Abivax-Aktie stürzt nach Höhenflug heftig ab: Krebs-Signale belasten Investmentstory
Der Wirkstoff Obefazimod des Biotech-Unternehmens Abivax hat in klinischen Studien neue Sicherheitsfragen aufgeworfen - insbesondere im Zusammenhang mit möglichen Krebsfällen.
Werte in diesem Artikel
• Starke Wirksamkeit, aber unklare Krebs-Signale in Studie zu Abivax-Mittel Obefazimod
• Jefferies senkt Kursziel und warnt vor Bewertungsrisiken
• Abivax-Aktie bricht Höhenflug ab
Die Aktie des französischen Biotech-Unternehmens Abivax gehörte in den letzten zwölf Monaten zu den Überfliegern ihrer Branche: Während der Anteilsschein an der Heimatbörse in Paris innerhalb eines Jahres um rund 1.100 Prozent zulegte, ging es für den Abivax ADR an der US-Börse NASDAQ im gleichen Zeitraum sogar um rund 1.576 Prozent nach oben.
Am heutigen Dienstag dreht sich jedoch der Wind und die Aktie erlebt einen katastrophalen Handelstag: An der EURONEXT in Paris sackte die Abivax-Aktie letztlich um heftige 43,56 Prozent auf 63,10 Euro ab. Der an der NASDAQ gelistete ADR fällt derweil im Dienstagshandel zeitweise um 44,66 Prozent auf 71,77 US-Dollar.
Auslöser für den Kursrutsch ist der Wirkstoff Obefazimod des Unternehmens, ein Kandidat zur Behandlung der Colitis ulcerosa, der in klinischen Studien einerseits mit außergewöhnlich starken Wirksamkeitsdaten überzeugte, andererseits jedoch auch Krebs-Sorgen geschürt hat, die an der Börse offenbar die Oberhand gewonnen haben.
Abivax zwischen medizinischem Durchbruch und Sorgen um Krebs-Fälle
In der entscheidenden Phase-3-Studie zur Erhaltungstherapie zeigte Obefazimod laut Unternehmensangaben eine hohe Wirksamkeit. So erreichten laut Pressemitteilung sowohl unter einer Dosis von 50 Milligramm als auch unter 25 Milligramm rund die Hälfte der behandelten Patienten eine klinische Remission, während die Placebogruppe deutlich darunter lag. Für ein Feld, in dem viele Therapien nur moderate Verbesserungen erzielen, gelten solche Werte als außergewöhnlich stark.
Doch parallel zu diesen positiven Ergebnissen entstand eine neue Debatte: In der höher dosierten Behandlungsgruppe wurden mehrere Fälle von Krebserkrankungen dokumentiert. Dazu zählten unterschiedliche Tumorarten, darunter Prostata-, Brust- und Darmkrebs sowie Hautkrebsformen. Wichtig ist dabei, dass die Fälle von Prostata-, Brust- und Darmkrebs ausschließlich in der Gruppe auftraten, die täglich 50 Milligramm Obefazimod erhielt und nicht in der Placebogruppe oder bei der niedrigeren Dosierung. Die Anzahl der dokumentierten Hautkrebsfälle war unter der 50mg-Dosierung außerdem deutlich höher als in den anderen beiden Gruppen.
Kausalität unklar, Signalwirkung hoch - Analyst stuft ab
Nach Einschätzung der Studienverantwortlichen handelt es sich allerdings nicht zwingend um einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Medikament und den Erkrankungen. Vielmehr wurde darauf hingewiesen, dass die betroffenen Patienten teils bereits ein höheres Alter oder relevante Vorerkrankungen aufwiesen, was das Hintergrundrisiko für Krebserkrankungen grundsätzlich erhöhe. Diese Einordnung ist in der klinischen Forschung nicht ungewöhnlich, reicht jedoch offenbar nicht aus, um Marktteilnehmer zu beruhigen.
