Goldman-Sachs-Chef warnt: Hohe Ölpreise könnten Verbraucherverhalten kippen
David Solomon sieht in steigenden Energiepreisen ein wachsendes Risiko für den US-Konsum. Sollte die Inflation weiter anziehen, erwartet der Goldman-Sachs-CEO spürbare Folgen.
Werte in diesem Artikel
• Goldman-CEO Solomon warnt vor veränderten Konsummustern
• Goldman Sachs senkte die Prognose für das Wachstum der diskretionären US-Konsumausgaben
• Solomon sieht kaum noch Grundlage für Zinssenkungen der Fed in diesem Jahr
Solomons Warnung: Was der Goldman-Chef konkret erwartet
Beim Economic Club of New York Anfang Juni formulierte David Solomon seine Kernthese als Bedingung, nicht als Gewissheit: "Man wird mehr Veränderungen im Verbraucherverhalten sehen", sagte der Goldman-Sachs-CEO laut Reuters - allerdings nur dann, wenn steigende Ölpreise die Inflation tatsächlich weiter befeuern. Gleichzeitig räumte er ein, dass die erwartete Verhaltensveränderung in den Daten noch nicht sichtbar sei.
Der Auftritt fand in einem breiter angelegten Rahmen statt. Solomon äußerte sich laut Bloomberg auch zum allgemeinen Marktstimmungsbild und sprach von "mehr Gier als Angst" an den Finanzmärkten. Das Konsumthema war ein Kernpunkt seiner Einschätzungen, aber keine isolierte Aussage. Das Argument folgt einem bekannten wirtschaftlichen Zusammenhang: Höhere Energiekosten treiben die Gesamtinflation, verengen den verfügbaren Spielraum der Haushalte und verschieben Konsumausgaben von diskretionären Kategorien zu notwendigen Ausgaben.
Ölpreisschock durch Nahostkonflikt: Die Ausgangslage
Seit Beginn des Iran-Konflikts im Frühjahr 2026 haben die Ölpreise massiv angezogen. Die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des globalen Ölhandels fließt, wurde durch iranische Angriffe auf Tanker und US-amerikanische Militärschläge auf iranische Häfen und Inseln in der Meerenge zeitweise blockiert, wie Al Jazeera berichtete. Brent notierte zum Zeitpunkt von Solomons Auftritt über 97 Dollar je Barrel, West Texas Intermediate bei knapp 95 Dollar, wie Oilprice.com meldete.
Inzwischen hat sich die Lage jedoch deutlich entspannt. Nach dem Friedensabkommen zwischen dem Iran und den USA sind die Ölpreise wieder spürbar gesunken. Zudem soll die Straße von Hormus in Kürze wieder vollständig für den Schiffsverkehr geöffnet werden, was das Risiko weiterer Angebotsengpässe am Ölmarkt verringern dürfte.
Die Auswirkungen auf die US-Inflation sind dennoch bereits messbar. Nach Angaben des Bureau of Labor Statistics stieg der Consumer Price Index im April um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat, die Jahresrate lag bei 3,8 Prozent - der höchste Stand seit fast drei Jahren, wie CNBC berichtete. Energiepreise waren der wesentliche Treiber. Goldman-Rohstoffanalysten gehen laut einer von Investing.com zitierten Research-Note davon aus, dass der Brent-Preis sich im ungünstigen Szenario dem Rekordhoch von 2008 annähern könnte, bevor er im vierten Quartal auf 100 Dollar je Barrel zurückfällt.
Kaufkraft unter Druck
Goldman Sachs senkte bereits Anfang April die eigene Prognose für das Wachstum der diskretionären Konsumausgaben amerikanischer Haushalte von 5,1 auf 4,2 Prozent, wie Investing.com unter Berufung auf eine Goldman-Research-Note vom 6. April berichtete. Die Sparquote prognostiziert die Bank für 2026 bei 4,5 Prozent des verfügbaren Einkommens, nach zuvor angenommenen 5,6 Prozent. Laut der Research-Note liegt das daran, dass ein wachsender Anteil des Einkommens in Energie und Grundversorgung fließt - und damit weniger für andere Ausgaben zur Verfügung steht. Nach Angaben aus derselben Research-Note beläuft sich der Kaufkraftverlust für amerikanische Haushalte insgesamt auf über 50 Basispunkte. Für das unterste Einkommensquintil ist der Effekt mit rund 135 Basispunkten wesentlich stärker. Goldman führt das darauf zurück, dass einkommensschwache Haushalte strukturell einen höheren Anteil ihres Budgets für Energie und Lebensmittel aufwenden - beides Kategorien, die vom Ölpreisanstieg direkt betroffen sind -, und dass Kürzungen bei Medicaid und SNAP diese Haushalte gleichzeitig zusätzlich belasten.
Zinspolitik der Fed
Solomon sprach sich beim Economic Club of New York ausdrücklich positiv über Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh aus, der seit dem 22. Mai 2026 im Amt ist. Eine Erwartung baldiger Zinssenkungen formulierte er dabei nicht. Im Gegenteil: Anhaltend hohe Energiepreise und eine Jahresinflation von 4,2 Prozent im Mai, erneut der höchste Stand seit Jahren, wie das Bureau of Labor Statistics am 10. Juni mitteilte, erschweren geldpolitische Lockerungsschritte erheblich. Das spiegelt sich an den Märkten wider. Laut US News stiegen nach dem US-Arbeitsmarktbericht vom 5. Juni die Zinserhöhungserwartungen für Dezember 2026 auf 68,4 Prozent gemäß CME FedWatch. Für Haushalte mit variabel verzinsten Krediten, Autofinanzierungen und revolvierenden Kreditkartenschulden bedeutet ein anhaltend hohes Zinsniveau eine weitere Einengung der verfügbaren Kaufkraft, die den Energieeffekt verstärkt statt abzufedern.
Einkommensschwache Haushalte im Fokus
Die ungleiche Verteilung des Ölpreisschocks verstärkt eine bereits bestehende Spreizung im US-Konsumklima. Für das unterste Einkommensquintil prognostiziert Goldman Sachs in der April-Research-Note ein Wachstum der diskretionären Ausgaben von lediglich 0,8 Prozent im Jahr 2026, nach 2,4 Prozent im Vorjahr. Höhere Energie- und Lebensmittelkosten kombiniert mit erwarteten staatlichen Leistungskürzungen erklären diesen Einbruch.
Genau auf diese Dynamik verwies Solomon mit Blick auf die kommenden Monate. Sein Befund von Anfang Juni gilt noch: Die erwartete Verhaltensänderung zeige sich nicht in den Konjunkturdaten. Wie schnell sich das ändert, hängt maßgeblich davon ab, ob der Brent-Preis auf erhöhtem Niveau verbleibt oder die Nachfragezerstörung durch hohe Preise den Angebotsschock teilweise kompensiert. Goldman-Analysten sehen nach eigenen Angaben erhebliche Risiken auf beiden Seiten.
Paul Schütte, Redaktion finanzen.net
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