Ökonomen warnen: US-Zinserhöhung wäre womöglich "gravierender geldpolitischer Fehlgriff"
Kurz vor der Fed-Sitzung am Mittwoch mehren sich die Stimmen, die vor einer Leitzinserhöhung warnen. Dabei gilt diese am Markt längst als ausgemacht.
- US-Notenbank Fed entscheidet am Mittwoch über die US-Leitzinsen, Erhöhung gilt als wahrscheinlich
- Hohe Ölpreise und Inflationsdaten erhöhen Druck auf die Fed
- Ökonom Mark Zandi hält das Risiko eines Fed-Fehlers für deutlich gestiegen
Die US-Notenbank Federal Reserve tagt am Dienstag und Mittwoch dieser Woche, und an den Finanzmärkten gilt eine Zinserhöhung inzwischen als das wahrscheinlichste Ergebnis der Sitzung. Genau diesen Schritt halten jedoch mehrere prominente Ökonomen inzwischen für einen möglichen Fehler, der die Wirtschaft deutlich stärker treffen könnte, als der breite Konsens es derzeit unterstellt.
Ölpreise und Inflationsdaten drehen die Erwartung
Noch vor zehn Tagen hätten Investoren eine Zinsanhebung nur mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 50 Prozent eingepreist, nun liege sie bei rund 92 Prozent, berichtet "MarketWatch". Denn mehrere Faktoren haben die Markterwartungen inzwischen spürbar verschoben: steigende Ölpreise, neu aufgeflammte Spannungen im Nahen Osten und ein am Freitag veröffentlichter Verbraucherpreisbericht, der stärker ausfiel, als Volkswirte erwartet hatten. Händler und Ökonomen gehen daher laut der Nachrichtenseite inzwischen mehrheitlich davon aus, dass Fed-Chef Kevin Warsh seine zuvor angedeutete härtere Linie in dieser Woche tatsächlich umsetzt. Die Leitzins-Entscheidung wird am Mittwoch um 14 Uhr Ostküstenzeit verkündet werden, das entspricht 20:00 Uhr MEZ. Eine Pressekonferenz mit Warsh folgt eine halbe Stunde später.
Moody's-Chefvolkwirt warnt vor einem folgenschweren Fehlgriff der Fed
Die Aufgabe der Notenbank besteht darin, Beschäftigung und Inflation gleichermaßen im Blick zu behalten. Eine Zinserhöhung soll die Teuerung bremsen, doch genau hier setzt die Kritik einiger Ökonomen an: Eine zu forsche Straffung könnte die wirtschaftliche Aktivität deutlich stärker abwürgen, als es die Notenbank derzeit einpreist, mit der Folge steigender Entlassungen bis hin zu einer Rezession. Mark Zandi, Chefvolkswirt bei Moody's Analytics, brachte diese Sorge in einem Beitrag auf der Plattform X auf den Punkt: Die Wahrscheinlichkeit eines gravierenden geldpolitischen Fehlgriffs sei unangenehm hoch und nehme weiter zu.
The odds of a serious Fed policy mistake are uncomfortably high and rising. Markets are all but certain the Fed will raise rates a quarter point at next week’s meeting, and are pricing in more to come. But the economy is already growing near potential (2% real GDP growth) and operating at full employment (unemployment a bit above 4%). Inflation is too high, to be sure, running above 3%. But much of that is the fallout from higher energy prices and tariffs, supply shocks that rate hikes can’t fix and that should fade on their own so long as inflation expectations stay anchored, as they have. If the Fed tightens to bring inflation down faster, it must push growth below potential, and that is hard to do without layoffs, rising unemployment, and igniting a self-reinforcing negative cycle. The challenge is even more complicated because AI-related investment appears to be powering the economy, while the non-AI economy is already struggling. To hit its inflation objective, the Fed either needs to rein in the AI boom or put even more pressure on the rest of the economy. Neither is a good outcome. Of course, it doesn’t have to choose either. It can wait.
— Mark Zandi (@Markzandi) September 13, 2026
Laut Zandi sei zwar die Inflation mit über 3 Prozent zu hoch, doch ein Großteil davon sei auf die Folgen höherer Energiepreise und Zölle zurückzuführen. Dies seien Angebotsschocks, die sich nicht durch Zinserhöhungen beheben ließen und die von selbst abklingen dürften, "solange die Inflationserwartungen – wie bisher – verankert bleiben", schreibt der Experte. "Sollte die Fed die Geldpolitik straffen, um die Inflation schneller zu senken, müsste sie das Wachstum unter das Potenzial drücken. Dies ist jedoch kaum möglich, ohne Entlassungen und steigende Arbeitslosigkeit in Kauf zu nehmen sowie eine sich selbst verstärkende Negativspirale auszulösen", so Zandi weiter. Eine weitere Möglichkeit wäre laut ihm, den KI-Boom zu bremsen, doch auch das wäre nicht wünschenswert. "Natürlich ist die Fed nicht gezwungen, sich für eine dieser beiden Optionen zu entscheiden; sie kann auch abwarten", beendet der Experte seinen Beitrag - und signalisiert damit, welches Vorgehen er momentan für am besten geeignet hält. Seine Einschätzung widerspricht damit direkt der Markterwartung, die eine Zinserhöhung derzeit weitgehend unhinterfragt einpreist.
Vorgeschichte: Monatelanger Stillstand, wachsender Druck von innen
Eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank in dieser Woche käme allerdings nicht aus heiterem Himmel. Die Fed hatte ihren Leitzins zuvor über fünf Sitzungen in Folge unverändert in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent belassen. Bereits im Sommer hatten jedoch drei regionale Fed-Präsidenten gegen die Mehrheit des Gremiums für eine Anhebung gestimmt und dabei argumentiert, die Inflation sei hartnäckiger, als die offizielle Linie der Notenbank es bis dahin eingeräumt hatte. Ein Kurswechsel wäre damit weniger eine plötzliche Kehrtwende, sondern eher ein Nachgeben gegenüber einem Druck, der sich innerhalb der Notenbank bereits seit Monaten aufgebaut hat.
Die Kehrseite der offiziellen Lesart
Die Fed begründet ihre Politik in der Regel mit dem Ziel, die Inflation unter Kontrolle zu bringen, und diese Priorität gilt an den Märkten derzeit weitgehend als unstrittig. Doch genau hier setzen auch die Kritiker an: Ihr Einwand lautet, die Notenbank orientiere sich zu stark an nachlaufenden Preisdaten und unterschätze dabei Anzeichen einer bereits schwächelnden Realwirtschaft.
"Die Zinsen unverändert zu lassen, würde zusätzliche Zeit verschaffen, um zu beurteilen, ob es möglicherweise Risse im Fundament des Aufschwungs gibt", schrieb laut "MarketWatch" etwa Carl Tannenbaum, Chefvolkswirt bei Northern Trust. Er beurteilt die Argumente für eine Zinserhöhung als weniger eindeutig als der Markt, gestand aber ein, dass der Fed derzeit keine einfachen Optionen zur Verfügung stehen würden. Auch Steve Englander, Leiter der G10-Devisenanalyse bei Standard Chartered, sieht laut "MarketWatch" widersprüchlichen Tendenzen in den Inflationsdaten und plädiert daher für ein Abwarten, bis die gegensätzlichen Signale nachlassen würden.
Ob die Sorgen der Ökonomen berechtigt sind, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen. Die Existenz einer derart offenen Debatte unter etablierten Volkswirten spricht jedoch gegen die Vorstellung, die kommende Entscheidung der Fed sei geldpolitisch eindeutig oder risikofrei.
Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net
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