Shein-Aktie: Vor IPO in Hongkong drücken Zölle auf Wachstum und Gewinn
Shein wirbt bereits bei Investoren um Kapital, doch Zölle in den USA und der EU stellen das bisherige Geschäftsmodell infrage.
Werte in diesem Artikel
- Sinkende Umsätze in den USA zwingen Shein zu einer strategischen Neuausrichtung
- Ein Wechsel weg vom reinen Niedrigpreismodell soll neue Erträge sichern
- Der Zeitplan für das Hongkonger Listing rückt näher
Shein steuert auf ein Listing in Hongkong zu, während wegfallende Zollvorteile in den USA und der EU das lange erfolgreiche Niedrigpreismodell des Online-Modehändlers unter Druck setzen. Das Unternehmen reagiert mit Preiserhöhungen und baut parallel sein Servicegeschäft aus, um schwindende Margen auszugleichen.
Zölle treffen Sheins Kerngeschäft
Der 2012 in China gegründete Online-Modehändler Shein, der von Singapur aus in rund 160 Ländern verkauft, sieht sein Geschäftsmodell durch veränderte Zollregeln erschüttert. Seit die USA im Mai 2025 die De-minimis-Ausnahme für kleine Sendungen strichen, gibt Shein den Großteil der zusätzlichen Kosten über Preiserhöhungen an Kunden weiter. Die effektiven Zollsätze auf Waren aus China stiegen dadurch laut einem CNBC-Bericht von zuvor 0 bis 62,5 Prozent auf nun 10 bis 87,5 Prozent. Der US-Umsatz sei zwischen 2024 und 2025 um mehr als 3 Prozent gesunken, im ersten Quartal dieses Jahres brachen die US-Erlöse im Jahresvergleich um 14 Prozent ein.
Auch in Europa, Sheins größtem Markt, verlangsamte sich das Wachstum deutlich: von 33 Prozent zwischen 2023 und 2024 auf rund 9 Prozent im Jahr 2025 und nur noch 2 Prozent im ersten Quartal 2026. Die EU beendete im Juli ihre eigene Zollbefreiung für Sendungen unter 150 Euro und erhebt seither eine Pauschalgebühr von 3 Euro pro Warenkategorie und Sendung. Shein warnt in seinen IPO-Unterlagen, die Auswirkungen in Europa könnten die in den USA beobachteten Effekte erreichen oder sogar übertreffen.
Gewinn bricht ein, Bewertung sinkt deutlich
Die Folgen zeigen sich bereits in der Bilanz: Der Konzerngewinn brach zwischen 2024 und 2025 um rund 39 Prozent ein, im ersten Quartal dieses Jahres rutschte Shein sogar in einen Nettoverlust von 99 Millionen US-Dollar, nach einem Gewinn von 395 Millionen US-Dollar im Vorjahresquartal.
Vor diesem Hintergrund hat sich auch die angepeilte Bewertung für den Börsengang in Hongkong deutlich reduziert. Reuters berichtete, Shein strebe eine Bewertung zwischen 30 und 40 Milliarden US-Dollar an, ein starker Abschlag gegenüber den 98,2 Milliarden US-Dollar aus der Finanzierungsrunde 2022 und den 64 Milliarden US-Dollar aus den Runden 2023 und 2024.
Die China Securities Regulatory Commission genehmigte im Juli den Hongkong-Listing-Antrag, nachdem frühere Pläne für Börsengänge in New York und London an regulatorischen Hürden gescheitert waren. Der Start des Angebots wird laut Reuters frühestens für den 19. August vorbereitet, konkrete Angaben zu Volumen und Preisspanne fehlen bislang.
Shein setzt auf Dienstleistungen
Als Antwort auf die schwindenden Preisvorteile baut Shein sein Drittanbieter-Marktplatzgeschäft sowie die Kommerzialisierung seiner Lieferkette aus. Das Servicegeschäft wuchs im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent und zählt damit zu den am schnellsten wachsenden Bereichen des Konzerns. Die sogenannten Brand Enablement Services, bei denen Shein Marken seine Lieferketten- und Produktinfrastruktur zur Verfügung stellt, machen erst rund 1 Prozent des Umsatzes aus, weisen laut Unternehmensangaben aber eine Marge auf, die etwa doppelt so hoch liegt wie der Konzerndurchschnitt.
Angela Lee, Professorin für Venture Capital an der Columbia Business School, sagte kürzlich gegenüber CNBC, die regulatorischen Veränderungen seien eine fundamentale Bedrohung für ein Geschäftsmodell, das im Kern auf niedrigen Preisen basiere. Sie sprach von einem Verlust des regulatorischen Vorteils, der einst im Zentrum des Geschäftsmodells stand. Deborah Weinswig, Chefin der Research-Firma Coresight Research, äußerte sich im selben Bericht hingegen zuversichtlich zum Potenzial der wachsenden Supply-Chain-Dienstleistungen und sehe darin eine Chance für Shein, komplexe Probleme für Partner zu lösen.
Ob Shein den geplanten Zeitrahmen für das Hongkonger Listing einhält und zu welcher Bewertung das Angebot letztlich an den Markt kommt, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden, sobald Emissionsvolumen und Preisspanne offiziell bekannt werden.
Thomas Zoller, Redaktion finanzen.net
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