Auch Analysten reagieren negativ. So nahm etwa die US-Investmentbank Jefferies eine Neubewertung vor und senkte die Empfehlung für den Abivax ADR von "Buy" auf "Hold". Gleichzeitig wurde das Kursziel von 160 auf 90 US-Dollar zusammengestrichen. Als zentrale Begründung führte Jefferies laut "Investing.com" die Komplexität des sogenannten "Cancer Signals" aus den klinischen Studien mit Obefazimod an, das die Investment-Story aus Sicht der Analysten erheblich erschwert.
Die Investmentbank argumentiert, dass diese Ereignisse unabhängig von ihrer späteren kausalen Einordnung einen anhaltenden Bewertungsabschlag nach sich ziehen dürften. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass kein ursächlicher Zusammenhang zum Medikament besteht oder die Inzidenz sehr niedrig ist, bleibe laut den Experten ein struktureller "Überhang" für die Aktie bestehen, der Investoreninteresse, kommerzielle Perspektiven und strategische Optionen belasten könnte.
Besonders kritisch sieht Jefferies zudem, dass zentrale Fragen kurzfristig kaum geklärt werden dürften. Dazu zählen die Ursachen der beobachteten Krebsfälle, ihre regulatorische Bewertung sowie mögliche Konsequenzen für die spätere Zulassung - etwa in Form einer zusätzlichen Prüfung durch ein Advisory Committee oder sogar Warnhinweisen. Auch ein konkreter neuer Kurstreiber sei in den kommenden zwölf Monaten nicht in Sicht, was die Entscheidung für eine konservativere Einstufung zusätzlich stütze.
Abivax in klassischem Biotech-Dilemma - Mögliche Perspektive für Anleger
Der Fall Abivax illustriert damit ein strukturelles Spannungsfeld der gesamten Branche. In frühen und mittleren klinischen Phasen werden Medikamente primär über ihre Wirksamkeit bewertet. In der späten Entwicklung verschiebt sich dieser Fokus jedoch zunehmend hin zur Sicherheit. Selbst seltene oder nicht eindeutig kausal zuordenbare Ereignisse können dann erhebliche Auswirkungen auf die Bewertung haben.
Für Abivax bedeutet dies, dass der weitere Entwicklungs- und Zulassungsprozess von Obefazimod nicht nur von der Stärke der klinischen Wirksamkeit abhängen wird, sondern vor allem davon, wie überzeugend das Unternehmen die aufgetretenen Sicherheitsfragen regulatorisch adressieren kann. Ob sich die Krebsfälle als zufällige Hintergrundereignisse oder als medikamentenassoziiertes Signal erweisen, dürfte dabei eine zentrale Rolle spielen.
Für Anleger ergibt sich daraus ein klassisches Biotech-Profil mit asymmetrischem Risiko: Das Upside bleibt im Erfolgsfall erheblich, etwa bei klarer regulatorischer Entwarnung und späterer Marktzulassung. Dem steht jedoch ein nicht zu unterschätzendes Downside-Risiko gegenüber, falls die Sicherheitsfragen regulatorisch stärker gewichtet werden oder zusätzliche Studienauflagen bzw. Warnhinweise folgen.
Abivax ist daher derzeit weniger eine klassische "Buy-and-Hold"-Aktie, sondern vielmehr ein hochvolatiles Ereignis-Investment, das stark von kommenden regulatorischen und sicherheitsbezogenen Klarstellungen abhängt. Eine Positionierung ist daher - wenn überhaupt - eher im Rahmen einer risikobewussten Beimischung sinnvoll, bei der sowohl die Chance auf einen klinischen Durchbruch als auch das Risiko eines nachhaltigen Bewertungsabschlags gleichermaßen berücksichtigt werden müssen.
Carolin Ludwig, Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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Der Hebel muss zwischen 2 und 20 liegen
Bildquellen: one studio 900 / Shutterstock.com, 3000ad / Shutterstock.com
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