HWWI: Zweite Welle verzögert Erholung der Wirtschaft
Von Andreas Kißler
BERLIN (Dow Jones)--Nach der noch stärker als erwarteten Erholung in den Sommermonaten werden die seit Oktober eingeleiteten neuen Einschränkungen sowie der Teil-Lockdown seit November die Wirtschaft im Jahresschlussquartal nach einer neuen Prognose des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) bremsen. Für 2020 bedeute das gleichwohl unverändert einen Rückgang der gesamten Wirtschaftsleistung um 5,0 Prozent, für 2021 dann ein Wachstum von 4,0 Prozent und für 2022 von 2,5 Prozent, sagten die Ökonomen voraus.
Die vom HWWI zuvor erwartete moderate V-Erholung, die allerdings unter dem Vorbehalt keiner zweiten Welle gestanden habe, werde im Winter ins Stocken geraten. "Die gesamte Wirtschaftstätigkeit dürfte im Winterhalbjahr kaum mehr zunehmen, zeitweilig sogar wieder etwas zurückgehen", erklärten sie. Nach dem starken Aufholprozess im dritten Quartal dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal dieses Jahres allenfalls stagnieren.
Die durch die hohen Infektionszahlen bedingten Einschränkungen träfen zum einen vor allem jene Wirtschaftsbereiche, die schon unter der ersten Welle gelitten hätten, sodass es hier vermehrt zu Insolvenzen komme. Zum anderen würden Betriebe, die die Situation bislang mit Kurzarbeit überbrückt hätten, in zunehmendem Maße auch Entlassungen vornehmen. Die Zahl der Arbeitslosen werde "in den nächsten Monaten folglich merklich zunehmen". Bisher habe die Kurzarbeiterregelung die Arbeitslosigkeit recht niedrig gehalten.
Die Zahl der Arbeitslosen soll dieses Jahr auf 2,72 Millionen und nächstes weiter auf 2,82 Millionen steigen, 2022 dann aber wieder im Jahresschnitt auf 2,58 Millionen zurückgehen. Die Arbeitslosenquote liegt nach der Prognose 2020 bei 5,7 Prozent, 2021 bei 5,9 Prozent und 2022 bei 5,4 Prozent.
Die privaten Konsumausgaben werden demnach dieses Jahr um 6,2 Prozent sinken, nächstes dann aber um 4,1 Prozent und übernächstes um 2,0 Prozent steigen.
Deutlich weniger Investitionen
Für die Ausrüstungsinvestitionen sagten die Hamburger Forscher 2020 einen Einbruch um 12,5 Prozent und 2021 und 2022 Anstiege um 7,3 Prozent und 5,5 Prozent voraus. Die Ausfuhren sollen 2020 um 10,3 Prozent sinken, 2021 dann aber wieder um 7,7 Prozent und 2022 um 5,4 Prozent zulegen. Für die Einfuhren veranschlagt das HWWI ein Minus von 8,5 Prozent in diesem Jahr und Zuwächse um 7,2 Prozent und 5,0 Prozent in den kommenden beiden Jahren.
Die nicht zuletzt wegen der bis Ende 2020 geltenden Mehrwertsteuersenkung aktuell sehr niedrige Preisentwicklung werde Anfang 2021 aber wieder "anspringen". Erwartet wird eine Verbraucherpreisinflation von 0,5 Prozent in diesem, 1,1 Prozent im kommenden und 1,7 Prozent im übernächsten Jahr.
Im Jahr 2022 sollte nach der Erwartung der Volkswirte eine Rückkehr zur "Normalität", und damit auf den potenziellen Wachstumspfad, möglich sein. Davon würden vor allem jene Branchen profitieren, die besonders unter den coronabedingten Einschränkungen litten, wie Gastronomie, Hotellerie, Tourismus oder Veranstaltungsbranche. Zudem dürften sich auch die Weltwirtschaft und damit der Welthandel nachhaltig erholen. Damit würden auch die Unternehmen ihre Investitionen wieder merklich ausweiten, zumal sie aufgeschobene Investitionen nachholten.
Kontakt zum Autor: andreas.kissler@wsj.com
DJG/ank/smh
(END) Dow Jones Newswires
December 02, 2020 05:54 ET (10:54 GMT)