JPMorgan traut sich keine Prognose für den Ölpreis mehr zu - Das steckt dahinter
Erstmals seit Kriegsbeginn traut sich JPMorgan keine Basisprognose für Brent Rohöl mehr zu, zu unberechenbar geworden sei der Markt.
Werte in diesem Artikel
- Großbank stellt Ölpreisprognosen ein, da Kriegsausgang sich nicht modellieren lasse
- Rote Linien im Iran-Krieg gerissen, Ausstiegsstrategie nicht sichtbar
- Zwischen Nachfrageschwäche und Lieferausfällen ergibt sich eine seltene Grauzone
JPMorgan hat seine Basisprognose für den Ölmarkt eingestellt, weil sich der Ausgang des Iran-Kriegs nach Einschätzung der Bank nicht mehr seriös modellieren lässt. Für Anleger bedeutet das eine ungewöhnlich offene Gemengelage: Weder eine klare Abwärts- noch eine klare Aufwärtsbewegung lässt sich derzeit fundiert begründen.
JPMorgan erklärt sein Modell für gescheitert
JPMorgan teilte am Donnerstag laut "Reuters" mit, erstmals seit Beginn des Iran-Kriegs keine klare Basisprognose für die Ölpreise mehr abgeben zu können. "Wir wissen schlichtweg nicht, wie wir das Endspiel modellieren sollen", begründete die Bank den Schritt mit Verweis auf den Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Ursprünglich sei man davon ausgegangen, dass die US-Regierung dafür sorgen würde, dass bestimmte wirtschaftliche Schwellenwerte nicht überschreiten würde. Sechs Monate nach Kriegsbeginn seien diese roten Linien jedoch vielfach gerissen worden, ohne dass eine erkennbare Ausstiegsstrategie sichtbar sei.
Noch im Juli hatte ein Team von JPMorgan Global Research unter Natasha Kaneva feste Quartalswerte für Rohöl der Sorte Brent genannt: einen Durchschnitt von 86 US-Dollar für das dritte Quartal, 80 US-Dollar für das vierte Quartal und 78 US-Dollar zum Jahresende, mit Aussicht auf einen Rückgang Richtung 60 US-Dollar ab der zweiten Jahreshälfte 2027. Kaneva verwies jedoch schon damals darauf, dass sich die Zusammensetzung der Marktanpassung deutlich anders entwickelt habe als erwartet, auch wenn das Gesamtausmaß in etwa den Erwartungen entsprochen habe.
Rote Linien längst überschritten
Zu den überschrittenen Schwellen zählt laut JPMorgan ein Ölpreis von mehr als 100 US-Dollar je Barrel bei einem Benzinpreis von 4,37 US-Dollar je Gallone. Die US-Dieselpreise erreichten kürzlich mit 6,31 US-Dollar je Gallone ein Allzeithoch, während die Lagerbestände auf einem historischen Tiefstand liegen. Die Bank taxierte den fairen Wert für Brent im September auf rund 90 US-Dollar je Barrel. Der höhere tatsächliche Preis ist ein Hinweis darauf, dass der Markt zusätzliche Ausfallrisiken über die bereits geschätzten Lieferunterbrechungen von 10 Millionen Barrel pro Tag hinaus einpreist.
Derweil sind die weltweiten Bestände an Rohöl und raffinierten Produkten seit Kriegsbeginn um rund 555 Millionen Barrel gesunken, nur etwa ein Drittel des von JPMorgan zu Jahresbeginn erwarteten Rückgangs. Die globale Ölnachfrage lag zugleich rund 4,4 Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorjahresniveau und kompensierte damit einen Großteil der Angebotsausfälle. Seit Kriegsbeginn notierte Brent im Schnitt bei 94 US-Dollar.
Offene Risiken für die Richtung beim Ölpreis
Als aktuelle Risikofaktoren für die Ölpreise nennt JPMorgan wachsende Gefahren im gesamten Nahen Osten, darunter Bedrohungen der Schifffahrt durch die Straße von Bab al-Mandab sowie Angriffe auf saudische Exportrouten. Zudem dauern Angriffe auf russische Raffinerie-Infrastruktur und ukrainische Städte an.
JPMorgan geht dennoch davon aus, dass erhebliche Lagerbestände in China, Europa, Japan und Südkorea als Puffer wirken und einen deutlichen Preisanstieg kurzfristig begrenzen könnten. Halten die Störungen im Nahen Osten jedoch an, könnten die Ölpreise später im Jahr noch weiter steigen, da die Lagerbestände weiter sinken und der Markt dann zunehmend auf eine Nachfragedrosselung angewiesen wäre.
"Es gibt noch genügend Reserven, um die Preise im Zaum zu halten – vorerst", so das Fazit der Bank laut "Reuters".
Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net
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