Vermögensverwalter-Kolumne

Trotz Krieg ein starkes erstes Börsenhalbjahr Kapitalmarktbericht zum 3. Quartal 2026


Die internationalen Aktienmärkte haben sich im Frühjahr dank neu erwachter KI-Euphorie und nahenden Mega-Börsengängen spektakulär erholt.

Gleichzeitig steigt das Risiko einer Blasenbildung. Das 2. Halbjahr könnte sehr volatil werden.

Das 2. Quartal war für Kapitalanlagen extrem stark. Der S&P 500 legte um 16,5 Prozent, der Eurostoxx 50 um 15,7 Prozent zu. Die Anleger reagierten damit auf positive Entwicklungen bei den beiden dominierenden Themen Nahostkonflikt und Künstliche Intelligenz. Im Nahostkonflikt haben die Parteien einen Waffenstillstand geschlossen und sich 60 Tage Zeit für Verhandlungen gegeben. Für die Wirtschaft ist vor allem die Öffnung der Straße von Hormus elementar. Wenn die Schiffe sie wieder gefahrlos passieren können, sollten sich die Lieferketten erholen und die Energiepreise entspannen. Auf das Niveau vor dem Konflikt dürften sie allerdings zunächst nicht fallen: Die Lager sind leer und müssen wieder aufgefüllt werden. KI dominiert wieder eindeutig das Marktgeschehen. Insbesondere Chiphersteller und asiatische Technologiekonzerne profitieren von der starken Nachfrage, die Nasdaq verzeichnet neue Allzeithöchststände. Allerdings wird der Aufschwung nur von wenigen Titeln aus dem Energie- und KI-Segment getragen. Alle übrigen Sektoren haben seit Jahresbeginn Terrain eingebüßt.

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Sonderkonjunktur KI: Könnte der Hype nachlassen?

Die Sonderkonjunktur KI ist aktuell vor allem eine Sonderkonjunktur der Rechenzentren. Ein zentraler Engpass sind Speicherchips. Um den Bau geplanter Rechenzentren nicht zu verzögern, sichern sich die Betreiber deshalb frühzeitig große Mengen und bestellen teilweise mehr, als sie aktuell benötigen. Die Preise haben sich durch die enorme Nachfrage im vergangenen Jahr vervielfacht. Davon profitieren die Chip-Produzenten, während die höheren Kosten Elektronikunternehmen und Hyperscaler wie Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft oder Oracle belasten.

Auch die Kosten der Rechenzentren steigen rasant. Binnen sechs Jahren sollen nach den aktuellen Planungen 930 Mrd. US-Dollar investiert werden. Seit 2023 haben sich die Investitionen der Hyperscaler bereits verdreifacht. Diese Wachstumsraten mit gleicher Intensität durchzuhalten, ist unseres Erachtens eine große Herausforderung.

Bislang konnten die großen Technologieunternehmen ihre Investitionen aus den laufenden Gewinnen finanzieren. Für die anstehenden Ausgaben reicht der Cashflow jedoch nicht mehr aus. Deshalb werden sie verstärkt am Bondmarkt aktiv. Alphabet hat zudem eine Kapitalerhöhung angekündigt, Meta erwägt einen ähnlichen Schritt. Unternehmen, die zuletzt eigene Aktien zurückkauften, könnten damit plötzlich selbst zu Verkäufern werden. Zugleich ist der Ausbau von Rechenzentren kapitalintensiv und anders als das bisherige IT-Geschäft nicht beliebig skalierbar. Rohstoffpreise, Zinsen sowie Bauverzögerungen wirken sich unmittelbar auf die Bilanz aus. Der freie Cashflow der Hyperscaler ist bereits deutlich zurückgegangen.

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Hinzu kommt: Ein großer Teil der Ausbaupläne existiert bislang nur auf dem Papier. Nach einer Studie des britischen Analysehauses Panmure sind von 811 Gigawatt

geplanter zusätzlicher Rechenzentren-Kapazität lediglich 37 Gigawatt im Bau und weitere 146 Gigawatt fest vereinbart. Mehr als drei Viertel sind noch nicht finanziert. Eine Verlangsamung der KI-Sonderkonjunktur wäre inzwischen ein gesamtwirtschaftliches Risiko. Ein Rückgang der US-Tech-Investitionen um ca. fünf Prozent könnte das Wachstum der USA, Großbritanniens und der Eurozone im Folgejahr um ca. ein Prozent belasten. Auch Taiwan und Südkorea wären als wichtige Chip-Produzenten stark betroffen. Sollte die Nachfrage sinken, drohen fallende Preise und Überkapazitäten.

Emissionsfieber: Warum wir an den Mega-Börsengängen nicht teilnehmen!

