ROUNDUP: Forscherin: Kassenvielzahl nicht der Kostentreiber


JENA (dpa-AFX) - Immer wieder wird in der Debatte um die Gesundheitsreform die Forderung nach weniger Krankenkassen laut - doch der Einspareffekt bei einem solchen Schritt wird nach Expertenmeinung stark überschätzt. Im vergangenen Jahr hätten die Nettoverwaltungsausgaben der Krankenkassen von 13,3 Milliarden Euro lediglich rund vier Prozent der Gesamtausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung ausgemacht, sagte die Gesundheitswissenschaftlerin Verena Vogt vom Universitätsklinikum Jena der Deutschen Presse-Agentur. "Die Vielzahl der Krankenkassen ist nicht der Kostentreiber im Gesundheitswesen." In Deutschland gibt es derzeit 93 gesetzliche Krankenkassen.

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Vogt forscht zur Gesundheitsversorgung und ist Mitglied in der Expertenkommission, die dem Bundesgesundheitsministerium kürzlich 66 Vorschläge für Einsparungen im Gesundheitswesen vorgelegt hatte, um die Kassenbeiträge zu stabilisieren. Die Verwaltungsausgaben der Kassen seien im vergangenen Jahrzehnt jährlich im Schnitt um 2,5 Prozent gestiegen, die Leistungsausgaben jedoch um 5,2 Prozent, erläuterte sie. Die Kassen hätten zudem wenig Spielraum für Einsparungen, da der Großteil der von ihnen zu finanzierenden Leistungen gesetzlich vorgegeben sei.

Kassen sollen bei Werbung sparen

Für die Kassen hatte das Expertengremium eine Reduzierung der Ausgaben für Werbemaßnahmen auf 2,80 Euro je Mitglied vorgeschlagen, was Vogt zufolge jährliche Einsparungen von rund 70 Millionen Euro bringen würde. In den von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) in der vergangenen Woche vorgelegten Kernpunkten eines Sparpakets ist dieser Vorschlag aufgegriffen worden.

In Deutschland geht die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen seit Jahren zurück. Zur Jahrtausendwende gab es Vogt zufolge noch 420 Kassen. Nach mehreren Fusionen konzentrierten sich inzwischen bei den 20 größten Kassen 84 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten. Dabei seien die Kassen durch die Digitalisierung auch effizienter geworden. 2024 habe ein Mitarbeiter im Schnitt 563 Versicherte betreut, 20 Jahre zuvor waren es noch 487 Versicherte.

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Die Forscherin gab zu bedenken, dass eine drastische Reduzierung der Kassenzahl nicht unbedingt zu weniger Verwaltungskosten führen muss. Sie verwies auf Österreich. Dort habe die Vereinigung mehrerer Kassen zu einer Gebietskrankenkasse zwischen 2020 und 2024 zu einer 25-prozentigen Steigerung der Verwaltungsausgaben geführt, die Gesamtausgaben im deutschen Gesundheitswesen seien in dem Zeitraum nur um sieben Prozent gestiegen.

Forderungen von Politikern

Politiker der Koalition hatten zuletzt gefordert, die Zahl der Krankenkassen zu reduzieren. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, etwa hatte sich für eine Verringerung auf ein halbes Dutzend bis maximal ein Dutzend große, leistungsfähige Kassen ausgesprochen. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hatte sich unlängst ähnlich geäußert./zei/DP/stk

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