BIP-Welt-ETF

Amundi FTSE All World GDP-Weighted: Ein Welt-ETF, bei dem nicht die Börse, sondern die Wirtschaftsleistung eines Landes über die Gewichtung entscheidet

10.07.26 08:45 Uhr

Amundi FTSE All World GDP-Weighted UCITS ETF Acc (IE000KCKFHE8) im Check: BIP-Gewichtung im Vergleich zum Vanguard FTSE All-World | finanzen.net

Die größte Einzelposition dieses neuen Welt-ETFs ist gar keine Aktie, sondern selbst wieder ein Fonds. Die Ländergewichtung folgt nicht der Börse, sondern der Wirtschaftsleistung.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die größte Position dieses Fonds ist kein Unternehmen, sondern ein anderer ETF, ein Konstrukt, das auf ein ganz bestimmtes Land zurückzuführen ist.
  • Während in klassischen Welt-ETFs die USA rund 57 bis 60 Prozent ausmachen, kommt dieser Fonds auf weniger als 30 Prozent, weil hier ein komplett anderer Gewichtungsmaßstab gilt.
  • Erst seit Mai 2026 am Markt und mit gerade einmal 16 Millionen Euro Fondsvolumen, aber mit einer Strategie, die es bei keinem anderen ETF auf den FTSE All-World gibt.

Nicht die Börse, sondern die Wirtschaftsleistung entscheidet: Wie dieser ETF gewichtet

Der Amundi FTSE All World GDP-Weighted UCITS ETF Acc bildet den FTSE All-World GDP-Adjusted Index nach und ist damit der einzige ETF, der genau diese Variante des bekannten FTSE All-World nachbildet. Das Anlageuniversum entspricht dem klassischen FTSE All-World: große und mittelgroße Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern. Der entscheidende Unterschied liegt in der Gewichtungsmethodik. Während ein gewöhnlicher Welt-Index Länder danach gewichtet, wie hoch die Marktkapitalisierung ihrer Börsen ist, richtet sich dieser Index nach dem nominalen Bruttoinlandsprodukt der jeweiligen Volkswirtschaften. Grundlage sind die Fünfjahresprognosen des Internationalen Währungsfonds, die jeden September veröffentlicht und ein halbes Jahr später, im März, für die Neugewichtung herangezogen werden. Das Gewicht eines Landes im Index entspricht damit seinem Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung, innerhalb eines Landes werden die einzelnen Aktien aber weiterhin nach Marktkapitalisierung gewichtet, größere Unternehmen zählen also nach wie vor mehr als kleinere. Einzelwerte sind zusätzlich auf maximal 5 Prozent begrenzt. In der Praxis führt das zu einer deutlich anderen Landkarte: Der USA-Anteil liegt bei diesem Fonds bei knapp 30 Prozent, während er in klassischen, marktkapitalisierungsgewichteten Welt-ETFs häufig bei 57 bis 60 Prozent oder sogar darüber liegt, weil die USA zwar rund ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung erbringen, aber einen deutlich größeren Anteil der globalen Börsenkapitalisierung stellen. China dagegen, mit rund 15 Prozent Gewichtung in diesem Fonds, ist in klassischen Welt-Indizes oft nur mit 2 bis 3 Prozent vertreten. Der Fonds repliziert seinen Index physisch und thesauriert seine Erträge. Die laufenden Kosten liegen bei 0,30 Prozent pro Jahr, spürbar über den 0,19 Prozent des bekannten Vanguard FTSE All-World UCITS ETF Acc. Mit einem Fondsvolumen von rund 16 Millionen Euro und einem Auflagedatum vom 19. Mai 2026 ist der Fonds zum Zeitpunkt dieses Artikels erst seit weniger als zwei Monaten am Markt, entsprechend gering ist seine bisherige Handelshistorie und Liquidität.

