OECD senkt wegen Corona BIP-Prognosen massiv - Risiko 2. Welle
Von Hans-Joachim Koch
FRANKFURT (Dow Jones)--Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ihre Prognosen wegen der sich global ausgebreiteten Coronavirus-Pandamie massiv nach unten korrigiert. Zwar werde es im kommenden Jahr eine Erholung geben, die jedoch vergleichsweise verhalten ausfallen werde. Dabei hat die in Paris ansässige Organisation zwei mögliche Szenarien zugrunde gelegt - neben einer zunehmenden Kontrolle des Virus auch eine zweite Welle im weiteren Jahresverlauf.
Das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte danach in diesem Jahr um 6,0 Prozent schrumpfen, bei einer zweiten Welle sogar um 7,6 Prozent. Im März, als lediglich erste Auswirkungen der Pandemie spürbar waren, hatte die OECD in einem günstigen Szenario noch ein Wachstum von 2,4 Prozent für möglich gehalten, bei einem ungünstigen Verlauf 1,5 Prozent.
Frankreich, Italien, Großbritannien mit höchsten Einbrüchen
Die stärksten Einbrüche innerhalb der G20 lokalisiert die OECD in Großbritannien, Frankreich und Italien mit Rückgängen im günstigen Fall von 11,5 bzw 11,4 bzw 11,3 Prozent und bei einer zweiten Welle von jeweils rund 14 Prozent. Die Schätzung für Frankreich und Italien drückt auch drastisch auf die Erwartung für die Eurozone insgesamt mit minus 6,0 bzw 7,6 Prozent. Deutschland wäre mit Schrumpfungsraten von 6,6 bzw 8,8 Prozent stark, aber nicht ganz so heftig betroffen. Vor drei Monaten waren die Pariser Wirtschaftsforscher von noch von 0,8 Prozent für 2020 sowie 1,2 Prozent im Jahr drauf ausgegangen.
Am moderatesten in der G20 fallen die Corona-Folgen nach OECD-Einschätzung in Südkorea mit einem BIP-Minus von 1,2 bzw 2,5 Prozent für 2020 aus.
Höchste Einkommensverluste der vergangenen 100 Jahre
Ein direktes und komplettes Aufholen der Konjunktureinbrüche im Folgejahr erwartet die OECD nicht. Global sind ihre Schätzungen mit plus 5,2 Prozent im günstigen und 2,8 Prozent im ungünstigen Szenario zwar teilweise höher als im März (3,0 Prozent), allerdings wird die 2020er Basis jetzt drastisch niedriger sein. Bis 2021 werden die Einkommensverluste die höchsten in einer Rezession in den vergangenen 100 Jahren (außerhalb von Kriegszeiten) sein, so die Organisation. Sie geht von tiefen und langanhaltenden Folgen für Menschen, Unternehmen und Regierungen aus.
Deutschland kommt nur langsam aus der Krise
Für Deutschland rechnet die OECD 2021 mit Wachstumsraten von 5,8 bzw bei einer Neuauflage der Virusbeschränkungen von 1,7 Prozent. Für die Eurozone werden 6,5 bzw 3,5 Prozent Wachstum veranschlagt. Für die hauptbetroffenen Länder des Währungsraums, Frankreich und Italien, sind es jeweils 7,7 Prozent bzw 5,2 und 5,3 Prozent. Für Großbritannien geht sie jetzt von 9,0 bzw 5,0 Prozent aus, für die USA von 4,1 bzw 1,9 Prozent.
Die Wirtschaft in China, von wo aus sich das Virus verbreitete, dürfte in diesem Jahr mit 2,6 bzw 3,7 Prozent vergleichsweise wenig schrumpfen und 2021 mit plus 6,8 bzw 4,5 Prozent bereits erkennbar aufholen. Noch im März hatte die OECD das Land als potenziell am stärksten belastet von dem damals noch als Epidemie eingestuften Virus klassifiziert und die Wachstumserwartungen damals auf 4,9 (bisher: 5,7) Prozent gekürzt, gefolgt von 6,4 (5,5) Prozent Wachstum.
Zielgerichtete Ausgaben - klare Regeln für Staatshilfen
Die Organisation appelliert an die Staaten, dass die jetzige Politik zur Wiederbelebung der Konjunktur die wirtschaftlichen und sozialen Aussichten für die kommende Dekade formen werde. Extrem akkomodierende Geldpolitiken und hohe Staatsausgaben seien notwendig, solange die wirtschaftliche Aktivität und die Inflation gedrückt seien bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit.
Doch schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme müssten sehr zielgerichtet angelegt sein, um die am stärksten Betroffenen sowie den notwendigen Wandel hin zu einer robusteren Wirtschaft zu unterstützen. Öffentliche Hilfen, so mahnte die OECD, müssten nachvollziehbar und fair sein. Gerade die Stützung von Unternehmen durch Staaten bedürfe transparenter Regeln. Das heiße auch, dass private Anleihegläubiger und Aktionäre Verluste in Kauf nehmen müssten und trotz der eingegangenen Risiken nicht exzessiv profitieren dürften.
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June 10, 2020 04:00 ET (08:00 GMT)