Falle Mean Reversion: Wenn Pairs Trading ins Leere läuft
Beim Pairs Trading wird die bloße Korrelation zweier Aktien oft zur Falle. Erst mathematische Kriterien sichern ab, dass Kursabweichungen auch tatsächlich verlässliche Gewinne abwerfen.
• Pairs Trading beruht auf Kointegration und nicht auf bloßer Korrelation
• Eine hohe Korrelation garantiert keine stabile Rückkehr zum Gleichgewicht
• Engle-Granger-Test prüft Kointegration in zwei aufeinanderfolgenden Schritten
Korrelation trügt: Warum Kointegration die eigentliche Basis ist
Pairs Trading beruht im Kern nicht auf Korrelation, sondern auf Kointegration. Korrelation misst den kurzfristigen Gleichlauf von Renditen und kann hoch sein, ohne dass eine stabile Beziehung zwischen den Kursniveaus besteht. Kointegration beschreibt dagegen einen langfristigen Gleichgewichtszustand: Zwei für sich genommen nicht-stationäre Kursreihen gelten als kointegriert, wenn sich eine Linearkombination aus ihnen bilden lässt, deren Differenz stationär ist und um einen Mittelwert schwankt. Genau diese Differenz, der Spread, ist das handelbare Objekt. Robert Engle und Clive Granger legten dieses Konzept 1987 in der Fachzeitschrift Econometrica vor und schufen damit das formale Fundament. Für die Methoden zur Analyse gemeinsamer Trends, zu denen die Kointegration zählt, erhielt Granger 2003 den Wirtschaftsnobelpreis, den er mit Engle teilte.
Der Engle-Granger-Test prüft in zwei Schritten, ob ein Paar überhaupt kointegriert ist: Zunächst wird die Gleichgewichtsbeziehung geschätzt, anschließend werden die Residuen mit einem Stationaritätstest wie dem Augmented-Dickey-Fuller-Test auf Mittelwertrückkehr geprüft. Fehlt diese Kointegration, gibt es keinen statistischen Anker, zu dem der Spread zurückkehren müsste. Dass die Strategie bei sauberer Paarauswahl funktioniert, zeigten Evan Gatev, William Goetzmann und Geert Rouwenhorst 2006 in der Review of Financial Studies. Ihre Untersuchung der Distanzmethode über den Zeitraum von 1962 bis 2002 wies annualisierte Überrenditen von bis zu elf Prozent für selbstfinanzierende Paar-Portfolios aus und etablierte Pairs Trading als dokumentierte Relative-Value-Strategie.
Frühwarnsystem: Hurst-Exponent und dynamische Z-Scores
Ob ein Spread seine Rückkehrneigung behält oder verliert, lässt sich über den Hurst-Exponenten quantifizieren. Der britische Hydrologe Harold Edwin Hurst entwickelte das zugrunde liegende Verfahren der rescaled-range-Analyse 1951 in den Transactions der American Society of Civil Engineers ursprünglich zur Untersuchung der Nilpegel. Auf Kursreihen übertragen gilt: Ein Wert unter 0,5 deutet auf ein antipersistentes, also mittelwertrückkehrendes Verhalten hin, ein Wert um 0,5 entspricht einer Irrfahrt ohne Gedächtnis, und ein Wert über 0,5 signalisiert einen persistenten, trendenden Prozess. Driftet der Hurst-Exponent eines Spreads von deutlich unter 0,5 in Richtung 0,5 oder darüber, erodiert die Annahme, auf der die gesamte Position fußt.
Das eigentliche Handelssignal liefert der Z-Score, die standardisierte Abweichung des Spreads von seinem Mittelwert. Ein statischer Z-Score nutzt einen festen Mittelwert und eine feste Standardabweichung über ein starres Rückblickfenster und reagiert dadurch träge auf Veränderungen. Marco Avellaneda und Jeong-Hyun Lee modellierten 2010 in Quantitative Finance die Kointegrationsresiduen stattdessen als Ornstein-Uhlenbeck-Prozess und berechneten daraus einen sogenannten s-Score. Der Vorteil dieses dynamischen Ansatzes liegt in der expliziten Schätzung der Rückkehrgeschwindigkeit und der daraus abgeleiteten Halbwertszeit der Mittelwertrückkehr. Verlangsamt sich diese Geschwindigkeit messbar, verlängert sich also die Zeit bis zur erwarteten Rückkehr, ist das ein quantitatives Alarmsignal, lange bevor der Verlust sichtbar wird.
Der Regime Shift: Wenn die Konvergenz ausbleibt
Die gefährlichste Eigenschaft der Mean-Reversion-Falle ist ihre Tarnung als Chance. Weitet sich der Spread aus, steigt der Z-Score und das System meldet ein scheinbar noch attraktiveres Einstiegssignal. Wer diesem Signal folgt und die Position nachkauft, vergrößert sein Risiko genau in dem Moment, in dem die zugrunde liegende Gleichgewichtsbeziehung möglicherweise bereits gebrochen ist. Ein solcher Regime Shift, etwa durch eine Übernahme, einen Sektorschock oder eine dauerhafte Divergenz der Geschäftsmodelle, verschiebt das Gleichgewicht strukturell. Die statistische Beziehung kehrt dann nicht zurück, sondern findet ein neues Niveau, und die auf Konvergenz gesetzte Position läuft ins Leere. Relative-Value-Strategien wie die des 1998 kollabierten Hedgefonds Long-Term Capital Management gelten als Lehrbeispiel dafür, wie Konvergenzwetten in Stressphasen kippen, wenn die unterstellten Zusammenhänge auseinanderbrechen.
Die Unterscheidung zwischen vorübergehender Abweichung und fundamentaler Trendwende verlangt deshalb einen Diagnose-Werkzeugkasten statt eines einzelnen Indikators. Dazu gehört das wiederholte Testen der Kointegration auf rollierenden Zeitfenstern, die Überwachung eines steigenden Hurst-Exponenten, die Beobachtung einer sich verlängernden Halbwertszeit aus dem Ornstein-Uhlenbeck-Modell sowie die Prüfung, ob ein fundamentaler Auslöser für die Divergenz vorliegt. Ebenso entscheidend sind harte Ausstiegsregeln, die nicht nur an der Größe der Abweichung, sondern auch an der verstrichenen Zeit ansetzen, da eine ausbleibende Rückkehr selbst eine Information ist. Der Trader, der den Regime Shift früh erkennt, behandelt einen sich ausweitenden Spread nicht als Verstärkung seiner These, sondern als ihre mögliche Widerlegung.
Dominik Maier, Redaktion finanzen.net
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