Hohe Ölpreise belasten Aktien: Warum der Bullenmarkt laut Analysten dennoch nicht in Gefahr ist
Brent-Öl über 100 Dollar, Anleihezinsen nahe 5 Prozent: Nach altem Muster müsste das den Bullenmarkt gefährden, doch Yardeni Research sieht einen Grund, warum es diesmal anders ist.
Werte in diesem Artikel
- Brent-Öl kostet derzeit mehr als 100 US-Dollar je Barrel
- Analysten: Unternehmensgewinne steigen schneller als Kosten
- Yardeni rät weiter zu Aktien außerhalb der USA
Rohöl der Sorte Brent notiert am Dienstagmorgen zeitweise bei mehr als 107 US-Dollar je Barrel, und die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen liegt in mehreren großen Volkswirtschaften so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Beides hätte einen globalen Bullenmarkt bei Aktien früher ausgebremst, schreiben die Experten von Yardeni Research in einem Beitrag auf der Unternehmenswebseite. Bislang sei das aber nicht der Fall. Für das Analysehaus um Ed Yardeni ist klar, warum: "Der Grund dafür ist, dass die Unternehmensgewinne weiter steigen", heißt es in der Analyse. Sie würden dies dabei schneller tun, als die höheren Kapitalkosten schaden könnten.
Nahost-Eskalation treibt den Ölpreis
Auslöser für den jüngsten Ölpreisschub ist eine erneute Zuspitzung der Kämpfe zwischen den USA und dem Iran, die Sorgen um die Ölversorgung durch die Straße von Hormus schürt. Brent erreichte im Zuge dessen den höchsten Stand seit rund vier Monaten. Seit dem Frühjahr 2026 pendelt der Konflikt zwischen Eskalation und vorübergehender Beruhigung, im August 2026 verschärften zusätzliche Angriffe auf Exportinfrastruktur am Roten Meer die Lage weiter. Für Yardeni Research ist dieser geopolitisch getriebene Preisschub ein Testfall für die These, dass Aktienmärkte höhere Energiekosten inzwischen anders verarbeiten als früher.
Warum die höheren Anleiherenditen den Markt nicht schrecken
Ähnliches gilt für die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen. Die 10-jährige US-Rendite lag laut der Mitteilung vom vergangenen Sonntag bei knapp 5 Prozent und damit am oberen Rand jener Spanne zwischen 4 und 5 Prozent, die Yardeni Research inzwischen als "altes Normal" bezeichnet. In Australien und Großbritannien notierten die Vergleichswerte zum selben Zeitpunkt sogar darüber. Statt als Warnsignal lese der Markt die steigenden Renditen laut Yardeni Research derzeit jedoch als Ausdruck von robustem Wachstum und stabilen Gewinnen, nicht als Bedrohung.
Dabei gibt es gerade eine besondere Konstellation: Fed, Bank of England und Bank of Japan tagen nahezu zeitgleich, und der japanische Yen hat sich im Zuge dessen zeitweise wieder auf rund 154 Einheiten je US-Dollar gefestigt. Die Auflösung des Yen-Carry-Trades gilt dem Analysehaus als Mitauslöser des jüngsten Ausverkaufs an den globalen Anleihemärkten.
"Go Global" bleibt die Linie des Hauses
An seiner Vorliebe für Aktien außerhalb der USA hält Yardeni Research trotz seiner Zuversicht bezüglich eines fortgesetzten Bullenmarktes dennoch fest. Auf Monatssicht führten laut der Analyse brasilianische Titel mit rund 6 Prozent Plus in US-Dollar, gefolgt von Südkorea mit etwa 4 Prozent und Polen mit rund 3 Prozent, während US-Aktien im gleichen Zeitraum leicht nachgaben. Seit Jahresbeginn liegen südkoreanische und taiwanesische Werte mit einem Performanceplus von rund 94 beziehungsweise 75 Prozent klar vorn, der US-Markt kommt auf etwa 12 Prozent und bleibt damit hinter globalen Vergleichsindizes ohne US-Anteil zurück, die rund 15 Prozent zulegten. Die Begründung liefert laut Yardeni Research die Bewertung: Die Gewinnschätzungen außerhalb der USA seien im Jahresvergleich um mehr als 40 Prozent gestiegen, während die entsprechenden Indizes nur mit etwa dem 13-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt werden und damit deutlich unter ihrem Bewertungsniveau von 2021 liegen.
Japan als Belastungsprobe
Besonders im Blick steht jedoch der Nikkei 225: Der erstarkte Yen hat den japanischen Leitindex zuletzt gebremst, während die Gewinnschätzungen japanischer Unternehmen laut Yardeni Research gleichzeitig einen Rekordstand erreichten. Rekordgewinne bei einer Bewertung von rund dem 15-Fachen der erwarteten Gewinne seien kein Bild, das zu einem Markt passe, den eine straffere Geldpolitik gerade zu brechen drohe, argumentiert das Analysehaus.
Ob diese Lesart trägt, entscheidet sich in den kommenden Tagen. Die Fed verkündet ihre Entscheidung am morgigen Mittwoch, danach folgt die Bank of Japan mit ihrer eigenen Sitzung am 17. und 18. September. Fällt eine der beiden Zinsentscheidungen deutlich schärfer aus als erwartet, dürfte sich zeigen, ob der Markt hohe Zinsen wirklich weiter als Stärke liest.
Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net
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