Öl-Schock vor der Tür? Experten der Bank of America warnen vor neuem Inflationsproblem

Experten warnen vor einem Wendepunkt in der Geldpolitik: Ölpreisschwankungen könnten dazu führen, dass Notenbanken Angebotsschocks nicht mehr ignorieren können.
Werte in diesem Artikel
- BofA warnt, Notenbanken könnten Ölpreisschocks nicht mehr ignorieren
- Die Fed steht laut BofA vor einer besonders knappen Zinsentscheidung am 28./29. Juli
- EZB, Bank of England und RBI reagieren laut BofA bislang unterschiedlich auf den Ölpreis
Die Inflation liegt seit fünf Jahren über den Zielmarken wichtiger Notenbanken, und genau das wird laut einer Einschätzung von Bank of America Global Research nun zum Problem. Anhaltende Ölpreisschwankungen, ausgelöst durch Störungen im globalen Schiffsverkehr und geopolitische Spannungen, könnten sich nach Einschätzung der Bank dauerhaft in der Kerninflation festsetzen, berichtet Investing.com unter Berufung auf den BofA-Bericht. Die verbreitete geldpolitische Reaktionsweise, kurzfristige angebotsseitige Rohstoffschocks zu ignorieren, das sogenannte "Look-through"-Prinzip, könnte laut der BofA an ihre Grenzen stoßen, weil Preise bei Waren und Dienstleistungen kaum noch nach unten flexibel sind und sich Ölpreisschwankungen dadurch dauerhaft auswirken könnten.
Fed vor einer besonders knappen Entscheidung
Für die US-Notenbank rechnet die BofA im Basisszenario weiterhin mit einer unveränderten Federal Funds Rate von 3,50 bis 3,75 Prozent bei der Sitzung am 28. und 29. Juli. Ein zuletzt rund 10-prozentiger Sprung beim WTI-Ölpreis mache die Entscheidung aber "extrem knapp", so die Experten. Der Markt preise bereits knapp 10 Basispunkte einer Zinserhöhung ein, wie aus der BofA-Analyse hervorgeht.
Fed-Chef Kevin Warsh steckt dem Bericht zufolge in einem Dilemma: Hält er die Zinsen unverändert, riskiert er nach dieser Lesart Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Notenbank in der Inflationsbekämpfung. Hebt er sie an, widerspräche das seinem von der BofA beschriebenen Ansatz, Angebotsschocks grundsätzlich zu ignorieren. Die Experten halten dennoch an der eigenen Prognose von drei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte im September, Oktober und Dezember fest.
EZB, Bank of England und RBI mit unterschiedlichen Kursen
Die Europäische Zentralbank beließ ihre Zinsen in ihrer jüngsten Zinssitzung unverändert, weil die Energiepreise bislang nah an ihren eigenen Basisprojektionen liegen. Die Bank of America selbst rechnet dennoch mit einer weiteren Zinserhöhung im September und hält sogar eine dritte für möglich, sollte sich der Energiemarkt weiter verschlechtern. Das Finanzhaus erwartet aber unverändert Zinssenkungen ab 2027 auf einen Einlagensatz von 2,0 Prozent oder darunter.
Die Bank of England dürfte ihren Leitzins bei 3,75 Prozent belassen, in einer laut BofA voraussichtlich knappen Abstimmung von 7 zu 2 Stimmen. Grund seien ein schwacher Arbeitsmarkt und ein gedämpftes Lohnwachstum, die bislang kaum Zweitrundeneffekte auslösen. Die indische Notenbank RBI dürfte an ihrem neutralen Kurs festhalten, muss dabei aber höhere Treibstoffkosten und mögliche Monsun-Unsicherheiten im Blick behalten.
Warum das Look-through-Prinzip nicht sofort fällt
Bemerkenswert an der eigenen BofA-Einordnung ist, dass sie trotz der Warnung an ihren Basisprognosen festhält, darunter sogar an Zinssenkungen der EZB ab 2027. Das liest sich eher wie ein Risikoszenario als wie eine bereits vollzogene Kehrtwende der Geldpolitik.
Auch der von den Experten selbst beschriebene Widerspruch bei Fed-Chef Kevin Warsh, dem der Bericht ein Festhalten am Prinzip zuschreibt, Angebotsschocks zu ignorieren, zeigt, dass eine Abkehr vom Look-through-Prinzip innerhalb der Notenbanken keineswegs unumstritten ist.
Die nächste konkrete Weichenstellung ist die Fed-Sitzung am 28. und 29. Juli, deren Ausgang die Bank selbst als besonders knapp einstuft.
Claudia Stephan, Redaktion finanzen.net
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