Aktien von AMD, Marvell, NVIDIA & Co. erholen sich weiter: Was Anleger jetzt beachten sollten
Nach dem Kurssturz infolge einer KI-Warnung erholen sich AMD, NVIDIA & Co. weiter, und ein Analyst sieht hinter der Schwäche einen ganz anderen Treiber als die KI-Debatte.
Werte in diesem Artikel
- AMD, NVIDIA und Marvell setzen Erholung nach KI-Ausverkauf fort
- Analyst hält Ausverkauf für überzogen, KI-Nachfrage bleibe intakt
- Als eigentliche Belastung gelten steigende Zinsen und geopolitische Risiken
Die Erholung bei den KI-Halbleiterwerten setzt sich fort. Zwei Schwergewichte bauen ihre Gewinne vom Mittwoch aus und holen den Sektor Schritt für Schritt aus dem Minus, in das ihn eine KI-Warnung vom Wochenende gerissen hatte.
Aktien von AMD, Marvell, NVIDIA & Co. ziehen an
Getragen wird die Gegenbewegung von der gesamten Halbleiterreihe. Nach dem scharfen Rücksetzer zu Wochenbeginn legen die Aktien von AMD und NVIDIA im vorbörslichen US-Handel an der NASDAQ am Donnerstag weiter zu, AMD um 2,71 Prozent auf 526,45 US-Dollar an der NASDAQ, NVIDIA um 1,38 Prozent auf 216,86 US-Dollar. Marvell gewinnt 3,10 Prozent auf 236,82 US-Dollar, Teradyne rückt um rund 2,88 Prozent auf 350,99 US-Dollar vor, und Intel legt um gut drei Prozent auf über 104 US-Dollar zu. Über mehrere Handelstage summiert sich damit eine spürbare Erholung quer durch Chipdesigner, Speicheranbieter und Ausrüster.
Ein Analyst hält den Ausverkauf für überzogen
Auslöser des Kurssturzes war ein Essay von Anthropic-Chef Dario Amodei vom Wochenende, in dem er eine bewusste Drosselung des KI-Tempos forderte und vor autonomen KI-Agenten warnte. OpenAI-Chef Sam Altman schloss sich an und sagte den für dieses Jahr geplanten Börsengang von OpenAI ab. Am Montag rutschten Chipwerte weltweit ab, weil Anleger ein langsameres Entwicklungstempo als Bremse für die Nachfrage nach Rechenleistung deuteten. KC Rajkumar, Analyst bei Lynx Equities Strategies, hält diese Lesart für überzogen.
Seine Überprüfung der Lieferkette habe keine Verlangsamung bei den GPU-Auslieferungen ergeben, keine stornierten Aufträge bei Speicher- und Flash-Bauteilen und keine geänderten Lieferpläne der Ausrüster. Vom Silizium bis zur Verpackung zeige sich ein unverändertes Bild. Auch aus dem Essay selbst lasse sich keine Forderung nach einem langsameren Hardware-Ausbau ableiten. Für Rajkumar spricht daher wenig dafür, dass sich die Nachfrage nach KI-Infrastruktur tatsächlich abschwächt.
Zinsen und Geopolitik als eigentliche Treiber
Als wahre Belastung für die bewertungssensiblen Halbleiterwerte macht Rajkumar nicht die KI-Debatte aus, sondern zwei makroökonomische Kräfte: steigende Renditen langlaufender Anleihen und geopolitische Spannungen, darunter die Exportkontrollen zwischen den USA und China sowie die Risiken rund um Taiwan. Wäre der Rücksetzer bei wachstumsstarken, langlaufenden Titeln wie NVIDIA, AMD und Broadcom eher makro- als nachfragegetrieben, bliebe die Investmentthese für Anbieter von KI-Infrastruktur intakt.
Den unmittelbarsten Prüfstein lieferte am Mittwoch die US-Notenbank, die den Leitzins um 25 Basispunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent anhob, die erste Anhebung seit 2023. Weil der Markt den Schritt weitgehend eingepreist hatte und Fed-Chef Kevin Warsh ihn mit dem Kampf gegen die noch erhöhte Inflation begründete, hielten sich die Kursreaktionen in Grenzen, und die Erholung bei den Chipwerten setzte sich über den Sitzungstag hinaus bis in den Donnerstag fort.
Zwischen Chancen und Risiken: Was Anleger jetzt abwägen sollten
Für Anleger heißt das zweierlei. Bleiben die Investitionen in Rechenzentren und Grafikprozessoren hoch, könnte die Korrektur eher eine Bewertungsdelle als eine Trendwende gewesen sein, und die Sektorführer stünden operativ unverändert da. NVIDIA etwa hat sein Geschäft über das Jahr breiter aufgestellt, unter anderem mit der Anfang September vereinbarten Übernahme der Entwicklerplattform Hugging Face, was die Abhängigkeit von wenigen Großkunden mindert.
Zugleich bleiben die Risiken konkret. Mit der Zinsanhebung vom Mittwoch hat die Fed den Straffungszyklus wieder eröffnet, und weitere Schritte sind nicht ausgeschlossen. Gerade langlaufende, hoch bewertete Wachstumswerte wie die großen Chipaktien reagieren darauf empfindlich, weil steigende Anleiherenditen ihre künftigen Gewinne stärker abwerten. Verzögern sich zudem Börsengänge im KI-Lager, wie bei OpenAI bereits geschehen, könnte das die erwarteten Bewertungsgewinne aus den Milliardenbeteiligungen der Chipkonzerne an OpenAI und Anthropic dämpfen. Wer den Rücksetzer nutzt, kauft die Nachfragestory und wettet zugleich darauf, dass der Zinsdruck nicht weiter zunimmt.
Ob aus der Erholung mehr wird, dürfte sich weniger an der Debatte über das KI-Tempo entscheiden als an den Anleiherenditen und der geopolitischen Lage. Der nächste belastbare Datenpunkt sind die kommenden US-Inflationsdaten, an denen sich ablesen lässt, ob die Fed noch einmal nachlegt.
Julia Walter, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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