Fachkräftemangel als ihre größte Herausforderung nannten - noch vor den hohen Energiepreisen und zunehmender Bürokratie. Zudem mache der amerikanische Inflation Reduction Act mit seinen Klimaschutzvorhaben Investitionen außerhalb Deutschlands attraktiver.

Auch bei europäischen Investitionsoffensiven wie dem NextGeneration-Programm der EU würde das meiste Geld an Deutschland vorbei fließen, so das IW. Hinzu komme, dass das deutsche Exportmodell bei wachsendem Protektionismus nicht mehr so gut funktioniert wie früher. Mit dem Wegfall des Verbrennungsmotors verliere die deutsche Wirtschaft zudem ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal in ihrer Schlüsselindustrie, erklärte das IW.

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Kontakt zur Autorin: andrea.thomas@wsj.com

DJG/aat/apo

(END) Dow Jones Newswires

June 28, 2023 04:15 ET (08:15 GMT)

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