Marvell Technology-Aktie: Hat der KI-Infrastrukturspezialist wirklich das Zeug zum Billionen-Konzern?
NVIDIA-Chef Jensen Huang sorgte Anfang Juni für Aufsehen, als er Marvell Technology als "das nächste Billionen-Dollar-Unternehmen" bezeichnete. Wie realistisch ist die kühne Aussage?
Werte in diesem Artikel
• NVIDIA-CEO sieht Marvell als nächsten Billionen-Konzern
• Marvell positioniert sich als Schlüsselanbieter im Engpass der KI-Infrastruktur
• Weg zum Billionen-Börsenwert möglich, aber anspruchsvoll
Was NVIDIA-CEO Jensen Huang Anfang Juni im Rahmen der Computex 2026 sagte, wirkt auf den ersten Blick sehr kühn: Marvell Technology sei aufgrund seiner Rolle bei der Bereitstellung von Infrastruktur für Rechenzentren auf dem Weg, das "nächste Billionen-Dollar-Unternehmen" zu werden. Denn trotz des Kurssprungs, der bei der Marvell-Aktie auf diese Prophezeiung folgte, kommt der Konzern derzeit lediglich auf eine Marktkapitalisierung von rund 244 Milliarden US-Dollar. Um die Billionen-Schwelle zu knacken, müsste sich die Aktie, die seit Jahresbeginn bereits um rund 226 Prozent gestiegen ist, somit noch einmal etwas mehr als vervierfachen (Stand: Schlusskurs vom 24. Juni 2026).
KI-Engpässe als Billionen-Chance: Marvell will vom dritten "Flaschenhals" profitieren
Marvell hat damit also noch ein ganzes Stück Weg vor sich. Gleichzeitig ist die Geschichte der vergangenen Jahre jedoch voller Beispiele dafür, wie Unternehmen, die zentrale Engpässe der KI-Revolution lösen, innerhalb kurzer Zeit enorme Wertsteigerungen erzielen konnten. NVIDIA selbst ist dafür nur ein Beispiel.
Darauf wies auch Marvell-CEO Matt Murphy hin, als er gemeinsam mit Jensen Huang auf der Bühne der Computex stand. Er identifizierte dabei drei Engpässe in der KI-Infrastruktur, deren Lösung bereits mehrere neue Billionen-Dollar-Konzerne hervorgebracht habe.
"Zunächst war es die Rechenleistung - die Branche benötigte massiv mehr davon, um KI zu ermöglichen. NVIDIA hat hierbei hervorragende Arbeit geleistet und sich zum ersten Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von fünf Billionen US-Dollar entwickelt", sagte Murphy laut "Data Centre Dynamics". Der nächste "Flaschenhals" sei dann beim Speicher aufgetreten. "Größere Modelle erforderten enorme Mengen an Speicher und Bandbreite, und die Speicherhersteller skalieren nun aggressiv, um dieser Nachfrage gerecht zu werden. Erst kürzlich sind drei neue Firmen mit einem Marktwert von jeweils einer Billion US-Dollar entstanden", fuhr der Marvell-Chef fort und verwies damit implizit auf Samsung, Micron und SK hynix, deren Marktkapitalisierung jeweils im Mai 2026 die Marke von einer Billion US-Dollar geknackt hatte.
"Nun verlagert sich der Engpass erneut: Es ist die Konnektivität, die die Grenzen der Infrastruktur neu definiert", so Murphy schließlich - und traut damit seiner Firma implizit ebenfalls den Sprung über die Billionen-Schwelle am Börsenwert zu. Denn genau an diesem Punkt setzt Marvell als - laut Murphy - "unangefochtener Marktführer im Bereich Konnektivität" an - und genau dieser Punkt ist es auch, der den NVIDIA-CEO zu seiner ambitionierten Prognose bewegte: "Wenn man ein Rechenproblem nimmt, es in viele Einzelteile zerlegt und über das gesamte Rechenzentrum verteilt, dann ist Konnektivität entscheidend. Genau deshalb ist Matt so erfolgreich. Deshalb ist Marvell so unverzichtbar", argumentierte Jensen Huang laut "TheStreet".
Vom Nischenanbieter zum Schlüsselspieler der KI-Infrastruktur
Marvell war lange Zeit vor allem als Anbieter von Netzwerk-, Speicher- und Kommunikationschips bekannt. Mit dem Aufkommen der KI hat sich die Strategie jedoch grundlegend verändert. Während NVIDIA den Markt für KI-Beschleuniger dominiert, liefert Marvell zunehmend die Infrastruktur, die diese Rechenleistung überhaupt nutzbar macht. Das Unternehmen entwickelt Hochgeschwindigkeits-Netzwerktechnik, optische Verbindungen und sogenannte Custom-Silicon-Lösungen für Hyperscaler und Cloud-Anbieter.