Ein ETF als größte Position: Wie das funktioniert und was es bringt

Ein Blick auf die größte Einzelposition dieses Fonds überrascht zunächst: Mit 3,61 Prozent Gewichtung steht an erster Stelle nicht etwa ein Unternehmen, sondern ein anderer ETF, und zwar der Amundi MSCI India UCITS ETF. Möglich ist das, weil UCITS-Fonds unter bestimmten Voraussetzungen auch Anteile anderer Fonds als Portfoliobestandteil halten dürfen. Der naheliegende Grund für diese Konstruktion ist der indische Aktienmarkt selbst: Ausländische Investoren benötigen für den direkten Kauf einzelner indischer Aktien in der Regel eine eigene Registrierung als sogenannter Foreign Portfolio Investor bei der indischen Wertpapieraufsicht, ein aufwendiger und regulatorisch komplexer Prozess. Statt diesen Aufwand für den gesamten indischen Aktienkorb selbst zu betreiben, greift Amundi auf einen bereits bestehenden, swap-basierten hauseigenen India-ETF zurück, der diesen Zugang bereits abbildet. Für Anleger bedeutet das einen relevanten Nebeneffekt: Die genannten 2.107 Positionen des Fonds beziehen sich auf die direkt gehaltenen Wertpapiere, der India-ETF zählt dabei selbst nur als eine einzige Position, obwohl er im Hintergrund über hundert weitere, hier nicht einzeln mitgezählte indische Einzelaktien bündelt. Die tatsächliche Streuung dieses Fonds liegt damit noch etwas höher, als die reine Positionszahl vermuten lässt. Der indische Aktienmarkt selbst gilt langfristig als eine der aussichtsreichsten großen Volkswirtschaften: Eine der weltweit am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften, eine wachsende, zunehmend konsumfreudige Mittelschicht, eine vergleichsweise junge Bevölkerung sowie die Verlagerung eines Teils der globalen Fertigung von China nach Indien sprechen für strukturelles Wachstumspotenzial. Gleichzeitig gelten indische Aktien oft als ambitioniert bewertet, und der Markt bleibt anfällig für Währungsschwankungen der Rupie sowie für eine im Vergleich zu etablierten Industrieländern höhere Volatilität.

NVIDIA und Apple: Die größten Einzelaktien im Fonds

Größte Einzelaktie ist mit 2,41 Prozent NVIDIA. Der Chiphersteller baut sein Cloud-Gaming-Angebot GeForce NOW weiter aus und hat zuletzt einen neuen Serverstandort in Toronto in Betrieb genommen, ein Beleg für die fortlaufende internationale Expansion der eigenen Cloud-Infrastruktur über das Kerngeschäft mit KI-Chips hinaus. Zweitgrößte Einzelaktie ist mit 2,14 Prozent Apple. Der Konzern kündigte zuletzt an, seine Ausgaben bei Broadcom weiter zu erhöhen, um Milliarden zusätzlicher Chips in den USA fertigen zu lassen, ein Schritt, der die eigene Lieferkette stärker unabhängig von asiatischen Fertigungsstandorten machen soll. Dahinter folgen mit Tencent und Alibaba zwei chinesische Technologiekonzerne, die in diesem Fonds ein deutlich höheres Gewicht tragen als in klassischen, marktkapitalisierungsgewichteten Welt-ETFs, ein direktes Resultat der stärkeren China-Gewichtung durch die BIP-Methodik.

Finanzwerte vor Technologie: Wie sich Sektoren und Länder verschieben

Regional führen die USA mit knapp 30 Prozent, gefolgt von China mit rund 15 Prozent, Deutschland mit knapp 5 Prozent und Japan mit etwa 4 Prozent, mit einer langen Liste weiterer Länder von Brasilien über Saudi-Arabien bis zur Türkei, die in klassischen Welt-Indizes kaum oder gar nicht auftauchen. Nach Sektoren führt in diesem Fonds nicht die Technologie, sondern Finanzdienstleistungen mit knapp 19,5 Prozent, dicht gefolgt von Technologie mit 18,5 Prozent, eine direkte Folge der stärkeren Gewichtung von Ländern mit großen Bankensektoren wie China. Zur Rendite lässt sich aufgrund der jungen Historie noch wenig sagen: Seit Auflage im Mai 2026 steht ein Plus von 2 Prozent zu Buche, im ersten vollen Monat waren es 2,8 Prozent, der bisherige maximale Verlust liegt bei rund 3,2 Prozent. Belastbare Kennzahlen zur Volatilität oder zum Rendite-Risiko-Verhältnis über ein, drei oder fünf Jahre existieren naturgemäß noch nicht. Wichtig für die Erwartungshaltung: Historische Vergleiche des BIP-gewichteten Ansatzes mit klassischen, marktkapitalisierungsgewichteten Weltindizes zeigen, dass die BIP-Variante in der Vergangenheit über mehrjährige Zeiträume teils schwächer abschnitt als der klassische FTSE All-World, solange US-Technologiewerte den Gesamtmarkt überproportional trieben.

