Nach starken Gewinnen bei Shell, Exxon & Co: Werden Ölaktien jetzt zum Anlegerrisiko?
Der Iran-Krieg treibt die Ölpreise auf ein Rekord-Niveau, während Förderausfälle und Absicherungsverluste die Gewinne der großen Ölkonzerne auf der anderen Seite ausbremsen.
Werte in diesem Artikel
- Iran-Krieg treibt Öl- und Gaspreise, gleichzeitig beeinträchtigen Produktionsausfälle die Konzerne
- Shell steigert bereinigten Gewinn im zweiten Quartal auf 9,8 Milliarden US-Dollar
- Milliardenschwere Aktienrückkäufe stehen wachsenden operativen Risiken im Nahen Osten gegenüber
Shell profitiert - ebenso wie zahlreiche Branchenkollegen - von den hohen Energiepreisen infolge des Kriegs zwischen den USA, Israel und Iran. Gleichzeitig zeigen die Auswirkungen des Konflikts, dass die Öl- und Gasbranche mit erheblichen Produktions- und Lieferunterbrechungen konfrontiert ist.
Ölpreise steigen, Produktion wird beeinträchtigt
Der Krieg im Nahen Osten hat die internationalen Öl- und Gasmärkte erheblich belastet. Die Straße von Hormus, eine zentrale Route für den weltweiten Energiehandel, ist durch den Konflikt massiv beeinträchtigt. Hinzu kamen Angriffe auf Energieinfrastruktur in der Region.
Nach einem Bericht von Bloomberg aus dem April verloren ExxonMobil und Chevron im ersten Quartal 2026 rund 6 Prozent ihrer weltweiten Produktion. Auch Shell war von den Störungen betroffen. Bloomberg zufolge sank die Produktion des Konzerns im Bereich Integrated Gas um rund 5 Prozent. Zudem wurden zwei Exxon-LNG-Anlagen in Katar durch iranische Angriffe beschädigt. Auch eine Gas-to-Liquids-Anlage von Shell in Katar wurde getroffen.
Die Folgen zeigen das Dilemma der Ölkonzerne: Höhere Preise können die Erlöse und Gewinne stützen, gleichzeitig können Produktionsausfälle und Unterbrechungen bei Transport und Verarbeitung einen Teil dieses Effekts wieder zunichtemachen.
Shell trotzt den Störungen
Dennoch lief es operativ gut bei den Ölriesen: Shell wies für das erste Quartal 2026 einen bereinigten Gewinn von 6,9 Milliarden US-Dollar aus. Das waren rund 24 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Produktion im Bereich Integrated Gas lag bei 909 Kilobarrel Öläquivalent pro Tag.
Im zweiten Quartal steigerte Shell den bereinigten Gewinn dann auf 9,8 Milliarden US-Dollar. Dazu trugen unter anderem eine Rekordproduktion in Brasilien und eine hohe Raffinerieauslastung bei. Gleichzeitig sank die Integrated-Gas-Produktion auf 631 Kilobarrel Öläquivalent pro Tag. Shell erklärte, dass die Konfliktfolgen im Nahen Osten die Produktion und Lieferketten belasteten.
Auch finanziell präsentierte sich der Konzern robust. Die Nettoverschuldung lag Ende Juni bei 41,8 Milliarden US-Dollar, die Verschuldungsquote bei 19 Prozent. Shell kündigte zudem ein weiteres Aktienrückkaufprogramm von mindestens 3 Milliarden US-Dollar an. Es war das 19. Quartal in Folge, in dem der Konzern Rückkäufe von mindestens dieser Größenordnung ankündigte. Die Quartalsdividende wurde um 5 Prozent auf 0,3906 US-Dollar je Aktie erhöht.
Hohe Gewinne bei den Ölkonzernen
Auch die übrigen großen westlichen Ölkonzerne profitierten im zweiten Quartal von den hohen Energiepreisen. ExxonMobil erzielte einen bereinigten Gewinn von 14,7 Milliarden US-Dollar. Chevron kam auf rund 12 Milliarden US-Dollar. Beide Unternehmen meldeten damit hohe Quartalsgewinne trotz der Belastungen durch den Konflikt.
TotalEnergies steigerte den bereinigten Nettogewinn im zweiten Quartal auf rund 6,0 Milliarden US-Dollar. BP kam auf 5,73 Milliarden US-Dollar nach 2,35 Milliarden US-Dollar im Vorjahresquartal.
Die hohen Gewinne haben zugleich die politische Debatte über die Profite der Ölkonzerne angeheizt. US-Präsident Donald Trump kritisierte Exxon und Chevron und forderte die Unternehmen auf, einen Teil ihrer Gewinne an die Verbraucher weiterzugeben und die Preise zu senken.
Ölaktien bereits stark gestiegen - Was Anleger wissen müssen
Für Anleger ist allerdings entscheidend, dass die hohen Ölpreise und die damit verbundenen Gewinnchancen bereits deutlich in den Aktienkursen angekommen sind. Die großen westlichen Ölkonzerne haben im laufenden Jahr kräftig zugelegt.
Besonders stark entwickelte sich Chevron: Die Aktie erreichte am Vortag bei 217,78 US-Dollar ein neues 52-Wochen-Hoch, im bisherigen Jahresverlauf haben Anleger ein Plus von rund 43 Prozent in ihren Depots. Auch Exxon Mobil, TotalEnergies, BP und Shell verzeichneten seit Jahresbeginn deutliche Kursgewinne zwischen 33 und 46 Prozent.
Damit verschiebt sich für Anleger der entscheidende Punkt: Nicht nur die Höhe des Ölpreises ist relevant, sondern vor allem die Frage, wie lange das hohe Preisniveau anhält. Bleiben die Preise wegen der anhaltenden Störungen im Nahen Osten erhöht, könnten die Gewinne der Konzerne weiter gestützt werden. Eine Entspannung der Lage und ein entsprechend deutlicher Rückgang der Ölpreise könnten dagegen die Gewinn- und Kurserwartungen belasten.
Hinzu kommt ein operatives Risiko: Hohe Ölpreise sind für die Konzerne nicht uneingeschränkt positiv, wenn gleichzeitig Förderanlagen, Raffinerien oder LNG-Infrastruktur ausfallen. Chevron-Chef Mike Wirth warnte zuletzt, dass wichtige Puffer des globalen Ölmarktes inzwischen weitgehend aufgebraucht seien. Damit bleibt der Ölpreis besonders anfällig für weitere Störungen – in beide Richtungen können entsprechend hohe Kursschwankungen die Folge sein.
Claudia Stephan, Redaktion finanzen.net
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