Amundi FTSE All World GDP-Weighted ETF: Ein neuartiger Ansatz für die globale Diversifizierung
Als erster BIP-gewichteter Welt-ETF überhaupt verzichtet dieser neue Amundi-Fonds auf die klassische Marktkapitalisierungsgewichtung und richtet sich stattdessen nach der Wirtschaftsleistung der Länder.
Werte in diesem Artikel
Das Wichtigste in Kürze:
- Amundi hat mit diesem Fonds den ersten nach Bruttoinlandsprodukt statt nach Marktkapitalisierung gewichteten All-World-ETF aufgelegt.
- Durch die BIP-Gewichtung sinkt der USA-Anteil auf 31 Prozent, während China auf über 16 Prozent steigt, mit der Folge, dass Tencent hier stärker gewichtet ist als Microsoft.
- Finanzdienstleistungen statt Technologie führt darüber hinaus die Branchenverteilung an.
Was BIP-Gewichtung bedeutet, und warum Amundi diesen Ansatz gewählt hat
Amundi hat mit diesem Fonds gemeinsam mit einem Anleihen-Pendant die weltweit ersten UCITS-ETFs aufgelegt, die nach dem Bruttoinlandsprodukt der einzelnen Länder gewichtet werden, statt wie praktisch alle anderen ETFs nach der Marktkapitalisierung der enthaltenen Unternehmen. In einem klassischen, marktkapitalisierungsgewichteten All-World-ETF bestimmt allein der Börsenwert der Unternehmen eines Landes dessen Anteil am Fonds. Das führt dazu, dass Länder mit besonders hoch bewerteten, oft technologiegetriebenen Aktienmärkten wie die USA einen weit größeren Anteil erhalten, als es ihrem tatsächlichen Beitrag zur Weltwirtschaft entspricht, während Schwellenländer und Europa trotz ihres Beitrags zum globalen Wachstum in solchen Indizes strukturell unterrepräsentiert bleiben. Die BIP-Gewichtung richtet den Länderanteil des All-World-ETFs stattdessen an der tatsächlichen Wirtschaftsleistung jedes Landes aus und soll damit den wirtschaftlichen Einfluss jeder Region genauer widerspiegeln.
Benoit Sorel, Leiter des Geschäftsfelds ETF & Indexing bei Amundi, begründete den Schritt damit, dass das aktuelle Marktumfeld widerstandsfähigere und diversifiziertere Portfolios nahelegt, und dass Anleger mit diesem Ansatz langfristig von globalem Wachstum profitieren können, indem sie die wirtschaftliche Bedeutung jeder Region stärker berücksichtigen. Der Fonds bildet den FTSE All-World GDP-Adjusted Net Tax Index nach, der mit 4.243 Positionen ein sehr breites Anlageuniversum abdeckt. Er repliziert seinen Index physisch und vollständig, reinvestiert seine Erträge und wurde erst am 19. Mai 2026 aufgelegt, mit einem aktuellen Fondsvolumen von 28 Mio. US-Dollar noch ein sehr junges, kleines und entsprechend wenig etabliertes Produkt. Bei den Kosten liegt der Fonds bei 0,30 Prozent pro Jahr für Verwaltung und sonstige Betriebskosten.
Tencent vor Microsoft: Wie sich die BIP-Gewichtung ganz konkret auswirkt
Wie stark sich dieser Ansatz auf die Zusammensetzung auswirkt, zeigt ein direkter Vergleich. Bei einem klassischen All-World-ETF stehen aktuell NVIDIA, Apple und Microsoft an der Spitze und machen zusammen etwa 12 Prozent des Fonds aus. Hier dagegen liegt mit Tencent Holdings ein chinesisches Unternehmen mit 1,98 Prozent Gewicht vor Microsoft mit 1,75 Prozent. Da China einen deutlich größeren Anteil an der Weltwirtschaftsleistung hat, als es sein Anteil an der weltweiten Marktkapitalisierung vermuten lässt, verschiebt die BIP-Gewichtung einen spürbar größeren Teil des Fondsvermögens nach China, während innerhalb dieses größeren China-Anteils weiterhin die größten chinesischen Unternehmen wie Tencent und Alibaba den Ton angeben. Bei den USA verhält es sich umgekehrt. Da der US-Anteil an der Weltwirtschaftsleistung kleiner ist als sein Anteil an der weltweiten Marktkapitalisierung, schrumpft der gesamte USA-Anteil des Fonds, wodurch auch einzelne US-Unternehmen wie Microsoft trotz ihrer eigentlich höheren Marktkapitalisierung ein kleineres Gewicht erhalten als in einem klassischen All-World-ETF. Insgesamt sinkt der USA-Anteil dadurch von fast 60 Prozent auf 31,2 Prozent, während der China-Anteil von unter 3 Prozent auf 16,3 Prozent steigt.
Finanzwerte statt Technologie: Eine ungewöhnliche Branchenverteilung
Als direkte Folge dieser Länderverschiebung führt bei den Branchen mit 23,6 Prozent nicht wie sonst die Technologiebranche, sondern die Finanzdienstleistungen, knapp vor Informationstechnologie mit 19,6 Prozent. Dahinter folgen Industrie mit 11,4 Prozent, zyklische Konsumgüter mit 9,8 Prozent und Kommunikationsdienstleistungen mit 7,8 Prozent. Diese ausgewogenere Branchenverteilung ist eine unmittelbare Folge der stärkeren Gewichtung von Ländern wie China, deren größte Indexschwergewichte neben Technologiekonzernen auch bedeutende Banken wie die China Construction Bank umfassen, sowie der insgesamt geringeren Dominanz der US-amerikanischen Technologiebranche im Gesamtfonds.
