KI-Aktien in Gefahr? NVIDIA-CEO Huang kontert zunehmende Blasenängste mit neuer Wachstumsphase
Während Anthropic-Chef Amodei auf die Bremse treten will, beschreibt Jensen Huang einen Umbruch, der sich nach seinen Worten binnen eines halben Jahres vollzogen hat.
Werte in diesem Artikel
- Jensen Huang sieht KI-Branche im Umbruch vom Labor zur Massenproduktion
- Umsatzprognose von 108 Milliarden US-Dollar stützt Huangs These
- Huang kontert Warnungen der KI-Chefs deutlich
Jensen Huang, Chef von KI-Platzhirsch NVIDIA, hält der wachsenden Angst vor einer KI-Blase eine neue Wachstumsthese entgegen und liefert Anlegern damit ein Gegenargument zu den Warnungen, die Chipwerte Mitte September unter Druck gesetzt hatten. Wie aus einem exklusiven CBS-Interview hervorgeht, hat die Branche nach Huangs Worten "praktisch in den letzten sechs Monaten" in einen Modus hoher Produktionssteigerung umgeschaltet. KI sei nützlich geworden, die Nachfrage enorm, und die Tokenerzeugung der KI-Produkte sei inzwischen profitabel, sogar "unglaublich profitabel".
Vom Forschungslabor zum Produktkonzern
Den Kern seiner Argumentation bildet ein Rollenwechsel der großen KI-Entwickler. Zehn bis fünfzehn Jahre lang hätten die Labore vor allem geforscht, nun würden sie zu Produktunternehmen, erklärte Huang gegenüber CBS. OpenAI und Anthropic erzielten nach seinen Worten bereits Umsätze im zweistelligen Milliardenbereich, rechneten mit Hunderten Milliarden und bauten ihre Rechenkapazität so schnell aus wie kein Unternehmen in der Geschichte der Menschheit. Genau hier liegt der Hebel für NVIDIA, denn Rechenkapazität ist das, was der Konzern verkauft. Ob die Erträge der Modellanbieter mit dem Ausbautempo Schritt halten, lässt sich von außen allerdings nur begrenzt prüfen. Belastbarer sind die Zahlen, die NVIDIA selbst vorlegt.
NVIDIA-Prognose liefert die harte Zahl zur These
Zuletzt meldete der Konzern diese für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 und verzeichnete einen Umsatz von 96,2 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 106 Prozent zum Vorjahresquartal und 18 Prozent zum Vorquartal. Das Rechenzentrumsgeschäft steuerte 89,0 Milliarden US-Dollar bei, 117 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Für das dritte Quartal stellt das Management 108 Milliarden US-Dollar in Aussicht, plus oder minus zwei Prozent, bei einer Bruttomarge von rund 74 Prozent. Die Formel dahinter lieferte Huang bereits in der Quartalsmitteilung: KI habe ihren Wendepunkt erreicht, und Rechenleistung sei nun Umsatz. Was im Interview wie eine Branchenerzählung klingt, ist bei NVIDIA also bereits als Prognose hinterlegt.
Huang kontert Warnungen der KI-Chefs
Gegenwind bekam diese Lesart ausgerechnet aus der eigenen Kundschaft. Chipwerte gaben am 14. September auf breiter Front nach, nachdem sich Anthropic-Chef Dario Amodei, OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk für ein langsameres Entwicklungstempo ausgesprochen hatten. Auch die NVIDIA-Aktie verlor an diesem Tag deutlich. Amodei schrieb demnach, die Branche habe beim KI-Risiko zu lange nicht die Wahrheit gesagt. BeInCrpyto zufolge hat zudem Investor Michael Burry seine Short-Position auf NVIDIA ausgebaut und hält die Aktie für überbewertet.
Huang hält die Weltuntergangserzählung dagegen für "völlig falsch". Sie sei dramatisch, bringe viel Aufmerksamkeit und stütze sich nicht auf Wissenschaft. Dass KI bis 2030 das Ende der Welt bringe, dafür gebe es eine Wahrscheinlichkeit von "null Prozent". Die Sorge um Sicherheit hält er dennoch für berechtigt und verweist auf die Luftfahrt, in der mehr Menschen an der Sicherheit arbeiteten als an neuen Flugzeugtypen. Neue KI-Gesetze lehnt er vorerst ab, zunächst sollten bestehende Regeln etwa zu Produkthaftung und Cybersicherheit greifen. Zwischen den Zeilen, so Huang, verlangten die Labore gar nicht nach mehr Gesetzen, sondern wollten von den bestehenden entlastet werden.
Huangs Interessenlage und die China-Frage
Die naheliegende Frage nach dem Interessenkonflikt stellte CBS selbst: Warum sollten Amerikaner beim Thema Sicherheit ausgerechnet dem Chef des wertvollsten Unternehmens der Welt vertrauen, dessen Vermögen am Verkauf von Chips hängt? Huang antwortete, der Erfolg von NVIDIA sei direkt an den sicheren Einsatz von KI geknüpft, andernfalls sinke der Wert des Konzerns. Rückendeckung erhält er aus dem Weißen Haus. US-Präsident Donald Trump sagte in einem Live-Telefonat mit Huang, die Sorgen seien "alles ein Schwindel", die Rechenzentren machten Menschen und Bundesstaaten wohlhabend. Huang wollte im Interview nicht für Trump sprechen, stimmte aber dessen Linie zu, zunächst die bestehenden Regeln anzuwenden.
Beim Thema China überschneiden sich Überzeugung und Geschäft besonders sichtbar. Amodei fordert, keine leistungsfähigen KI-Chips und keine Anlagen zur Halbleiterfertigung nach China zu verkaufen. Huang widerspricht einem Bann aller amerikanischen Produkte "vollständig". US-Firmen sollten zwar zuerst die beste Technologie erhalten, etwa die Plattform Vera Rubin, die laut Huang in Serie ausgeliefert wird und China um mehrere Jahre voraus ist. Danach aber müsse jede Ebene der amerikanischen KI-Industrie um den Weltmarkt konkurrieren. "Unser Markt gehört nicht ihm, um ihn preiszugeben", sagte Huang an Amodeis Adresse. Seine Position deckt sich damit mit dem kommerziellen Interesse von NVIDIA an einem der größten Chipmärkte der Welt.
Diese Linie trug Huang auch in die Gespräche mit Peking: Beim Staatsbankett für Xi Jinping saß er am Haupttisch. Konkretes brachte der Gipfel aber kaum: Die Chip-Exportkontrollen bleiben und bei KI blieb es bei Absichtserklärungen. An der Börse entscheidet sich die Debatte ohnehin an anderer Stelle: bei den Zahlen zum dritten Geschäftsquartal, an denen sich die Prognose von 108 Milliarden US-Dollar messen lassen muss. China ist darin gar nicht eingeplant.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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