Dabei werden vor allem Marvells Konnektivitätslösungen immer wichtiger, weil moderne KI-Systeme nicht aus einzelnen Chips bestehen, sondern aus riesigen Rechenclustern mit zehntausenden Prozessoren. Darauf wies bei der Computex auch der NVIDIA-CEO hin: "Wir haben die Rechenleistung verteilt und dezentralisiert, sodass sie auf diesen riesigen Clustern läuft und wir die gesamte verfügbare Rechenleistung, den gesamten Speicher und die gesamte Bandbreite bündeln können - und was all das erst ermöglicht, ist die Konnektivität", wird Jensen Huang bei "TheStreet" zitiert. Somit ist nicht mehr allein die Rechenleistung entscheidend, sondern zunehmend die Fähigkeit, gewaltige Datenmengen zwischen Prozessoren, Speicherbausteinen und Rechenzentren zu bewegen.
Die Auswirkungen dieser Entwicklung zeigen sich auch deutlich in den Zahlen von Marvell Technology: "Als wir diesen Weg einschlugen, machten Rechenzentren weniger als 10 Prozent unseres Umsatzes aus - und wir setzten alles auf diese Karte. Im vergangenen Quartal waren es bereits 75 Prozent unseres Umsatzes, mit stark steigender Tendenz", sagte CEO Murphy laut "Data Centre Dynamics".
Insgesamt stieg der Umsatz von Marvell im jüngst abgeschlossenen Quartal um 28 Prozent auf einen neuen Rekordwert von rund 2,42 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn nach GAAP lag bei rund 34,5 Millionen US-Dollar, der Non-GAAP Nettogewinn betrug rund 718,0 Millionen US-Dollar. Der operative Cashflow erreichte mit rund 638,8 Millionen US-Dollar ebenfalls einen neuen Rekord.
Doch wichtiger für den Weg nach vorne und das Erreichen einer Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar ist wohl der Ausblick. Hier prognostizierte Marvell laut "MarketBeat" in der Telefonkonferenz zu den letzten Quartalszahlen, dass der Jahresumsatz im Geschäftsjahr 2028 auf 16,5 Milliarden US-Dollar steigen dürfte. Wachstumstreiber soll dabei laut Management vor allem der KI-Rechenzentrumsmarkt sein, in dem man "außergewöhnliche Auftragseingänge" und eine "starke Nachfrage nach einer breiten Palette von Marvell-Lösungen" verzeichne.
Billionenbewertung für Marvell wohl eher Marathon als Sprint
Ein Problem auf dem Weg zum Billionen-Börsenwert könnte jedoch sein, dass ein erheblicher Teil der zukünftigen Wachstumserwartungen bereits in den Kurs der Marvell-Aktie eingepreist ist. Das zeigt sich anhand der Bewertung: Das historische Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt derzeit bei etwa 99, und selbst auf Basis der von Analysten erwarteten Gewinne für die kommenden zwölf Monate beträgt das Forward-KGV immer noch rund 71 (Stand: 18. Juni 2026).
"The Motley Fool" weist darauf hin, dass Anleger angesichts dieser hohen Bewertung bereits heute für das Wachstum von morgen bezahlen. Wer die Aktie jetzt kauft, wettet somit darauf, dass Marvell in den kommenden Jahren ein erhebliches Wachstum erzielen kann. Angesichts der Tatsache, wie schnell andere Unternehmen mit KI-Bezug - und deren Anteilsscheine - zulegen konnten, erscheint das möglich, Anleger sollten sich aber laut "The Motley Fool" auf einen Zeithorizont von fünf Jahren und mehr einstellen.
Auch Analysten scheinen aktuell etwas vorsichtiger auf Marvell Technology und dessen Aktienkurs zu blicken. So hat die US-Investmentbank Goldman Sachs Marvell Technology laut "24/7 Wall St." zwar an die Spitze ihrer Liste der "zweiten Welle der KI-Gewinner" gesetzt und die überwiegende Mehrheit aus 24 von 28 bei "TipRanks" erfassten Analysten bewertet den Anteilsschein derzeit mit "Buy", das aus allen Bewertungen errechnete durchschnittliche Kursziel liegt jedoch nur bei 252,00 US-Dollar und damit klar unter dem letzten Schlusskurs der Marvell-Aktei an der NASDAQ von 289,54 US-Dollar (Stand: Schlusskurs vom 17. Juni 2026). Die für das Knacken der Billionen-Schwelle nötige Vervierfachung des Anteilsscheins scheint damit zumindest kurzfristig nicht drin zu sein.
Doch wie lange könnte es bis dahin dauern? Jensen Huang bezeichnete Marvell als "nächstes" Unternehmen, das eine Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar erreichen werde. Das deutet darauf hin, dass der NVIDIA-CEO nicht damit rechnet, dass es noch sehr viele Jahre dauern werde. Wie "The Motley Fool" schreibt, könnte Marvells Marktkapitalisierung zwar wahrscheinlich nicht innerhalb von diesem Jahr über die genannte Marke klettern, womöglich könnte dies aber in den nächsten zwei bis drei Jahren möglich werden - falls der Nachfrageschub anhalte.
Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net
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