IWF: Verschuldung derzeit nicht das wichtigste Problem


Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones)--Die weltweite öffentliche Verschuldung wird nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) 2020 auf 98,7 (2019: 83,0) Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung steigen, was sowohl an coronabedingt steigenden Defiziten als auch an dem um 4,7 Prozent sinkenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt. Gleichwohl hält der IWF diesen Anstieg nicht für das aktuell drängendste Problem.

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Grund: Niedrige Zinsen und eine für die Folgejahre erwartete Erholung dürften die Schuldenlast bis 2025 nicht weiter als bis 100,1 Prozent steigen lassen. Deshalb nutzt der IWF seinen jüngsten Fiscal Monitor für den Appell an die Staaten, Stützungsmaßnahmen nicht verfrüht zu beenden und wenn möglich kräftig zu investieren.

US-Budgetdefizit steigt 2020 auf 18,7 Prozent des BIP

Der IWF erwartet, dass vor allem die sogenannten Industrieländer in den nächsten Jahren hohe Defizite fahren werden, was die Verschuldung kräftig steigen lassen würde. In diesem Punkt stechen die USA heraus, die laut IWF im laufenden Jahr ein Defizit von 18,7 (Industrieländer: 14,4) Prozent haben werden, das bis 2025 auf 5,5 (3,3) Prozent sinken soll. Dadurch würde die Verschuldung von 131,2 (125,5) Prozent 2020 auf 136,9 (125,5) Prozent 2025 zunehmen.

Daran gemessen nimmt sich das fiskalische Gebaren des Euroraums moderat aus. Sein Defizit für 2020 wird auf 10,1 Prozent geschätzt und soll bis 2025 auf 1,8 Prozent sinken. Für die Verschuldung wird ein Rückgang von 101,1 auf 94,3 Prozent erwartet. Hinter diesen Durchschnittswerten verbergen sich allerdings sehr unterschiedliche nationale Zahlen.

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Deutschland laut IWF schon 2022 wieder mit Haushaltsüberschuss

So prognostiziert der IWF, dass Deutschland 2020 ein Defizit von 8,2 Prozent aufweisen wird, aus dem bis 2025 ein Überschuss von 1,0 Prozent werden soll. Schon 2022 würde Deutschland demnach wieder einen Haushaltsüberschuss (von 0,6 Prozent) aufweisen. Die Verschuldung soll von 73,3 (2019: 59,5) auf 59,5 Prozent sinken. Frankreichs Defizit soll von 10,8 auf 4,7 Prozent sinken und die Verschuldung von 118,7 (98,1) auf 123,3 Prozent steigen. Für Italien wird ein Rückgang des Defizits von 13,0 auf 2,5 Prozent und ein Rückgang der Verschuldung von 161,8 (134,8) auf 152,6 Prozent prognostiziert.

"2020 ist in Sachen Schuldendynamik ein außerordentlichen Jahr, aber die öffentliche Verschuldung dürfte sich bis 2025 wegen des negativen Zins-Wachstums-Differenzials bei rund 100 Prozent des BIP stabilisieren", schreibt der für Fiskalpolitik zuständige IWF-Direktor Vitor Gaspar in Vorwort des Fiscal Monitor. Die hohen Schuldenstände seien deshalb nicht das wichtigste Problem. "Kurzfristig besteht die Priorität darin, eine verführte Beendigung der fiskalischen Unterstützung zu vermeiden", schreibt Gaspar.

Gehaltsstützende Maßnahmen nicht zu lange ausdehnen

Andererseits warnt der IWF in seinem Bericht davor, gehaltsstützende Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld zu lange auszudehnen. "Sie könnten notwendige Umschichtungen innerhalb des Arbeitsmarkts verzögern", heißt es in dem Bericht auch unter Verweis auf Deutschland.

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Gaspar zufolge wären im aktuellen Umfeld hoher Unsicherheit öffentliche Investitionen besonders wichtig, zumal ihr Nutzen besonders hoch wäre. "Laut Fiscal Monitor würde ein Anstieg der öffentliche Investitionen von 1 Prozent des BIP das gesamte BIP um 2,7 Prozent steigen lassen, die privaten Investitionen um 10 Prozent und - besonders wichtig - die Beschäftigung direkt und indirekt um 10 bis 33 Millionen", schreibt Gaspar.

Nutzen von Staatsinvestitionen in Deutschland besonders hoch

Laut IWF kommen Studien zu dem Ergebnis, dass die "fiskalischen Multiplikatoren" in Zeiten hoher Unsicherheit in Deutschland und den USA besonders hoch seien. Allerdings ließen sich die Früchte staatlicher Investitionen nur bei hoher Effektivität und einem hohen Standard der öffentlichen Institutionen ernten.

Die Zusammensetzung der Fiskalpakete sowie die Höhe und Zusammensetzung der darin enthaltenen öffentlichen Investitionen werden laut IWF kurzfristig über das Ausmaß des Beschäftigungsaufbaus entscheiden und zugleich die "sozioökonomischen Ergebnisse der nächsten Jahrzehnte" bestimmen. Sie seien unabdingbar, könnten aber auch den künftigen fiskalischen Spielraum einschränken und zu Steueranhebungen führen.

Investitionen in coronarelevante Bereiche besonders wichtig

Besonders dringend sind laut IWF öffentliche Investitionen in Sektoren, die der Eindämmung der Corona-Pandemie dienen: Gesundheitswesen, Schulen, digitale Infrastruktur, sichere Gebäude und sicherer Transport.

Als wichtigstes Risiko für die Staatsfinanzen betrachtet der IWF einen anhaltenden wirtschaftlichen Niedergang und eine Straffung der finanziellen Bedingungen. Er appelliert an die wohlhabenden Länder, den ärmsten Ländern ihre Schulden zu erlassen und ihnen Kreditgarantien und günstige neue Finanzierungen zu geben.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com

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(END) Dow Jones Newswires

October 14, 2020 08:00 ET (12:00 GMT)

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