Deutsche Autoaktien in der Krise: Wie VW und Mercedes-Benz sich aus der Misere kämpfen wollen
Sowohl VW als auch Mercedes-Benz kämpfen mit einem schwierigen Marktumfeld und kräftigen Kursverlusten, doch ihre Antworten auf die Branchenkrise unterscheiden sich deutlich.
Werte in diesem Artikel
- Aktien von VW und Mercedes-Benz haben seit Jahresanfang kräftig an Wert verloren
- Beide Konzerne meldeten im ersten Halbjahr rückläufige Gewinne und Umsätze
- Für das zweite Halbjahr stellen beide Autobauer eine bessere Marge in Aussicht
Die Aktien von Volkswagen (VW) und Mercedes-Benz zählen 2026 zu den schwächsten Werten im DAX. Beide Autobauer kämpfen mit einer Absatzkrise, schrumpfenden Margen und der Frage, wie sich der zwingend notwendige Konzernumbau finanzieren lässt.
Automobilindustrie weltweit angeschlagen: Deutsche Autobauer mit größtem Absatzrückgang
Die Stimmung in der Branche ist im Sommer 2026 gedrückt. Einer aktuellen Auswertung des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach zufolge verkauften 14 von 20 großen Herstellern im ersten Halbjahr weniger Fahrzeuge als im Vorjahr. VW, Mercedes-Benz und BMW liegen mit ihren Absatzrückgängen sogar über dem Durchschnitt aller untersuchten Konzerne von minus 2,8 Prozent. CAM-Direktor Stefan Bratzel bringt es auf den Punkt: "Die globale Automobilindustrie tritt in eine neue Phase der Marktbereinigung ein." Unternehmen, die sich zu langsam auf neue Markt- und Technologietrends einstellen, laufen nach seiner Einschätzung Gefahr, aus dem Markt gedrängt zu werden.
Losgelöst betrachtet trifft der Umbruch die gesamte Branche, nicht nur die deutschen Hersteller. Auch der chinesische Rivale BYD machte Abstriche beim Absatz. CAM geht davon aus, dass sich dieser Strukturwandel in der weltweiten Autoindustrie im weiteren Jahresverlauf noch beschleunigt.
Zur Absatzschwäche kommt die Debatte um Arbeitsplätze. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet inzwischen mit einem Verlust von 225.000 Stellen bis 2035, rund 35.000 mehr als bisher angenommen. Zwischen 2019 und 2025 seien laut VDA bereits 100.000 Jobs weggefallen, vor allem bei Zulieferern auf dem Weg vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität. Sollte die EU nicht mehr Technologieoffenheit zulassen, drohten laut Verband sogar weitere 125.000 Stellen. VDA-Präsidentin Hildegard Müller bezeichnete die Lage in Deutschland als "eine gravierende und anhaltende Standortkrise", befeuert durch hohe Steuern, teure Energie und Bürokratie.
Aktien von VW und Mercedes-Benz mit schwerem Stand
Das schwierige Marktumfeld spiegelt sich auch in den Kursen wieder. So hat sich die VW-Vorzugsaktie seit Jahresanfang knapp 28 Prozent auf 74,84 Euro ermäßigt (Stand: 19. August 2026), nachdem sie Anfang Juli auf ein 52-Wochen-Tief von 69,20 Euro gefallen war. Ebenso dramatisch ist der Fall der Mercedes-Benz-Aktie: Anleger haben seit Jahresbeginn ein Minus von rund 25 Prozent in ihren Depots, zuletzt stand das Papier via XETRA bei 45,03 Euro. Auch hier wurde Ende Juni ein neuer Tiefstand bei 42,63 Euro erreicht.
Halbjahreszahlen offenbaren Gewinneinbrüche: Wie die Konzerne sich aus der Krise kämpfen wollen
Auch die Zahlen zum ersten Halbjahr 2026 lassen die dunklen Wolken über VW und Mercedes-Benz nicht verblassen. Im Gegenteil: Sie bestätigen die Skepsis der Anleger. So stagnierten die Umsatzerlöse bei Volkswagen, während das operative Ergebnis um satte 11,6 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro einbrach. Auch die operative Umsatzrendite ging zurück.
