Trendfolge mit ETFs: Was die 200-Tage-Linie und Momentum-Strategien wirklich leisten

Wer Börsencrashs meiden und trotzdem an steigenden Kursen teilhaben will, stößt früher oder später auf Trendfolgestrategien. Doch was steckt wirklich dahinter und wo liegen die Grenzen?
• Trendfolgestrategien investieren systematisch in Aufwärtstrends und steigen bei fallenden Kursen aus
• Die 200-Tage-Linie und Momentum-ETFs können Crashrisiken senken, reagieren aber immer verzögert
• In Seitwärtsmärkten, bei Trendwechseln und durch Handelskosten können Trendfolger deutlich zurückfallen
Was eine Trendfolgestrategie ist und wie sie funktioniert
Trendfolgestrategien gehören zu den ältesten Werkzeugen der Kapitalanlage. Ihr Grundprinzip ist einfach: Anleger investieren dann in einen Markt, wenn er sich im Aufwärtstrend befindet, und verlassen ihn wieder, wenn der Trend dreht. Dabei ist es nicht notwendig, Höchststände oder Tiefpunkte exakt zu treffen. Es genügt, sich grob in der Nähe von Wendepunkten zu verhalten.
Das beliebteste Werkzeug für diese Strategie ist der gleitende Durchschnitt, englisch Simple Moving Average (SMA). Er berechnet sich, indem die Schlusskurse eines Wertpapiers über einen definierten Zeitraum addiert und durch die Anzahl der Tage geteilt werden. Das Ergebnis ist eine geglättete Kurslinie, die Kursschwankungen absorbiert und den zugrunde liegenden Trend sichtbar macht. Am gebräuchlichsten ist die sogenannte 200-Tage-Linie, daneben werden auch 38- und 90-Tage-Varianten eingesetzt.
Die Handelssignale leiten sich direkt aus dem Kurs-Indikator-Verhältnis ab: Liegt der aktuelle Kurs oberhalb des gleitenden Durchschnitts, gilt das als Kaufsignal. Fällt er darunter, ist das der Hinweis, aus dem Markt auszusteigen. Praktisch lässt sich diese Strategie über ETFs umsetzen, weil diese börsentäglich handelbar und kostengünstig sind.
Momentum: Die akademische Grundlage hinter dem Trendfolgegedanken
Der Trendfolgegedanke ist nicht nur ein Werkzeug der Praxis, er hat auch eine wissenschaftliche Basis. Erstmals systematisch nachgewiesen wurde der sogenannte Momentum-Faktor von den Ökonomen Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman in einem Beitrag im Journal of Finance. Sie belegten, dass Aktien, die sich in einem Zeitraum von drei bis zwölf Monaten überdurchschnittlich entwickelt hatten, auch in den Folgemonaten tendenziell bessere Renditen erzielten als schwache Titel. Dieses Muster ließ sich nicht allein durch systematisches Risiko erklären, sondern deutete auf verzögerte Preisreaktionen auf unternehmensspezifische Informationen hin.
Warum dieses Phänomen besteht, ist noch nicht abschließend geklärt. Nach vorherrschender Einschätzung liegt die Ursache im Herdenverhalten der Marktteilnehmer: Was gestiegen ist, wird weiter gekauft. Fondsanalyst Ali Masarwah, Geschäftsführer des Finanzdienstleisters envestor, beschreibt den Momentum-Faktor auf der Plattform der Deutschen Börse als Stachel im Fleisch der Effizienzmarkthypothese, die von stets rational handelnden Anlegern ausgeht. Momentum-ETFs setzen dieses Prinzip systematisch um, indem sie auf Basis von Sechs- und Zwölfmonatsrenditen jene Wertpapiere übergewichten, die zuletzt besonders stark waren.
Langfristig war diese Strategie bemerkenswert erfolgreich: Über zwei Jahrzehnte erzielte der MSCI World Momentum Index laut Masarwah eine erhebliche Mehrrendite gegenüber dem breiten MSCI World. Besonders ausgeprägt war dieser Vorsprung in Phasen anhaltender Aufwärtstrends, etwa während der langen Börsenhausse oder in der von Digitalisierungsthemen geprägten Pandemiezeit.
