Experte rechnet mit 10-Prozent-Rally im S&P 500? Warum der Ölpreis über die Richtung entscheidet
Ein Stratege setzt für eine Jahresendrally auf fallende Zinsen und nachgebende Ölpreise. Doch ausgerechnet am Rohstoffmarkt geht die Rechnung bislang nicht auf.
Werte in diesem Artikel
- Stratege David Spika traut dem S&P 500 bis Jahresende bis zu zehn Prozent Plus zu
- Der Schlüssel liegt für ihn bei sinkenden Ölpreisen und fallenden Renditen
- Hohe Anleiherenditen und Risiken im Nahen Osten stellen die These auf die Probe
Billigeres Öl könnte dem US-Aktienmarkt zum Jahresende noch kräftigen Rückenwind geben: David Spika, Chief Market Strategist bei Turtle Creek Wealth Advisors, hält für den S&P 500 bis Dezember fünf bis zehn Prozent Plus für möglich, sofern der Ölpreis weiter fällt. Anfang Oktober gab es dafür erste Signale, als steigende Rohölexporte aus dem Nahen Osten und die Freigabe von Reserven durch die G7-Staaten den Preis drückten.
Seine Rechnung legte Spika Ende September im Gespräch mit Fox Business dar. "Ich denke, Aktien haben bis Jahresende noch fünf oder zehn Prozent Aufwärtspotenzial", sagte er dort. Neben dem Ölpreis müssen dafür allerdings auch die Zinsen nachgeben.
Warum der Ölpreis über die Anleiherenditen entscheidet
Spikas Argumentation führt über den Anleihemarkt. Fällt der Ölpreis weiter, sollte der Inflationsdruck nachlassen und mit ihm die langfristigen Kreditkosten. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen könnte dann nach seiner Einschätzung auf 4,75 bis 4,78 Prozent sinken. Für Aktien mit hoher Bewertung wäre ein solcher Rückgang eine spürbare Entlastung, weil ihre weit in der Zukunft liegenden Gewinne bei niedrigeren Zinsen mehr wert sind.
Wie eng Öl und Zinsen zusammenhängen, zeigte der September. Am 15. September stieg die Zehnjahresrendite laut CNBC auf den höchsten Stand seit Juli 2007 und zeitweise über fünf Prozent, befeuert auch von den Ölpreisen im Zuge des Kriegs mit dem Iran. Einen Tag später hob die US-Notenbank Fed ihren Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent an. Es war die erste Erhöhung seit 2023, und die Projektionen der Notenbanker sehen bis Jahresende einen weiteren Schritt vor.
Microsoft und Berkshire Hathaway als Favoriten
Bei der Titelauswahl nennt Spika zwei Schwergewichte: Microsoft und Berkshire Hathaway. Microsoft steigerte den Umsatz mit Azure und weiteren Clouddiensten im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 (bis Ende Juni) um 43 Prozent zum Vorjahr. Im Gesamtjahr lag das Plus bei 41 Prozent, das Wachstum hat sich zum Ende des Geschäftsjahres also beschleunigt. Berkshire Hathaway hielt Ende Juni im Versicherungsgeschäft und den übrigen Sparten knapp 360 Milliarden US-Dollar an Barmitteln und kurzfristigen US-Staatsanleihen, nach 373,5 Milliarden US-Dollar Ende März.
Die Kombination wirkt wie eine Absicherung nach zwei Seiten. Microsoft zählt zu den Wachstumswerten, deren Bewertung besonders empfindlich auf das Zinsniveau reagiert und die von fallenden Renditen am stärksten profitieren würden. Berkshire dagegen verdient an hohen Zinsen über seine Geldmarktbestände mit und hätte bei einem Rückschlag am Markt reichlich Mittel für Zukäufe. Bleibt die Rally aus, ist der Konzern damit deutlich weniger verwundbar als ein reiner Wachstumstitel.
Wo die Rechnung des Strategen wackelt
Seit dem Interview hat der Anleihemarkt Spika zunächst nicht recht gegeben. Am 29. September kletterte die Zehnjahresrendite im Handelsverlauf erneut auf den höchsten Stand seit 2007. Erst der überraschend schwache US-Arbeitsmarktbericht vom 2. Oktober dämpfte die Erwartung einer weiteren Zinserhöhung im Oktober. Dazu kommt, dass Öl nur ein Treiber unter mehreren ist. CNBC nennt für den Renditeanstieg im September auch die hartnäckige Inflation und ein hohes Emissionsvolumen am Anleihemarkt. Ein von dem Sender befragter Marktexperte erwartet, dass gerade die Investitionspläne der großen Cloudkonzerne die Neuemissionen bis ins kommende Jahr hoch halten. Der Ausbau künstlicher Intelligenz, der Microsoft das Wachstum bei Azure beschert, wirkt am Anleihemarkt damit eher gegen Spikas Zinsthese.
Auch die Entspannung beim Öl steht auf wackligen Füßen. Die Huthis im Jemen reklamierten Anfang Oktober Angriffe auf saudische Ölanlagen in Riad und Khurais für sich, während die OPEC+ ihr Förderziel für November unverändert ließ. Wie riskant schnelle Renditesprünge sind, hat John Roque von 22V Research untersucht: Er fand laut CNBC seit 1970 16 Phasen eines rasanten Anstiegs der Zehnjahresrendite, und jede mündete in eine Form finanzieller Verwerfung. Spika selbst warnte zudem, dass sich das Gewinnwachstum der Unternehmen im kommenden Jahr abschwächen dürfte.
Was in den kommenden Wochen zählt
Am Mittwoch veröffentlicht die Fed das Protokoll ihrer Septembersitzung, am 27. und 28. Oktober tagt sie erneut. Bis dahin muss sich zeigen, ob der Ölpreis seinen Rückgang halten kann und die Zehnjahresrendite wieder unter fünf Prozent fällt. Erst dann hätte die Rechnung des Strategen ihr Fundament.
Evelyn Schmal, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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