Wir haben nicht am Börsengang von SpaceX teilgenommen und werden dies auch bei OpenAI oder Anthropic nicht tun. Der wichtigste Grund ist das aktuelle Bewertungsniveau und das daraus resultierende Chance-Risiko-Verhältnis. Anthropic ist knapp fünf Jahre alt, aber bereits so wertvoll wie Alphabet nach 15 oder Amazon nach 22 Jahren. Google wurde bei seinem Börsengang 2004 mit 23 Mrd. US-Dollar bewertet und ist heute rund 4.000 Mrd. US-Dollar wert. Der Großteil dieser Wertsteigerung kam den Aktionären zugute. Vergleichbare Kursgewinne würden bei OpenAI oder Anthropic irgendwann eine Bewertung von mehr als 100 Billionen US-Dollar voraussetzen. Das erscheint kaum vorstellbar.

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Inflation: Bei steigenden Preisen bleiben die Zentralbanken vorsichtig

Die Inflationsentwicklung sehen wir momentan als eines der größten Risiken für die Kapitalmärkte. Die Folgen des Nahostkonflikts dürften sich in den kommenden Monaten in den Daten niederschlagen. Selbst bei einem tragfähigen Friedensvertrag und einer freien Straße von Hormus werden sich die Lieferketten nur langsam normalisieren. Die Energiepreise dürften bis zum Jahresende nur schrittweise sinken. In den USA erwarten wir über den Sommer Inflationsraten von deutlich über vier Prozent.

Entscheidend sind die Zweitrundeneffekte: Wie stark schlagen die hohen Rohstoff- und Energiepreise zeitverzögert auf Waren, Nahrungsmittel und Dienstleistungen durch? Ein länger anhaltender Preisanstieg könnte die Notenbanken zum Handeln zwingen. Die US-Wirtschaft ist weiterhin stark, und auch die KI-Investitionen erhöhen den Preisdruck. Eine Entwicklung wie in den 1970er-Jahren erwarten wir zwar nicht. Eine zu lockere Geld- und Fiskalpolitik könnte jedoch spekulative Investments und Übertreibungen befeuern.

Der neue US-Notenbankvorsitzende Kevin Warsh kündigte entgegen den Hoffnungen von Präsident Donald Trump keine Zinssenkungen an. Auch wir sehen dafür kaum Spielraum. Eine Zinserhöhung halten wir wegen der unsicheren Lage im Nahostkonflikt allerdings ebenfalls für unwahrscheinlich. Die EZB hat ihre Leitzinsen bereits angehoben und dürfte weitere Schritte erwägen. Wegen des schwachen Wachstums würden wir davon abraten und erwarten maximal einen weiteren Zinsschritt in diesem Jahr.

Marktausblick: Risiken im Blick behalten

An den Aktienmärkten sehen wir weiter Anzeichen von Übertreibungen. So haben Unternehmen mit negativen Gewinnen im Russell 2000 in den vergangenen 15 Monaten deutlich besser abgeschnitten als profitable Indexkollegen. Gleichzeitig war die Gewinnentwicklung beachtlich. Die Unternehmen des S&P 500 steigerten ihre Gewinne binnen Jahresfrist um 27 Prozent. Rund 40 Prozent davon beruhen allerdings allein auf der Höherbewertung von Anthropic, an dem Amazon, Microsoft und weitere Investoren

beteiligt sind. Das Unternehmen wurde im vergangenen Jahr noch mit 60 Mrd. USD bewertet, zuletzt mit 380 Mrd. US-Dollar. Der geplante Börsengang zu einer Bewertung von 900 Mrd. USD dürfte sich in den nächsten Quartalen nochmals positiv auswirken, ist aber kaum dauerhaft wiederholbar.

Doch auch ohne die Anthropic-Komponente wuchsen die Gewinne um imposante 16%. Zusammen mit den rückläufigen geopolitischen Risiken spricht das weiterhin für Aktien. Die Latte für weitere positive Überraschungen liegt jedoch spürbar höher. Wir haben deshalb Gewinne realisiert, die Aktienquoten moderat reduziert und taktische Positionen geschlossen. Stattdessen rücken europäische Titel in den Fokus, die durch den Nahostkonflikt stärkere Einbußen erlitten haben. Interessante Einstiegsmöglichkeiten sehen wir etwa bei strukturellen Trends wie Verteidigung und Infrastruktur.

Bei Anleihen bleiben wir vorsichtig. Die Erholung der Staatsanleihen beruhte auf der Hoffnung auf sinkende Ölpreise und dürfte nicht von Dauer sein. Eine Erholung der Weltwirtschaft würde die Rohstoffnachfrage erhöhen, den Inflationsdruck hoch halten und den Spielraum für Zinssenkungen begrenzen. Bei europäischen Unternehmensanleihen investieren wir daher nur in kurze Laufzeiten und Emittenten bester Bonität. Aufwärtsdruck auf die Renditen besteht über die gesamte Zinskurve: wegen der Inflation, der Finanzierung von KI-Projekten und der hohen Staatsverschuldung.

Gold als Portfoliobeimischung bleiben wir trotz der jüngsten Kursverluste treu. Der Preis liegt weiterhin deutlich über dem Vorjahresniveau, starke Zinserhöhungen erwarten wir nicht. Zudem sind die aktuellen Preise für Zentralbanken wieder attraktiv. Bei einem dauerhaften Frieden in Nahost dürften die dortigen Zentralbanken ihre Bestände wieder aufstocken.

Von Lars Murek, Chief Investment Officer, Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH in Köln

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