IWH: Deutsche Lebensversicherer investieren nicht ausreichend in Start-ups
Von Andreas Kißler
HALLE/BERLIN (Dow Jones)--Die deutschen Lebensversicherer legen ihr Kapital laut einer Studie bislang zu wenig in Aktien an und hemmen so die wirtschaftliche Dynamik. Die Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) legt nach den Angaben des Instituts nahe, "dass der Gründerszene Risikokapital fehlt, um erfolgreiche Start-ups zu finanzieren". Grund dafür sei das Anlageverhalten potenzieller Investoren. IWH-Präsident Reint Gropp forderte Reformen, die die Finanzierung innovativer Ideen fördern.
Innovative Unternehmensgründungen hätten es in Deutschland schwer, unter anderem, weil es häufig an Startkapital zur Finanzierung der Geschäftsideen mangelt. So sei die Summe des in Unternehmen investierten Risikokapitals in den USA 60-mal so hoch wie in Deutschland. Der Grund dafür liegt laut der Analyse des IWH in einem unterentwickelten Aktienmarkt und fehlenden Anreizstrukturen für risikobereite Investoren, ihr Kapital in Aktien anzulegen. Gropp und Koautor William McShane erklärten, vor allem institutionelle Anleger investierten zu wenig in Aktien.
Zu den institutionellen Anlegern zählten hauptsächlich Pensions- und Investmentfonds, speziell in Deutschland aber allen voran die Lebensversicherer. Deren Anlage-portfolio, das sich zu einem Großteil aus festverzinslichen Anlagen wie Staats- und Unternehmensanleihen, aber auch aus alternativen Anlagen zusammensetze, weise einen nur geringen Aktienanteil von lediglich 4,6 Prozent aus. Damit investierten die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nur etwa halb so viel wie der EU-Durchschnitt in Aktien.
Gerade Lebensversicherer hielten Vermögenswerte und Verbindlichkeiten mit Laufzeiten von mehreren Jahrzehnten. Breit gestreut in Aktienmärkte zu investieren, würde jedoch über derart lange Zeiträume nahezu immer bessere Renditen erzielen als Anleihen, betonte das IWH. Gerade in einem Niedrigzinsumfeld, in dem Versicherer trotz der Negativzinsen auf Staatsanleihen Garantiezinsen für ihre Kunden erwirtschaften müssten, könne ein Missverhältnis von Anleihen und Aktien zur Insolvenz von Versicherern führen.
Seit einigen Jahren zeichnet sich zwar eine Trendwende hin zu einer Umschichtung des Vermögens in Aktien ab. Auch wenn sich der Umfang der Aktienbestände inzwischen erhöht haben dürfte, seien die Anreize für Lebensversicherer, in Aktien zu investieren, aber nach wie vor zu gering. "Der Regulierungsrahmen sollte widerspiegeln, dass Kapital zur Finanzierung von Innovationen eingesetzt werden kann", forderte Gropp. Die Politik müsse den Rahmen schaffen, Wagniskapitalgeber dazu zu animieren, innovative Ideen finanziell zu unterstützen.
Kontakt zum Autor: andreas.kissler@wsj.com
DJG/ank/jhe
(END) Dow Jones Newswires
December 14, 2020 05:06 ET (10:06 GMT)