Vermögensverwalter-Kolumne

Die unsichtbaren Gewinner: Europas Industrie als Fundament des KI-Zyklus


Die unsichtbaren Gewinner: Europas Industrie als Fundament des KI-Zyklus | finanzen.net

Wer an künstliche Intelligenz denkt, blickt meist über den Atlantik. Nvidia, Microsoft, Alphabet und die großen KI-Labore bestimmen die Schlagzeilen. Doch wer nur auf die Modelle schaut, übersieht einen wesentlichen Teil der Geschichte: KI ist nicht nur Software. Hinter jeder zusätzlichen Einheit Rechenleistung entsteht Nachfrage nach Strom, Netztechnik, Rechenzentren, Kühlung und industrielle Infrastruktur. Genau hier wird der KI-Boom physisch.

Laut PwC dürften die weltweiten Investitionen in Rechenzentren 2026 rund 800 Milliarden US-Dollar erreichen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an leistungsfähigen Stromnetzen und an Technologien, die die KI in die reale Wirtschaft bringen. Denn erst wenn KI in den Fabriken, der Logistik und die industriellen Prozesse integriert wird, entstehen daraus messbare Produktivitätssteigerungen. Und in dieser zweiten, weniger spektakulären KI-Wertschöpfungskette sind die europäischen Unternehmen vergleichsweise gut aufgestellt.

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Europas Stärke liegt hinter dem Bildschirm

Die europäischen Aktienmärkte unterscheiden sich deutlich von den großen US-Indizes. Während dort wenige Technologie- und Plattformkonzerne einen erheblichen Teil der Börsenwerte ausmachen, spielen in Europa Industrie, Elektrifizierung, Automatisierung und industrielle Software eine größere Rolle.

Das ist für den KI-Zyklus interessant. Die entscheidende Frage lautet zunehmend nicht nur: Wer baut das leistungsfähigste KI-Modell? Sondern auch: Wer liefert die Infrastruktur, mit der diese Modelle betrieben werden – und wer bringt KI anschließend in die reale Wirtschaft?

Siemens ist dafür ein gutes Beispiel. Der Konzern setzt auf Industrial AI und arbeitet gemeinsam mit NVIDIA daran, KI in industrielle Entwicklungs- und Produktionsprozesse zu integrieren. Gleichzeitig profitiert Siemens von der steigenden Nachfrage nach elektrischer Infrastruktur, unter anderem durch den Ausbau von Rechenzentren.

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Auch Unternehmen wie Schneider Electric oder ABB stehen für diese weniger sichtbare Seite des KI-Booms. Ihre Produkte sind weniger spektakulär als ein neues Frontier-Modell. Ohne Stromverteilung, Automatisierung und Gebäudetechnik funktioniert die digitale Revolution allerdings nicht.

Zwei Wege, vom KI-Boom zu profitieren

Szenario 1 – KI-Ernüchterung: Sollte der wirtschaftliche Nutzen der generativen KI hinter den hohen Erwartungen zurückbleiben, könnten Unternehmen unter Druck geraten, deren Bewertung stark von weiter steigenden KI-Investitionen abhängt. Europäische Industrieunternehmen wären davon nicht unabhängig. Ihre breiteren Geschäftsmodelle könnten ihnen jedoch eine gewisse Stabilität verleihen.

Szenario 2 – KI-Erfolg: Setzt sich KI schneller als erwartet in Unternehmen und Produktionsprozessen durch, steigt der Bedarf an Stromnetzen, Rechenzentren, Automatisierung und industrieller Software. Europäische Anbieter verfügen in diesen Bereichen über etablierte Technologien und globale Kundenbeziehungen.

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Das bedeutet nicht, dass Europa im KI-Wettrennen die USA überholen muss. Die Investmentthese ist eine andere: Der wirtschaftliche Nutzen der KI endet nicht im Rechenzentrum.

Fazit

Der vielleicht interessanteste Teil des KI-Booms findet nicht auf dem Bildschirm statt. Er findet in Umspannwerken, Rechenzentren und Fabrikhallen statt. Dort entscheidet sich, ob die Milliardeninvestitionen in KI tatsächlich in mehr Produktivität und wirtschaftliche Wertschöpfung übersetzt werden.

Europa hat bei dieser physischen Umsetzung einige starke Trümpfe. Für Anleger eröffnet das einen Zugang zum KI-Zyklus, der weniger davon abhängt, welches Unternehmen das nächste große Sprachmodell entwickelt. Die unsichtbaren Gewinner des KI-Booms könnten deshalb dort zu finden sein, wo die Technologie auf die reale Welt trifft.

Von Heiko Demmler, Kundendirektor bei Oberbanscheidt & Cie. Vermögensverwaltung in Kleve

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