Drama um Wirecard geht weiter - Aktie im freien Fall
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Von Steffen Gosenheimer
FRANKFURT (Dow Jones)--Die Aktie des DAX-Unternehmens Wirecard ist nach dem Kursdebakel am Donnerstag am Freitag weiter im freien Fall. Die Anleger trennen sich "koste was es wolle" scharenweise von dem Papier. Der Kurs knickt um weitere gut 40 Prozent ein auf 22,68 Euro. Am Donnerstag war die Aktie noch mit gut 101 Euro gestartet, hat seitdem also fast 80 Prozent an Wert verloren.
Gegen den Bezahldienstleister gibt es Betrugsvorwürfe, nachdem Wirecard die Vorlage des Abschlussberichts für 2019 ein weiteres mal hatte verschieben müssen, weil die Wirtschaftsprüfer ihr Testat verweigerten wegen nicht ausreichender Belege für Gelder auf Treuhandkonten.
Knackpunkt sind Bankguthaben über 1,9 Milliarden Euro, was einem Viertel der Bilanzsumme des Konzerns entspricht. Der Abschlussprüfer Ernst & Young sieht keine ausreichenden Prüfungsnachweise für deren Existenzen.
Auch 2024 fällige Anleihen von Wirecard brechen ein. Sie stehen besonders im Fokus wegen des Risikos eventueller Kreditkündigungen. Ohne testierten Jahresabschluss haben Kreditgeber ab Freitag die Möglichkeit dazu. Dabei geht es um ein potenzielle Volumen von 2 Milliarden Euro.
Wirecard hat mittlerweile erste personelle Konsequenzen gezogen. Der für das operative Geschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek wurde mit sofortiger Wirkung bis Ende Juni "widerruflich" freigestellt. Der neue Compliance-Vorstand James H. Freis nimmt seine Tätigkeit sofort auf und damit früher als geplant.
Wirecard selbst hat in der Nacht erneut Unklarheiten in seiner Bilanz 2019 eingeräumt, sieht sich selbst in der Angelegenheit aber als Geschädigte. Nachdem Wirecard-Vorstandschef Markus Braun und seine Kollegen am Donnerstag auf Tauchstation gegangen waren, erklärte der CEO in einem auf der Homepage veröffentlichten Videostatement: "Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist."
Aktie im Rekordhoch vor DAX-Aufstieg bei 199 Euro
Gegen Wirecard waren in der Vergangenheit immer wieder - insbesondere von der Financial Times - Vorwürfe wegen unsauberer Geschäftspraktiken erhoben worden. Am Aktienmarkt war der Kurs darauf immer wieder stark unter Druck geraten, konnte sich dann aber wieder erholen.
Im Allzeithoch hatte das Papier im September 2018 bei 199 Euro gelegen. Im September 2018 schaffte Wirecard dann auch den Aufstieg in die erste deutsche Börsenliga DAX und verdrängte dort das Urgestein Commerzbank.
Der Platz der Wirecard-Aktie im DAX scheint derweil trotz des aktuellen Dramas zumindest auf kürzere Sicht noch nicht gefährdet. Generell und unabhängig vom Fall Wirecard gilt, dass eine Aktie bei einer Insolvenz nur dann aus dem DAX entnommen würde, wenn der Handel im Prime Standard längere Zeit eingestellt würde. Denn generell habe ein Unternehmen die Chance, ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung mit einem guten Ausgang abzuschließen, so ein Marktexperte.
Der DAX wird zum nächsten Überprüfungstermin - das ist aktuell im September - neu sortiert- und zwar auf Basis der Ranglisten, die nach den Schlusskursen Ende August erstellt werden.
Sollte eine Aktie dann das Kriterium für einen schnellen Rauswurf ("Fast Exit") erfüllen, also in der Marktkapitalisierung oder in der Liquidtät schlechter als Platz 45 liegen, würde sie automatisch durch den besten Nachrücker ersetzt. Sollte sie in einem der beiden Kriterien schlechter als Platz 40 liegen, würde sie den DAX als regulärer Absteiger nur verlassen müssen, wenn es einen Nachrücker gibt, der in beiden Kriterien mindestens Platz 35 belegt. Und den gibt es aus derzeitiger Sicht nicht.
Analysten überschlagen sich mit Warnungen
Am Markt heißt es unterdessen, dass die Aktie "so langsam aus allen Portfolios entfernt worden sein" dürfte. Der Umsatz in der ersten Handelsstunde sei mit 200 Millionen Euro erneut riesig gewesen. Stützend könnten nach einem derartigen Kurszusammenbruch in nächster Zeit Übernahmespekulationen wirken, so ein Teilnehmer.
"Das Geschäftsmodell ist gut und zukunftsorientiert und man hat es nicht mit lange Zeit unkalkulierbaren Klagerisiken wie bei Bayer und VW zu tun". Dabei könne sich zeigen, dass man "jetzt für 6 Milliarden ein Unternehmen bekommen könnte, das früher 20 Milliarden Wert war". Andere Marktexperten halten dem entgegen, dass es gegebenenfalls viel lukrativer sein dürfte, sich später aus einer Insolvenzmasse die Filetstücke herauszusuchen.
Analystenseitig hagelt es nun Aussetzungen der Empfehlungen oder Verkaufsempfehlungen. Metzler hat das Papier suspendiert, weil man sich außerstande sieht, angesichts der existenziellen Krise bei Wirecard einen fairen Wert als Basis eines neuen Kursziels für den Zahlungsdienstleister zu ermitteln. Bei Citi spricht man von einer ganz erheblich gestiegenen Risikolage. Ein Kursziel sei angesichts der neuen Lage nicht zu ermitteln, da eine Bewertungsmethode nicht anwendbar sei.
Mitarbeit: Michael Denzin, Herbert Rude
Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com
DJG/gos/kla
(END) Dow Jones Newswires
June 19, 2020 05:55 ET (09:55 GMT)
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