Ähnlich düster sieht auch der Halbjahresbericht von Mercedes-Benz aus: Der Umsatz sank um vier Prozent auf 63,663 Milliarden Euro, das EBIT gab ebenso nach. Zudem fiel das Konzernergebnis, der freie Cashflow des Industriegeschäfts brach gar um 30 Prozent auf 2,959 Milliarden Euro ein. Besonders schwer wiegt zudem der Einbruch in China: Der Absatz von Mercedes-Benz Cars sank dort im ersten Halbjahr um 28 Prozent auf 210.245 Fahrzeuge.
Wie die beiden Konzerne sich aus der Krise kämpfen wollen, unterscheidet sich deutlich. Volkswagen setzt auf Skaleneffekte über die konzerneigene Softwaretochter CARIAD, die im ersten Halbjahr ihre Umsatzerlöse um 250 Millionen Euro auf 815 Millionen Euro steigerte und ihr operatives Ergebnis auf minus 855 Millionen Euro verbesserte, nach minus 1,172 Milliarden Euro im Vorjahr. Mercedes-Benz hingegen treibt die vertikale Integration im Performance-Segment um AMG voran, während die neue Van-Architektur mit dem selbst entwickelten Betriebssystem MB.OS ausgestattet wird, das laut Zwischenbericht "neue Standards in Konnektivität und Software setzen" soll.
Besserung in Sicht? Beide Konzerne blicken optimistischer auf die zweite Jahreshälfte
Für das zweite Halbjahr rechnet Volkswagen mit einer Erholung der Marge, auch wenn der Konzern seine Jahresprognose beim Umsatz auf minus 3 bis 0 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesenkt hat, zuvor waren 0 bis plus 3 Prozent avisiert. Die operative Umsatzrendite soll unverändert zwischen 4,0 und 5,5 Prozent liegen, der Netto-Cashflow zwischen 3 und 6 Milliarden Euro. Vorstandschef Oliver Blume kündigte ein branchenweit beispielloses Sanierungsprogramm an, das Produkte, Technologien, Strukturen und Wachstumsfelder zugleich adressieren soll.
Mercedes-Benz hat seine Prognose ebenfalls angepasst: Der Konzernumsatz soll 2026 nun leicht unter statt auf Vorjahresniveau liegen, dafür rechnet der Vorstand mit einem höheren Anteil elektrifizierter Fahrzeuge von 23 bis 25 Prozent. Parallel läuft die im Juni gestartete Produktivitätsoffensive für Deutschland, die Prozesse beschleunigen und Strukturen verschlanken soll und mehr Arbeitsstunden ohne Lohnausgleich vorsieht. Ein bereits zugesagter Entgeltbestandteil, der sogenannte Transformationsbaustein, wird dafür ins Jahr 2027 verschoben. Zusätzlich trennt sich der Konzern von Randgeschäften wie der Athlon-Gruppe und mehreren eigenen Vertriebsniederlassungen in Deutschland, um Kapital freizusetzen.
Zwei Konzerne, ein ähnliches Kalkül
Am Ende beantworten beide Konzerne dieselbe Frage mit unterschiedlichen Antworten: Wie lässt sich Ergebnisqualität in einem strukturell schwächeren Markt zurückgewinnen? Volkswagen setzt auf Softwareskalierung und einen radikalen Komplexitätsabbau im Beteiligungsportfolio, Mercedes-Benz auf Portfoliobereinigung und ein eigenes Betriebssystem für die nächste Fahrzeuggeneration. Beide Konzerne räumen selbst ein, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um die Ergebnisqualität nachhaltig zu steigern. Wie belastbar die für das zweite Halbjahr in Aussicht gestellte Margenverbesserung tatsächlich ist, dürfte sich an den nächsten Quartalszahlen im Herbst zeigen.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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