Die strukturellen Schwächen der Trendfolge
So überzeugend die langfristigen Zahlen klingen mögen, Trendfolgestrategien haben eine grundlegende Schwäche: Sie sind rückwärtsgewandt. Was gestern stark war, wird heute hochgewichtet, auch dann, wenn der Aufwärtstrend bereits bröckelt. In Märkten, die abrupt drehen oder dauerhaft seitwärts pendeln, geraten Trendfolger systematisch in Nachteil.
Masarwah bezeichnet dies als strukturelle Blindstelle. In stark rotierenden Märkten, in denen keine klare Sektorführerschaft besteht, entstehen hohe Umschichtungskosten, ohne dass die Strategie davon profitiert. Besonders an Wendepunkten nach Krisen - wenn bisherige Verlierer schlagartig zu den neuen Gewinnern werden - können Momentum-Strategien erheblich zurückbleiben.
Auch die Deutsche Bundesbank weist in ihrer Studie "Navigationshilfen im ETF-Dschungel" von Dr. Dirk Bleich auf eine verwandte Problematik hin: Der Versuch des Market-Timings, also des aktiven Kaufens und Verkaufens zum vermeintlich richtigen Zeitpunkt, zieht bei vielen Privatanlegern nachweislich Renditenachteile nach sich. Untersuchungen zeigen, dass psychologische Faktoren wie das Hinterherlaufen von Trends oder der sogenannte Ankereffekt dazu führen, dass Anleger ungünstig ein- und aussteigen. Hinzu kommen Transaktionskosten, die bei häufigem Handeln die Rendite merklich belasten.
Die Forschungsarbeit von Valeriy Zakamulin und Javier Giner zu optimalem Trend-Following unterstreicht diesen Punkt. Sie zeigen, dass bereits geringe Transaktionskosten die Gewinne einfacher gleitender Durchschnitte deutlich reduzieren können. Ihr Modell belegt, dass eine sogenannte Crossover-Regel, also der Vergleich zweier gleitender Durchschnitte unterschiedlicher Länge, gegenüber der einfachen Moving-Average-Strategie Vorteile bietet, weil sie Fehlsignale reduziert und damit Handelskosten senkt.
Einordnung für Anleger: Was Trendfolge leisten kann und was nicht
Trendfolgestrategien sind keine Wunderwaffe, die gleichzeitig maximale Rendite und minimales Risiko liefert. Sie sind systematische Ansätze, die in bestimmten Marktphasen Stärken zeigen und in anderen erheblich schwächeln. Das Fairvalue-Magazin betont, dass die Trendfolgestrategie ihren Preis hat: Wer Crashs meidet, verpasst zwangsläufig auch Teile der anschließenden Erholung.
Für Anleger, die Trendfolge in Betracht ziehen, sind mehrere Aspekte relevant. Erstens bewegen sich Signale immer mit einer gewissen Verzögerung, was unvermeidbare Nachteile gegenüber dem reinen Kaufen-und-Halten mit sich bringt. Zweitens fallen bei der Umsetzung über ETFs laufende Kosten an, die im Zeitverlauf eine erhebliche Wirkung auf das Anlageergebnis haben können. Die Deutsche Bundesbank zeigt in ihrer Analyse, dass bereits kleine Unterschiede bei den Gesamtkosten eines ETFs über lange Zeiträume zu erheblichen Unterschieden beim Endvermögen führen. Drittens ist die historische Performance eines Ansatzes kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Momentum-ETFs und Trendfolgestrategien können sinnvolle Bestandteile einer Anlagestrategie sein, wenn Anleger ihre Funktionsweise und ihre Grenzen verstehen. Sie sind jedoch kein Ersatz für eine langfristige, diversifizierte Anlageausrichtung, die auf breiten indexbasierten ETFs beruht.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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