Experte: Warum Tesla und SpaceX als Value-Aktien gelten sollen
Hohe Bewertungen, dünne Gewinne im Verhältnis zum Aktienkurs - auf den ersten Blick passen Tesla und SpaceX nicht ins klassische Bild einer Value-Aktie.
Werte in diesem Artikel
- Der Value-Begriff des Experten richtet sich auf künftig erzielbare Cashflows, nicht allein auf aktuelle Multiples
- Christopher Tsai von Tsai Capital ordnet Tesla und SpaceX als Value-Aktien ein
- Die Einschätzung steht im Widerspruch zu Warnungen anderer Marktbeobachter wie Charles Schwab
Value-Aktien neu gedacht
Christopher Tsai, Präsident und Chief Investment Officer von Tsai Capital, zählt Tesla und SpaceX zu den Gewinnern der nächsten Entwicklungsstufe des Value-Investing, wie er MarketWatch in einem Interview im Juli sagte. Nach seiner Einschätzung unterläuft Anlegern ein klassischer Denkfehler, wenn sie hohe Bewertungsmultiplikatoren als Warnsignal deuten. Wer allein auf die aktuelle Bewertung schaue, übersehe, dass beide Unternehmen bewusst stark investieren und dadurch kurzfristig Gewinne schmälern, um langfristig mehr Wert zu schaffen, erklärte Tsai laut MarketWatch. Entscheidend sei nicht die Momentaufnahme, sondern die Frage, wie sich ein Basis-, ein Bär- und ein Bull-Szenario über einen Zeitraum von fünf Jahren entwickeln könnten, so der Fondsmanager weiter.
Tesla und SpaceX passen nicht ins klassische Value-Schema
Klassisches Value-Investing sucht üblicherweise nach Unternehmen mit niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnissen und soliden, bereits realisierten Erträgen. Tesla und SpaceX erfüllen dieses Muster nicht, da beide Firmen einen erheblichen Teil ihrer Ressourcen in zukünftige Geschäftsfelder stecken, was aktuelle Gewinnkennzahlen belastet. Tsai bezeichnet dieses Verhalten jedoch als typisches Merkmal einer neuen Unternehmensgeneration, die er in einem im Mai veröffentlichten Whitepaper als vierte Evolutionsstufe des Value-Investing beschreibt, wie aus dem Bericht von MarketWatch hervorgeht. Diese Stufe geht laut Tsai über das von ihm so genannte 3.0-Modell hinaus, das Plattform- und Ökosystemunternehmen wie Amazon prägte, deren hohe Investitionen ebenfalls über längere Zeit die Profitabilität drückten, bevor sich daraus intrinsischer Wert entwickelte.
Vier Kriterien für Value Investing 4.0
Ein Unternehmen der vierten Stufe muss laut Tsai vier Bedingungen erfüllen: den Aufbau eines auf Intelligenz basierenden Wettbewerbsvorteils, die Produktion digitaler Arbeit als Kernprodukt, ein sich selbst tragendes Geschäftsmodell sowie die Reinvestition von Kapital in das operative Geschäft mit hoher Rendite. Diese Kriterien präsentierte Tsai dem Bericht zufolge auch beim Zurich Project 2026, einer Konferenz für Investoren. Nach seiner Einschätzung verfügen sowohl Tesla als auch SpaceX über tiefe Wettbewerbsgräben, die sich aus diesen Merkmalen ergeben, wobei Tsai gegenüber MarketWatch keine weiteren Details zu einzelnen Geschäftsbereichen von SpaceX nannte.
Zukunftsgeschäfte als Werttreiber
Bei Tesla verweist Tsai konkret auf das profitable Kerngeschäft mit Elektrofahrzeugen, das nach seiner Darstellung die Finanzierung weiterer, auf künstlicher Intelligenz basierender Geschäftsfelder ermöglicht, darunter die KI-Trainingsplattform Dojo und die Technologie für autonomes Fahren, Full Self-Driving. Tsai kaufte die Tesla-Aktie erstmals Anfang 2020 und hält sie seither im Portfolio, wie er gegenüber MarketWatch erläuterte. Nach Tsais eigener Einschätzung liege die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen im Bereich künstliche Intelligenz und automobile Intelligenztechnologien tatsächlich zu den langfristigen Gewinnern zählen, nur zwischen einem und fünf Prozent, weshalb er bei der Titelauswahl außerordentlich selektiv vorgehe.
Diversifikation über wenige, aber ausgewählte Werte
Tsai Capital verwaltet ein Portfolio, das nach Angaben des Fondsmanagers auf 14 Unternehmen hoher Qualität verteilt ist, wobei ausschließlich Firmen mit klaren Wettbewerbsvorteilen berücksichtigt werden. Neben Tesla und SpaceX zählen dazu auch Cloud- und KI-Infrastrukturanbieter wie Amazon, Alphabet und Microsoft, deren Wachstum laut Tsai unabhängig davon gesichert sei, welches Unternehmen den Wettlauf um künstliche Intelligenz letztendlich gewinnt. Auch weniger etablierte Positionen wie das Baustoffunternehmen QXO, dessen Aktie über ein Jahr rund 34 Prozent verloren hat, sowie der Immobiliendatenanbieter CoStar Group gehören zum Portfolio. Bei CoStar verweist Tsai laut MarketWatch auf 60 aufeinanderfolgende Quartale mit zweistelligem Umsatzwachstum und sieht auch bei anhaltenden Problemen im Zusammenhang mit der Plattform Homes.com verschiedene Handlungsoptionen für das Management.
Gegenstimmen: Warnungen von Charles Schwab
Tsais Einschätzung steht im Kontrast zu Warnungen, die das Unternehmen Charles Schwab zuvor ausgesprochen hatte. Anlegern wurde demnach davon abgeraten, in Unternehmen zu investieren, deren Wachstumsversprechen weit in die Zukunft reichen, wie MarketWatch berichtete. Tsai widerspricht dieser Position ausdrücklich und argumentiert, dass erfolgreiches Value-Investing genau ein solches Vertrauen in künftige, noch nicht realisierte Erträge voraussetze.
Paul Schütte, Redaktion finanzen.net
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Bildquellen: Sergio Monti Photography / Shutterstock.com, SpaceX
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