Amundi gegen Vanguard: Was den BIP-ETF vom bekanntesten Welt-ETF unterscheidet

Der naheliegende Vergleich ist der Vanguard FTSE All-World UCITS ETF Acc, Deutschlands beliebtester Welt-ETF und ebenfalls ein Abbild des FTSE All-World, allerdings in seiner klassischen, marktkapitalisierungsgewichteten Form. Bei den Kosten liegt der Vanguard-ETF mit 0,19 Prozent deutlich unter den 0,30 Prozent des Amundi-Fonds. Doch bei der Zusammensetzung zeigt sich der zentrale Unterschied: Der USA-Anteil liegt beim Vanguard-ETF bei knapp 57 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie beim Amundi-Fonds, während Schwellenländer wie China mit rund 2,5 Prozent beim Vanguard-ETF kaum eine Rolle spielen. Auch die Top-10-Konzentration unterscheidet sich. Beim Vanguard-ETF vereinen die zehn größten Positionen rund 24 Prozent des Fondsvermögens, angeführt von NVIDIA, Apple und Microsoft, beim Amundi-Fonds sind es nur rund 17,7 Prozent, was für eine insgesamt breitere Streuung auf Einzeltitelebene spricht. Der Vanguard-ETF ist mit rund 3.739 Positionen zudem breiter aufgestellt als die 2.107 Positionen des Amundi-Fonds, wobei der Amundi-Fonds über seine India-ETF-Position indirekt zusätzliche, nicht einzeln gezählte Werte enthält. Der Vanguard-ETF ist jedoch bereits seit Jahren etabliert, milliardenschwer und breit sparplanfähig, während der Amundi-Fonds erst wenige Wochen alt und mit 16 Millionen Euro noch sehr klein ist.

Für wen sich dieser BIP-gewichtete Welt-ETF eignet

Der Fonds eignet sich in erster Linie für Anleger, die das strukturelle US- und Technologie-Klumpenrisiko klassischer Welt-ETFs bewusst und gezielt reduzieren möchten, ohne dafür mehrere Einzelfonds für Schwellenländer selbst zusammenstellen zu müssen. Wer davon überzeugt ist, dass sich Aktienmärkte langfristig stärker an der tatsächlichen Wirtschaftsleistung eines Landes orientieren sollten als an der aktuellen Börsenkapitalisierung, findet hier einen fertigen Baustein für genau diese These. Wer dagegen weiterhin darauf setzt, dass US-Technologiekonzerne den Weltmarkt auch künftig überproportional treiben, dürfte mit einem klassischen, marktkapitalisierungsgewichteten Welt-ETF besser bedient sein, wie es die historischen Vergleichszeiträume nahelegen. Wegen der noch sehr kurzen Historie, des kleinen Fondsvolumens und der bislang fehlenden Sparplanfähigkeit eignet sich dieser ETF aktuell eher als Beobachtungsposten oder kleine Beimischung für Anleger mit Interesse an alternativen Gewichtungsansätzen, weniger als sofortiger Ersatz für einen etablierten Kern-Welt-ETF im Depot.

Daniel Dünn, Redaktion TraderFox (finanzen.net)

Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Aktien-ETFs unterliegen Kursschwankungen, zwischenzeitliche Verluste sind möglich. Aufgrund der kurzen Historie dieses Fonds lassen sich noch keine belastbaren Aussagen zu Risiko- und Renditekennzahlen treffen.

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