Aktien von NVIDIA und Palantir im Blick: Sovereign AI wird zur nächsten KI-Wette der Wall Street - das steckt dahinter
Ein Podcast-Auftritt von Analyst Dan Ives hat eine Debatte losgetreten, in deren Zentrum ausgerechnet zwei bekannte Namen aus dem KI-Sektor stehen.
Werte in diesem Artikel
- Sovereign AI meint Kontrolle über eigene Daten, Modelle und Rechenzentren
- Erster Profiteur meldet 149 Prozent Wachstum im US-Firmenkundengeschäft
- Ob hinter dem Konzept Substanz oder Marketing steckt, ist noch offen
An der Wall Street formiert sich mit dem Sovereign AI-Trend die nächste große KI-Wette, und zwei Namen gelten bereits als erste Profiteure: NVIDIA und Palantir. Wie BeInCrypto berichtet, nannte Technologieanalyst Dan Ives die beiden Konzerne im Podcast "Compound and Friends" als erste Gewinner des Trends. Für Investoren verschiebt sich damit der Blickwinkel. Es geht nicht mehr darum, auf den Erfolg eines einzelnen Chatbots zu setzen. Entscheidend ist, wer die Daten und die Infrastruktur unter den Modellen kontrolliert. Die Aufmerksamkeit wandert also von der Anwendung zur Basis, und genau dort haben sich beide Unternehmen bereits in Stellung gebracht.
Was hinter dem Schlagwort Sovereign AI steckt
Gemeint ist, dass ein Staat oder ein Unternehmen seine Daten und KI-Modelle selbst verwaltet, statt sie auf einer fremden Plattform laufen zu lassen. Nach Darstellung von BeInCrypto wirbt NVIDIA-Chef Jensen Huang seit Jahren für die nationale Variante dieses Gedankens. Regierungen etwa in Indien, Japan, Frankreich und Kanada rät er, ihre Daten im eigenen Land zu halten und die nötige Infrastruktur selbst aufzubauen, statt sie ausländischen Anbietern zu überlassen. Die dadurch ausgelösten Investitionen beschreibt Huang als größten Infrastrukturausbau der Menschheitsgeschichte. Laut BeInCrypto beziffert der NVIDIA-CEO sie auf 85 Billionen US-Dollar in 15 Jahren. Für einen Chipkonzern ist die Erzählung naturgemäß attraktiv, denn jedes souveräne Rechenzentrum braucht Beschleuniger.
Wie NVIDIA und Palantir das Konzept in Produkte übersetzen
Palantir überträgt denselben Gedanken auf Unternehmen, und zwar in enger Abstimmung mit dem Chipkonzern. Bereits im März stellten beide eine Referenzarchitektur für ein Betriebssystem für Sovereign AI vor. Sie läuft auf NVIDIAs Grafikprozessoren der Generation Blackwell Ultra und bindet Palantirs Software von AIP bis Foundry ein. Wie aus einer Mitteilung im NVIDIA Newsroom vom 10. September hervorgeht, folgte dann der nächste Schritt. Die Plattform kombiniert Palantirs Software mit angepassten offenen Modellen aus der Modellreihe Nemotron und lässt sich im eigenen Rechenzentrum, auf angemieteten Rechenzentrumsflächen oder in der Cloud betreiben. Der erste Einsatzort ist NVIDIAs eigene Lieferkette. Das Versprechen an die Kunden lautet, die Kontrolle über Daten und Modelle vollständig im eigenen Haus zu behalten.
Palantir-Aktie: Wie viel Souveränität in den Zahlen steckt
Wie stark das Thema bereits zieht, zeigen Palantirs Zahlen zum zweiten Quartal 2026, die der Konzern am Anfang August vorlegte. Das US-Geschäft mit Unternehmenskunden sprang im Jahresvergleich um 149 Prozent auf 764 Millionen US-Dollar. Der Gesamtumsatz legte um 93 Prozent auf gut 1,9 Milliarden US-Dollar zu. Konzernchef Alex Karp stellte die Entwicklung in der Quartalsmitteilung ausdrücklich in den Zusammenhang mit Souveränität. Die Nachfrage nach KI-Souveränität sei nun entfesselt, erklärte er. Der Wettbewerbsvorteil von Unternehmen dürfe nie zu Trainingsdaten für künftige Modelle werden.
Ganz so eindimensional ist die Rechnung allerdings nicht. Auch das US-Regierungsgeschäft wuchs um 90 Prozent auf 809 Millionen US-Dollar, also fast im gleichen Tempo wie der Konzern insgesamt, und es bleibt etwas größer als das Firmenkundengeschäft. Der Zusammenhang zwischen dem Rekordwachstum und der Nachfrage nach Souveränität ist damit vorerst die Lesart des Managements. Ob sie trägt, muss sich erst in den kommenden Quartalen zeigen.
Tom Lee warnt vor fremder Kontrolle über KI
Die geopolitische Seite des Themas brachte im selben Podcast Tom Lee ein, Mitgründer des Researchhauses Fundstrat. Er warnte davor, sich auf Modelle zu verlassen, die Dritte entwickelt und trainiert haben. Wenn China diese Modelle kontrolliere, könnten sich wiederholende Prozesse Nutzer manipulieren oder zu falschen Schlüssen führen, das sei eine Art Gedankenkontrolle, so gibt BeInCrypto den Strategen wieder. Zugleich sieht Lee bei institutionellen Investoren noch Spielraum, stärker auf KI zu setzen. Die größten Gewinne lägen bislang bei einer kleinen Gruppe früher Unterstützer. Damit verbindet sich die Sicherheitsfrage mit einem Argument für weiteres Kapital in dem Sektor.
Sovereign AI: Das bedeutet die neue KI-Wette der Wall Street für Anleger
Für Anleger ist Sovereign AI weniger ein neues Investmentthema als eine Verlängerung der bestehenden KI-Story mit anderem Schwerpunkt. Statt auf einzelne Anwendungen zu setzen, rückt die Infrastruktur in den Vordergrund, also Chips, Rechenzentren und die Software, mit der Staaten und Unternehmen ihre Daten selbst verwalten. Davon dürften vor allem Anbieter profitieren, die bereits tief in diesen Strukturen verankert sind. NVIDIA liefert die Hardware, Palantir die Betriebsebene, und die gemeinsame Plattform zeigt, dass beide das Feld gezielt besetzen wollen.
Gleichzeitig mahnt die Faktenlage zur Vorsicht. Huangs Billionenprognose stammt von einem Konzernchef, der selbst am stärksten von der Erzählung profitiert. Bei Palantir ist der Zusammenhang zwischen Rekordwachstum und Souveränitätsnachfrage bislang vor allem die Deutung des Managements, zumal das Regierungsgeschäft fast ebenso stark zulegt. Hinzu kommt, dass beide Aktien viel Wachstumsfantasie bereits eingepreist haben dürften. Rückschläge bei den Quartalszahlen oder eine Abkühlung der KI-Investitionen könnten daher deutliche Kursreaktionen auslösen.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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