Ein neues Diversifizierungsdenken für ein verändertes globales Umfeld
Amundi begründet diesen Ansatz auch mit grundlegenden Veränderungen des globalen wirtschaftlichen Umfelds. Ereignisse wie der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, neue Zölle und zuletzt Energiekrisen hätten ein neues geoökonomisches Regime ausgelöst, in dem breitere, strukturellere Kräfte die Märkte prägen als zuvor. Energiesicherheit, Verteidigung und Industriepolitik rückten zunehmend ins Zentrum nationaler Strategien, wodurch globale Effizienz an Bedeutung verliere, während heimische Widerstandsfähigkeit und regionale Dynamiken wichtiger würden. Auch steigende Staatsschulden dürften nach dieser Einschätzung insbesondere die Anleihemärkte in den kommenden Jahren stärker beeinflussen. Vor diesem Hintergrund plädiert Amundi dafür, dass Anleger ihre regionale Gewichtung überdenken sollten, US-Vermögenswerte blieben zwar zentral für das globale Finanzsystem, ihr Anteil in Portfolios sollte aber neu bewertet werden, was nicht nur US-Aktien betreffe, sondern auch US-Staatsanleihen und den US-Dollar als Stabilitätsanker. Diversifizierung müsse deshalb über die reine Marktkapitalisierung hinausgehen und auch Währung, Region, Branche sowie Lieferketten- und Energieabhängigkeiten berücksichtigen, wodurch einer stärkeren Rolle Europas und Asiens sowie alternativen, stärker auf die Realwirtschaft ausgerichteten Diversifizierungsansätzen zunehmende Bedeutung zukomme.
Die wichtigsten Risiken im Überblick
Wie bei jedem Aktien-ETF ist das eingesetzte Kapital vollständig den Marktrisiken des zugrunde liegenden Index ausgesetzt, ein Totalverlust ist nicht ausgeschlossen. Durch den erhöhten Anteil an Schwellenländern wie China trägt dieser Fonds ein größeres Verlustrisiko als ein reiner Industrieländer-Index, ergänzt um das allgemeine Währungsrisiko, da der Fonds auf US-Dollar lautet, während viele enthaltene Werte in anderen Währungen notieren. Hinzu kommen ein gewisses Liquiditätsrisiko am Sekundärmarkt, eine grundsätzliche Volatilität, die zu schnellen und teils erheblichen Wertschwankungen führen kann, sowie ein Konzentrationsrisiko, sollte sich das Fondsvermögen stark auf einzelne Länder oder Branchen konzentrieren. Da der Fonds physisch statt synthetisch repliziert wird, entfällt für Anleger dagegen das bei Swap-ETFs übliche Gegenparteirisiko.
Was das mittlere Renditeszenario für Anleger bedeutet
Da noch keine eigene, mehrjährige Renditehistorie vorliegt, lohnt sich ein Blick auf die im Basisinformationsblatt vorgeschriebene Renditeprognose für die empfohlene Haltedauer von 5 Jahren. Bei einer angenommenen Anlage von 10.000 US-Dollar käme das mittlere Szenario nach Abzug der Kosten auf einen Endwert von 15.170 US-Dollar, was einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 8,69 Prozent entspricht. Dieses Szenario ist eine nach einheitlicher, regulatorisch vorgeschriebener Methodik auf Basis vergangener Marktdaten berechnete Modellrechnung, die einen mittleren, weder besonders positiven noch besonders negativen Verlauf unter mehreren berechneten Szenarien darstellt. Wie stark die tatsächliche Entwicklung davon abweichen kann, zeigen die übrigen Szenarien: Im pessimistischen Szenario läge der Endwert nach 5 Jahren nur noch bei 10.950 US-Dollar, im Stressszenario sogar nur bei 4.320 US-Dollar, während das optimistische Szenario auf 19.740 US-Dollar käme.
Für welche Anlagestrategie sich dieser BIP-gewichtete ETF eignet
Der Fonds eignet sich als sinnvolle Ergänzung für Anleger, die ihr klassisches Welt-Investment, egal ob MSCI World oder All-World, um einen weiteren Basisbaustein diversifizieren möchten, der die sonst übliche Abhängigkeit von den USA und der Technologiebranche gezielt reduziert. Wer bereits stark in klassische, marktkapitalisierungsgewichtete Welt-ETFs investiert ist, kann mit diesem Fonds gezielt mehr Gewicht auf Schwellenländer und Europa legen, ohne dafür einen eigenständigen Schwellenländer-ETF hinzukaufen zu müssen. Anleger sollten sich dabei aber bewusst sein, dass der deutlich höhere China-Anteil zusätzliche länderspezifische Risiken mit sich bringt, etwa regulatorische Eingriffe, geopolitische Spannungen und eine geringere Transparenz im Vergleich zu westlichen Industrieländern. Da es sich um ein noch sehr junges und kleines Produkt ohne lange Historie handelt, ist zudem ein längerer Anlagehorizont sowie die Bereitschaft sinnvoll, die weitere Entwicklung von Fondsgröße und Handelsliquidität im Blick zu behalten.
Daniel Dünn, Redaktion TraderFox (finanzen.net)
Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Aktien-ETFs unterliegen Kursschwankungen, zwischenzeitliche Verluste sind möglich. Die Konzentration auf einzelne Schwellenländer wie China kann das Risiko im Vergleich zu klassischen Industrieländer-ETFs erhöhen.
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