VIX trotz Iran-Krieg erstaunlich niedrig -Trügerische Ruhe vor einem Sommersturm an der Wall Street?
Während die angespannte Lage im Iran-Krieg früher die Börsen erschüttert hätte, zeigt sich der als Angstbarometer geltende VIX derzeit erstaunlich gelassen.
Werte in diesem Artikel
• VIX signalisiert überwiegend normale Marktnervosität trotz Iran-Krieg
• Historisch folgt auf solche Ruhephasen oft eine Phase erhöhter Volatilität
• Kommt im Sommer der große Börsen-Schock?
Der Volatilitätsindex VIX, das sogenannte "Angstbarometer" der US-Börsen, schloss zuletzt bei 18,80 Punkten (Stand: Schlusskurs vom 8. Juni 2026). Damit bewegt sich der Index trotz der weiterhin äußerst angespannten Lage im Iran-Krieg im historischen Durchschnittsbereich und weit entfernt von Niveaus, die typischerweise mit ernsthaften Marktverwerfungen oder Panik verbunden werden. Genau dieser Widerspruch könnte jedoch ein ernstzunehmendes Warnsignal sein.
Was der VIX aussagt
Der VIX misst die erwartete Schwankungsbreite des S&P 500 in den kommenden 30 Tagen auf Grundlage der Preise für Optionen auf den breiten US-Index. Da Optionen häufig zur Absicherung von Aktienportfolios genutzt werden, lässt sich aus ihrer Preisentwicklung die Risikowahrnehmung der Marktteilnehmer ableiten. Steigt die Nachfrage nach Absicherungen, verteuern sich Optionen und der VIX steigt. Dies ist häufig in einem unsicheren Marktumfeld der Fall, in dem Angst und Unruhe an den Märkten steigen. In Phasen mit hohem Anlegervertrauen sinkt hingegen die Nachfrage nach Absicherungen und der Volatilitätsindex sinkt. Daher gilt der VIX seit Jahrzehnten als verlässlicher Gradmesser für Angst und Unsicherheit an den Finanzmärkten. Dabei besteht häufig eine negative Korrelation zwischen dem VIX und dem S&P 500: Wenn der S&P 500 steigt, fällt der VIX und umgekehrt.
Angstbarometer trotz anhaltendem Iran-Krieg weitgehend im normalen Bereich
Der Iran-Krieg begann am 28. Februar 2026 mit Angriffen von Israel und den USA auf iranische Ziele. In den Tagen danach reagierten die Märkte erwartungsgemäß auch durchaus nervös: Der Volatilitätsindex VIX stieg an und erreichte am 9. März mit 35,30 Punkten das bisherige Hoch seit Beginn des Konflikts, das gleichzeitig auch sein aktuelles 52-Wochen-Hoch darstellt. Seitdem ist die Nervosität jedoch wieder deutlich zurückgegangen.
Lediglich am vergangenen Freitag, dem 5. Juni, stieg der VIX erstmals seit dem 23. April wieder über die wichtige Marke von 20 Punkten - und zwar mit einem gewaltigen und abrupten Sprung um 39,68 Prozent auf 21,51 Punkte. Der Auslöser für diesen Anstieg dürften jedoch nicht die Entwicklungen im Konflikt mit dem Iran, sondern überraschend starke Daten vom US-Arbeitsmarkt gewesen sein, die die Furcht vor Zinserhöhungen schürten. Dafür spricht auch, dass der VIX zu Beginn der neuen Woche bereits wieder unter die 20-Punkte-Schwelle fiel - obwohl es am Wochenende zu neuen Raketenangriffen zwischen Israel und dem Iran gekommen war.
