Neue Ölpreis-Rally in Sicht? Fondsmanager sehen 2027 Preise über 100 US-Dollar
Während die Wall Street von sinkenden Ölpreisen ausgeht, wetten zwei Fondsmanager mit einer starken Erfolgsbilanz genau auf das Gegenteil für das Jahr 2027.
Werte in diesem Artikel
- Wall Street erwartet für Brent 2027 einen Rückgang auf etwa 78 US-Dollar
- Zwei Fondsmanager rechnen 2027 mit Ölpreisen über 100 Dollar
- Experten setzen dafür auf kanadische Ölproduzenten und Offshore-Dienstleister
Die große Mehrheit der Wall Street-Banken rechnet für den Ölmarkt mit fallenden Preisen: Nach dem Analystenkonsens, auf welchen sich Barron's beruft, soll die Sorte Brent im vierten Quartal 2026 im Schnitt bei rund 86 US-Dollar pro Barrel liegen, im kommenden Jahr bei rund 78 US-Dollar. Auch die Terminkurve deutet auf einen Rückgang auf etwa 77 US-Dollar binnen eines Jahres hin. Wie Barron's berichtet, halten die Fondsmanager Leigh Goehring und Adam Rozencwajg vom Goehring and Rozencwajg Natural Resources Equity Fund (GRHAX) genau dagegen: Sie erwarten, dass Rohöl im Jahr 2027 über weite Strecken wieder über die Marke von 100 US-Dollar steigt.
Warum der Konsens auf fallende Ölpreise setzt
Grund für die überwiegend verhaltene Preiserwartung ist die Entwicklung an den Terminmärkten im August. Brent blieb in diesem Zeitraum durchgehend unter der Marke von 100 US-Dollar und notierte knapp unter 90 US-Dollar. Damit liegt der Ölpreis weit unter jenen Extremszenarien, die Analysten früh im Krieg um den Iran ausgerufen hatten, als die Straße von Hormus über Monate weitgehend blockiert war. Ein Großteil der Marktteilnehmer blickt inzwischen über den Konflikt hinaus und preist niedrigere Notierungen für die kommenden Jahre ein.
Diesel-Engpässe als Gegenargument
Rozencwajg hält diese Ruhe jedoch für irreführend. Gegenüber Barron's verweist er auf den Dieselmarkt, wo die Preise nahe ihren Rekordständen liegen, weil Raffinerien in Russland, China und dem Nahen Osten infolge der Kriege um Iran und Ukraine weniger Diesel produzieren als üblich. Die Lagerbestände müssten deshalb angezapft werden, seien aber bereits nahezu erschöpft. "Nur weil es noch nicht passiert ist, heißt das nicht, dass es nicht passiert", sagte Rozencwajg gegenüber Barron's. Er zieht einen Vergleich zur Corona-Pandemie im Jahr 2020, als frühe Warnungen vor Lieferkettenproblemen zunächst übertrieben wirkten, sich später aber bestätigten.
Schieferölwachstum kippt ins Minus
Den Kern der optimistischeren Preisthese bildet die Angebotsseite. US-Schieferöl war laut Goehring in den vergangenen zehn Jahren für den Großteil des weltweiten Produktionswachstums verantwortlich, wächst nun aber kaum noch, weil Unternehmen neue Projekte scheuen. Goehring erwartet laut Barron's, dass das Schieferölwachstum in den kommenden Monaten sogar ins Minus dreht, ohne dass ein anderes Förderprojekt weltweit die Lücke schließen könnte. Er zieht die Parallele zu den Jahren 2002 bis 2008, als der Ölpreis auf das Vier- bis Fünffache stieg. Bereits 2004 hatte Goehring in einem Barron's-Beitrag vor einer Unterversorgung des Marktes gewarnt, mit der er damals richtig lag.
Die Wetten der Fondsmanager
Bei der Aktienauswahl setzen Goehring und Rozencwajg auf Titel mit konzentriertem Bezug zum Ölpreis. Die Exxon Mobil-Aktie meiden sie bewusst, weil der Konzern über Chemie und andere Sparten zu breit diversifiziert ist. Stattdessen bauen sie Positionen in kanadischen Ölproduzenten wie Canadian Natural Resources und Suncor Energy auf, deren Ölsandförderung nach Einschätzung der Manager länger tragfähig bleibt als US-Schieferölquellen. Ergänzt wird die Position durch Offshore-Dienstleister wie Seadrill und SLB, die von einer wieder steigenden Nachfrage nach Offshore-Bohrungen profitieren sollen.
Ob sich die gegensätzliche Wette auszahlt, hängt entscheidend von der US-Schieferölproduktion ab. Dreht sie in den kommenden Monaten tatsächlich ins Minus, wie Goehring erwartet, dürfte sich die Angebotslücke schneller schließen, als es der aktuelle Bankenkonsens unterstellt.
Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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