Hyperscaler unter Druck: Warum die Aktien von Alphabet, Amazon und Microsoft an Boden verlieren
Innerhalb weniger Tage verlassen zwei prominente KI-Forscher das Google-Universum. Gleichzeitig wächst an der Börse die Skepsis, ob sich die Investitionen der Hyperscaler auszahlen werden.
Werte in diesem Artikel
• John Jumper wechselt von Google zu Anthropic
• Anleger zweifeln an Rendite der KI-Milliarden
• Talentkampf verschärft Druck auf Hyperscaler
Der Abgang von John Jumper trifft Alphabet an empfindlicher Stelle. Der Vizepräsident und Engineering Fellow von Google DeepMind, der 2024 den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeit an AlphaFold erhielt, verlässt das Unternehmen nach fast neun Jahren und wechselt zu Anthropic. Der Wechsel folgt in nur kurzem Abstand auf den Abgang von Noam Shazeer, dem Co-Leiter der Gemini-Modelle, der in derselben Woche zu OpenAI wechselte. Die Reaktion an der Börse fiel deutlich aus: Alphabet-Papiere schlossen an der NASDAQ am Montag 5,08 Prozent tiefer bei 348,78 US-Dollar, die Amazon-Aktie verlor 4,75 Prozent auf 232,79 US-Dollar, Microsoft büßte 3,18 Prozent auf 367,34 US-Dollar ein, während der NASDAQ Composite insgesamt um 1,32 Prozent auf 26.166,60 Punkte nachgab.
Am Dienstag schloss Alphabet 0,77 Prozent tiefer bei 346,08 US-Dollar, Amazon gewann nach anfänglichen Verlusten 0,57 Prozent auf 234,11 US-Dollar und Microsoft legte schlussendlich 1,79 Prozent auf 375,86 US,Dollar zu.
Kapitalrendite als Kernfrage
Hinter den Kursverlusten steckt allerdings wohl mehr als eine Personalie. Matt Maley von der Investmentfirma Miller Tabak benannte laut dpa-AFX das Kernproblem: Die Hyperscaler erzielen trotz kolossaler KI-Ausgaben weiterhin eine äußerst niedrige Kapitalrendite. Allein Amazons Investitionsausgaben lagen im ersten Quartal 2026 bei 44,2 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg von 77 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, während der freie Cashflow des Konzerns im gleichen Zeitraum um 95 Prozent einbrach. Zusammen planen Alphabet, Microsoft, Meta und Amazon für das Gesamtjahr 2026 Investitionsausgaben von mehr als 700 Milliarden US-Dollar, bis 2027 könnten die gesamten KI-bezogenen Ausgaben die Marke von einer Billion US-Dollar überschreiten.
Kreisförmige Strukturen im Fokus
Neben der Renditefrage wächst die Skepsis gegenüber den Investitionsstrukturen der Branche. Konzerne investieren ineinander und verpflichten sich gleichzeitig, die Produkte des jeweils anderen zu kaufen, was die tatsächliche Wertschöpfung verschleiert. Alphabet kündigte zudem im Juni eine Kapitalerhöhung von bis zu 80 Milliarden US-Dollar an, um seine KI-Infrastruktur auszubauen. Der Markt interpretierte die Maßnahme als faktische Aussetzung des Aktienrückkaufprogramms und reagierte mit weiteren Kursabschlägen.
Talentkampf als Strukturproblem
Die von Nobelpreisträger John Jumper federführend entwickelte Software AlphaFold hat die räumliche Struktur von mehr als 200 Millionen Proteinen berechnet, eine Aufgabe, die Biologen zuvor jahrelange Laborarbeit kostete, und wird von über zwei Millionen Forschern in 190 Ländern genutzt. Jumper verkörpert damit nicht nur einen einzelnen Abgang, sondern einen symbolischen Verlust für Alphabets wissenschaftliche Strahlkraft. Anthropic hält nach verfügbaren Daten 80 Prozent seiner Mitarbeiter über zwei Jahre, DeepMind kommt auf 78 Prozent, OpenAI liegt mit 67 Prozent dahinter. Für Google stellt sich damit dieselbe Frage, die auch hinter den Kursverlusten steht - nämlich ob kolossale Ausgaben allein reichen, wenn die entscheidenden Köpfe zum Wettbewerber wechseln.
Anleger beobachten nun, wie sich die Hyperscaler im zweiten Quartal 2026 schlagen. Amazon und Alphabet legen ihre nächsten Quartalszahlen voraussichtlich Ende Juli vor. Für Alphabet kommt hinzu: Am 30. Juni veranstaltet Anthropic ein Wissenschaftsevent, bei dem Jumper eine zentrale Rolle spielen dürfte.
Claudia Stephan, Martina Köhler, Thomas Zoller, Redaktion finanzen.net
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