Im März, also den ersten Wochen des Iran-Kriegs, hatte sich der Index hingegen noch durchgehend über der Schwelle von 20 Punkten bewegt, bevor er in den vergangenen Wochen deutlich unterhalb der Niveaus lag, die typischerweise mit echten Marktsorgen verbunden sind und sich teils sogar dem Bereich unter 15 Punkten annäherte, in dem Marktstrategen von ausgeprägtem Optimismus sprechen, der aber auch schnell in gefährliche Selbstzufriedenheit der Anleger umschlagen kann. Mit seinem aktuellen Stand bewegt sich der VIX im Bereich des historischen Durchschnitts, der zwischen 15 und 20 Punkten angesiedelt ist und ein neutrales Marktumfeld signalisiert, in dem Anleger von moderaten Marktbewegungen ausgehen.
Der Kontrast zwischen dem aktuellen Niveau des VIX und der angespannten geopolitischen Lage bleibt somit auch weiterhin bemerkenswert. Denn Historisch führten militärische Konflikte oder die Gefahr von Lieferkettenstörungen häufig zu einer deutlich höheren Nachfrage nach Absicherungsgeschäften. So kletterte der VIX etwa im Rahmen der Corona-Krise im Jahr 2020 zeitweise über die Schwelle von 80 Punkten. Der aktuelle Konflikt scheint jedoch als relativ beherrschbares Risiko wahrgenommen zu werden.
Anleger zwischen Normalität und Selbstgefälligkeit
Ein genauerer Blick auf die Einordnung der unterschiedlichen VIX-Spannen verdeutlicht die Situation: Werte unter 15 Punkten gelten gemeinhin als Zeichen außergewöhnlicher Ruhe und hohen Anlegervertrauens. Zwischen 15 und 20 Punkten bewegt sich der VIX im langfristigen Durchschnittsbereich. Die Marktteilnehmer rechnen in dieser Zone mit moderaten Schwankungen und einem weitgehend geordneten Marktumfeld. Erst oberhalb von 20 Punkten steigt die Nervosität deutlich an und die Unruhe am Markt gilt als erhöht. Dabei markieren jedoch erst Werte von mehr als 25 Punkten den Übergang in ein Regime hoher Volatilität - und erst ab einem Wert von mehr als 30 Punkten wird in der Regel von extremen und schnellen Schwankungen an den Börsen ausgegangen. Werte über dieser Schwelle werden daher oft mit Unsicherheit, Krisen oder Angst assoziiert.
Vor diesem Hintergrund wirkt ein VIX von zuletzt 18,80 Punkten fast schon erstaunlich niedrig - allerdings nicht mehr so stark wie in den Wochen zuvor, als er sich immer mehr der Schwelle von 15 Punkten angenähert hatte. Anleger scheinen dennoch weiterhin davon auszugehen, dass der Krieg im Iran regional begrenzt bleibt und keine nachhaltigen Folgen für die US-Wirtschaft oder die Unternehmensgewinne haben wird. Dabei könnte gerade die anhaltende Blockade der Straße von Hormus mit den entsprechenden Folgen für die Verfügbarkeit und den Preis von Rohöl potenziell schwerwiegende wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen.
Doch die Anleger verhalten sich mehrheitlich, als sei der geopolitische Brandherd weit entfernt. So erzielten kürzlich mehrere US-Indizes wie S&P 500, Dow Jones oder NASDAQ Composite sogar neue Allzeithochs. Statt Kriegssorgen dominieren auch aktuell weiterhin andere bekannte Themen wie KI oder robuste Unternehmensbilanzen. Es scheint so, als hätten die Märkte in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Krisenresistenz entwickelt. So wurden Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und Inflationssorgen letztlich stets von neuen Höchstständen an den Aktienmärkten abgelöst. Viele Investoren haben daher anscheinend - und aus gutem Grund - gelernt, geopolitische Risiken nur als kurzfristige Störgeräusche zu betrachten und sehen somit wenig Anlass für umfassende Absicherungsmaßnahmen.
