Die stille Macht der Hedgefonds: Was hinter dem nächsten Marktrisiko steckt
Die BIZ warnt vor neuen Risiken durch hohe Staatsverschuldung, steigende Marktverflechtungen und gehebelte Handelsstrategien.
- Zentralbanken bauen ihre Anleihebestände planmäßig ab
- Die BIZ sieht ein reales Risiko
- Aufsichtsbehörden diskutieren strengere Regeln für Nichtbanken-Finanzintermediäre im Bondmarkt
Warum die BIZ die Bondmärkte im Blick hat
Im zweiten Kapitel des Jahresberichts 2026 widmet sich die BIZ ausführlich den Herausforderungen, die aus der Kombination von hoher Staatsverschuldung und dem wachsenden Gewicht von Nichtbanken in den Anleihemärkten entstehen, wie aus dem Bericht der BIZ hervorgeht. Zentralbanken sehen sich demnach mit einer Marktstruktur konfrontiert, die sich seit der Finanzkrise deutlich verändert hat. Staatsanleihen gelten traditionell als sicherer Hafen und als technisches Fundament des Finanzsystems, weil auf ihnen Zinssätze, Kreditvergabe und Bewertungsmodelle für andere Anlageklassen aufbauen. Diese Ankerfunktion sorgt dafür, dass Störungen an diesem Markt sich über zahlreiche Kanäle in andere Marktsegmente fortpflanzen können und damit besonders folgenreich sind.
Der Rückzug der Zentralbanken
Die BIZ verweist darauf, dass die öffentliche Verschuldung in fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist, wobei der Bericht auf erhöhte zyklisch bereinigte Primärdefizite seit 2022 hinweist, die deutlich über dem Niveau der beiden vorangegangenen Jahrzehnte liegen sollen. Gleichzeitig haben mehrere große Zentralbanken ihre Bilanzen im Rahmen des Quantitative Tightening reduziert und damit einen Käufer aus dem Markt genommen, der in der Vergangenheit als stabilisierender Faktor wirkte. Diese Kombination aus steigendem Angebot an Staatsanleihen und geringerer Nachfrage durch Zentralbanken erhöht die Bedeutung privater Marktteilnehmer bei der Aufnahme neuer Staatsanleihen. Die BIZ ordnet dies als eine der zentralen Entwicklungen ein, durch die Nichtbanken-Finanzintermediäre inzwischen eine größere Rolle in den Staatsanleihemärkten spielen.
Wie Hedgefonds zur neuen Marktmacht wurden
Parallel zum Rückzug der Notenbanken haben Hedgefonds ihre Präsenz in den Staatsanleihemärkten massiv ausgebaut. Nach Angaben der US-Notenbank haben große Hedgefonds ihre Bruttopositionen in US-Staatsanleihen zwischen September 2023 und September 2025 auf vier Billionen US-Dollar verdoppelt, davon 2,4 Billionen in Long- und 1,6 Billionen in Short-Positionen. Ihr Anteil an den insgesamt ausstehenden Treasuries stieg im selben Zeitraum von 4,5 auf 8,5 Prozent, wie eine Analyse der Federal Reserve auf Basis von SEC-Meldedaten (Form PF) und weiteren Marktdaten zeigt. Zentraler Treiber dieser Entwicklung ist der sogenannte Cash-Futures Basis Trade, bei dem Hedgefonds eine repo-finanzierte Long-Position in Kassaanleihen mit einer Short-Position in Anleihe-Futures kombinieren, um von geringen Preisunterschieden zu profitieren. Dieses Geschäft erreichte laut der Fed-Studie im September 2025 ein Volumen von rund 830 Milliarden US-Dollar, fast doppelt so viel wie am bisherigen Höhepunkt Anfang 2020. Ergänzt wird dieses Geschäft nach Angaben der Fed durch die Swap-Spread-Arbitrage, deren Volumen im selben Zeitraum auf rund 305 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde. Die Fed-Analyse zeigt zudem, dass sich die Treasury-Exposures stark auf die größten Marktteilnehmer konzentrieren: Die 50 größten Fonds nach Treasury-Exposure machen rund 90 Prozent der gesamten Exponierung aus.
Wenn Liquidität plötzlich verschwindet
Der Basis Trade funktioniert nur, solange Repo-Finanzierung günstig verfügbar bleibt und die Preisunterschiede zwischen Kassa- und Terminmarkt gering und stabil sind. Genau diese Voraussetzung kann in Stressphasen kippen, wenn Repo-Sätze steigen, Broker ihre Bilanzkapazität einschränken oder Margin-Anforderungen an den Terminbörsen kurzfristig erhöht werden. Die hohe Verschuldung, mit der diese Geschäfte typischerweise betrieben werden, verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Die Fed-Analyse verweist darauf, dass die Marktturbulenzen im März 2020 teilweise auf eine rasche Auflösung solcher Basis-Trade-Positionen zurückgeführt wurden, ein Muster, das sich bei erneutem Stress wiederholen könnte. Auch die Swap-Spread-Arbitrage zeigte bereits Anfälligkeit: Nach den US-Zollankündigungen im April 2025 reduzierten sich entsprechende Positionen laut Fed-Schätzung kurzfristig um rund 60 Milliarden US-Dollar, bevor sie wieder aufgebaut wurden. Der BIZ-Jahresbericht ergänzt, dass ein Abbau gehebelter Positionen im Kassamarkt zu den Faktoren zählt, die Marktstress verstärken können, insbesondere vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von Nichtbanken-Finanzintermediären in den Staatsanleihemärkten.
Vom Anleihemarkt zum Aktienmarkt
Die BIZ sieht in ihrem Bericht mehrere Kanäle, über die Spannungen im Bondmarkt auf andere Anlageklassen überspringen können. Ein plötzlicher Anstieg der Anleiherenditen verteuert unmittelbar die Diskontierung künftiger Unternehmensgewinne und kann damit auf Aktienbewertungen wirken. Zusätzlich verschärft ein Liquiditätsengpass im Staatsanleihemarkt die Finanzierungsbedingungen breiter, weil Staatsanleihen als Sicherheiten in Repo-Geschäften und Derivatemärkten dienen und ihre Werthaltigkeit die Kreditvergabe im gesamten Finanzsystem stützt. Fällt diese Stützfunktion aus, drohen nach Einschätzung der BIZ Zweitrundeneffekte über den Kreditmarkt, etwa durch eine Ausweitung von Risikoaufschlägen bei Unternehmensanleihen. Der Bericht verweist darauf, dass sich Kreditaufschläge und Aktienmarktrenditen historisch negativ zueinander verhalten, wobei synchrone, große Korrekturen in beiden Märkten selten, aber folgenreich seien, wie etwa während der globalen Finanzkrise und der Marktverwerfungen im März 2020. Die zunehmende Verflechtung von Banken mit dem privaten Kreditsektor und mit Versicherungsgesellschaften verschärft dieses Risiko zusätzlich, da Schocks so über den regulierten Bankensektor hinausgetragen werden können.
Paul Schütte, Redaktion finanzen.net
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