Zentralbanken zurückhaltend bei Berücksichtigung von Klimazielen
Von Hans Bentzien
FRANKFURT (Dow Jones)--Zentralbanken sind weltweit eher zurückhaltend bei der Berücksichtigung von Klimazielen in ihrer Geldpolitik. Laut einer Umfrage des Network for Greening the Financial System, einer Gruppe von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, betrachten zwar die meisten der 26 befragten Zentralbanken den Klimawandel als Herausforderung und ziehen klimabezogene Maßnahmen in Erwägung, doch mangelt es an praktischen Schritten.
"Wenn es darum geht, über die Einbeziehung klimabezogener Faktoren in den operativen Rahmen nachzudenken, befinden sich die Zentralbanken noch in einem frühen Stadium", heißt es in dem Bericht.
Die Europäischen Zentralbank (EZB) denkt gerade auf Initiative ihrer Präsidentin Christine Lagarde im Rahmen einer Strategieprüfung darüber nach, ob und wie sie künftig Klimaaspekte besser berücksichtigen kann. Dabei geht es einerseits um den Ansatz, die Folgen des Klimawandels für das Finanzsystem und die eigenen Bilanz abzuschätzen und zu minimieren, also um Schutzmaßnahmen. Als ein Beispiel eines solchen Risikos werden oft Vermögenswerte in Bank- und Zentralbankbilanzen genannt, die ihren Wert verlieren ("stranded assets").
Ein anderer Ansatz wäre, dass Zentralbanken im Klimaschutz selbst aktiv werden, also "proaktive" Maßnahmen ergreifen - indem sie beispielsweise keine Assets mit großem "CO2-Fußabdruck" mehr kaufen. Vor allem mit Blick auf eine solche proaktive Geldpolitik scheint sich Widerstand zu regen. So warnte das deutsche EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann kürzlich vor dem Versuch, Versäumnisse staatlicher Klimapolitik geldpolitisch aufholen zu wollen.
Laut der Umfrage haben 57 Prozent der Zentralbanken noch keine Schutzmaßnahmen erwogen und 59 Prozent keine proaktiven Maßnahmen. 15 bzw. 13 Prozent halten derartige Maßnahmen für die Zukunft für wahrscheinlich.
"Zentralbanken diskutieren derzeit, ob sie einen protektiven oder eher einen proaktiven Ansatz hinsichtlich des Klimawandels verfolgen sollten", sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Sabine Mauderer, die für die Studie verantwortlich ist. Dem Klima würde die eine wie die andere Variante zugute kommen.
Größtes Hindernis dafür ist der Umfrage zufolge eine fehlende rechtliche Klarstellung des Zusammenhangs von Klimazielen und dem jeweiligen Primärmandat bzw. die Tatsache, dass Nachhaltigkeit mit Blick auf die Umwelt nicht Teil des Mandats ist. Außerdem benötigen die Zentralbanken mehr verlässliche Daten dazu, was als klimafreundlich und nachhaltig gelten kann.
Mauderer wies darauf hin, dass die große Mehrheit der befragten Zentralbanken durchaus Spielraum sieht, um klimabezogene Risiken in ihrem geldpolitischen Handlungsrahmen zu berücksichtigen. Nur sehr wenige Zentralbanken weltweit hätten das Prinzip der Nachhaltigkeit explizit in ihrem Mandat enthalten, Bezugspunkte zur wirtschaftlichen Entwicklung hätten jedoch einige.
Relativ starke Beachtung finden Sozial- und Klimaziele bereits jetzt im Portfoliomanagement der Zentralbanken. Nach Angaben des Network for Greening the Financial System hat der größte Teil von 40 diesbezüglich befragten Zentralbanken erste Schritte in diese Richtung unternommen. So beachtet etwa die EZB in ihrem Pensionsportfolio CO2-Ziele und die Bundesbank Nachhaltigkeitsziele in ihren für Dritte verwalteten Portfolios.
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December 15, 2020 09:00 ET (14:00 GMT)