Daneben spricht auch die aktuelle Marktstruktur für eine gedämpfte Volatilität. Systematische Anlagestrategien, umfangreiche Aktienrückkäufe der Unternehmen sowie die hohe Liquidität institutioneller Investoren wirken stabilisierend.
Wird die Situation schon bald zur großen Gefahr?
Aber die Frage ist nicht, ob die Volatilität zurückkehren wird, sondern nur wann. Denn Phasen niedriger Volatilität werden unweigerlich immer von Zeiten mit größeren Marktbewegungen abgelöst. Der aktuell durchschnittliche Stand des VIX könnte dabei eine trügerische Sicherheit erzeugen: Wenn Anleger Risiken unterschätzen, werden Absicherungen reduziert und Positionen ausgeweitet. Das macht die Märkte anfälliger für unerwartete Schocks. Die Börsengeschichte ist reich an solchen Beispielen, in denen Anleger Risiken über längere Zeit ausblendeten, bevor ein unerwarteter Auslöser die Volatilität schlagartig zurückkehren ließ. Auch aktuell dürfte der Markt anfällig für eine Korrektur sein, sobald Erwartungen klar enttäuscht werden.
Besonders kritisch könnte die Situation dabei mit Blick auf die bevorstehenden Sommermonate werden, die traditionell als Phase geringerer Liquidität gelten. Viele institutionelle Marktteilnehmer sind weniger aktiv und Handelsvolumina sinken, was die Anfälligkeit der Börsen für stärkere Kursausschläge erhöht. Somit könnten bereits kleinere Überraschungen überproportionale Reaktionen auslösen.
Was Anleger jetzt beachten sollten
Für Anleger ergibt sich aus der aktuellen Situation ein ungewöhnliches Spannungsfeld. Einerseits spricht der aktuelle Stand des VIX nicht für Panik. Die US-Wirtschaft zeigt sich robust, viele Unternehmen liefern weiterhin solide Geschäftszahlen und die Aktienmärkte bewegen sich nahe ihrer Höchststände. Andererseits deutet die niedrige Volatilität aber auch darauf hin, dass viele Risiken derzeit nur begrenzt eingepreist werden und nur wenig Raum für negative Überraschungen bleibt. Je niedriger die wahrgenommene Gefahr, desto größer kann die Reaktion ausfallen, wenn die Realität die Erwartungen überholt.
Gerade in solchen Marktphasen bietet es sich für Anleger an, die eigene Risikoposition kritisch zu überprüfen. Wer in den vergangenen Monaten von steigenden Kursen profitiert hat, könnte überlegen, einzelne Gewinne zu sichern oder die Portfoliogewichtung wieder stärker an den langfristigen Anlagezielen auszurichten. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei potenzielle Belastungsfaktoren, die bislang an den Aktienmärkten offenbar kaum Beachtung finden. Dazu zählen unter anderem eine mögliche Ausweitung des Nahost-Konflikts, erneut deutlich ansteigende Energiepreise oder überraschend hohe Inflationsdaten. Jede dieser Entwicklungen könnte die aktuell geringe Schwankungsbereitschaft der Märkte schnell beenden.
Für langfristig orientierte Investoren spricht dennoch wenig dafür, sich vollständig aus dem Markt zurückzuziehen. Historisch gesehen waren geopolitische Krisen fast immer nur vorübergehende Belastungen für die Aktienmärkte. Entscheidend dürfte vielmehr sein, ausreichend Liquiditätsreserven vorzuhalten und das Portfolio breit zu diversifizieren, um auf mögliche Marktverwerfungen flexibel reagieren zu können.
Die aktuelle Ruhe sollte jedoch nicht als Entwarnung verstanden werden. Vielmehr könnte sie ein Anlass sein, die eigenen Absicherungsstrategien zu überprüfen und möglicherweise Absicherungsinstrumente wie Put-Optionen zu erwerben - solange diese aufgrund der vom VIX indizierten geringen erwarteten Volatilität noch vergleichsweise günstig zu haben sind.
Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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