Vermögensverwalter-Kolumne

Emerging Markets als neuer Kernbaustein

29.06.26 10:19 Uhr

Emerging Markets als neuer Kernbaustein | finanzen.net

Nach dem großen SpaceX-Börsengang und den noch folgenden IPOs könnte sich die Schwerkraft an den Börsen weg von der gewohnten US-Dominanz entwickeln: Emerging Markets rücken ins Zentrum, Europa wird zur zweiten Säule - die USA sind nur noch eine von mehreren Optionen, nicht mehr der "Default".

Die Bewertungsprämie der US-Aktien ist so hoch und der Renditeklumpen im Dollar so groß geworden, dass große Häuser inzwischen klar zur aktiven Umschichtung raten und Emerging Markets als strukturellen Wachstumsmotor ausrufen.

In den Schwellenländern treffen gleich mehrere Trends aufeinander: eine wachsende Mittelschicht, anziehende Löhne, Urbanisierung, massive Infrastrukturprogramme und ein Digitalisierungsschub, der nicht nur Kopie westlicher Modelle ist, sondern eigene Plattformen und Marktführer hervorbringt. Viele EM-Indizes notieren trotz starker Kursanstiege der letzten Jahre noch immer mit deutlichem Abschlag zu US-Titeln, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis und an der Marktkapitalisierung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig werden für Unternehmen aus Asien, Lateinamerika und Osteuropa im Schnitt höhere Gewinnzuwächse erwartet als für große US-Konzerne - ein klassisches Setup, bei dem Wachstum und Bewertung erstmals seit Langem wieder in den Schwellenländern zusammenfallen.

Auch die Kapitalströme beginnen, dieses Bild zu spiegeln: Nach Jahren, in denen globale Anleger aus Angst vor politischer Unsicherheit, Handelskonflikten oder starkem Dollar massiv Mittel aus EM-Märkten abgezogen haben, kehren Gelder zurück. Zunehmend fließen sie nicht nur in Dollar-Anleihen, sondern in lokale Währungen und Aktienmandate, die gezielt auf Binnenwachstum setzen. Viele Zentralbanken der Schwellenländer haben früher und konsequenter auf die Inflationswelle reagiert als die Notenbanken im Westen; das stärkt die Glaubwürdigkeit ihrer Geldpolitik und macht heimische Währungen für langfristige Investoren attraktiver. Für Anleger bedeutet das: Sie erhalten nicht nur ein höheres Wachstumsprofil, sondern auch eine Diversifikation auf der Währungsseite, die das Risiko des Portfolios entlasten kann.

Europa nimmt in diesem Gefüge eine andere, aber nicht minder wichtige Rolle ein. Die Region wird zwar auch zukünftig kein dynamischer Wachstumsstar, bietet aber als "Stabilitätsanker" wichtige Eigenschaften: relativ verlässliche Regulierung, gute Corporate-Governance-Standards, liquide Kapitalmärkte und ein breites Spektrum an Industrie-, Energie- und Finanzwerten mit soliden Bilanzen. Viele europäische Titel sind nach Jahren der Underperformance moderat bewertet und zahlen im internationalen Vergleich hohe Dividenden. Hinzu kommen strukturelle Investitionsthemen wie Energiewende, Re-Industrialisierung, Verteidigung und Infrastruktur, die schrittweise in die Unternehmensgewinne durchschlagen. Europa mag nicht das höchste Tempo vorgeben, aber die Kombination aus Ertragsstabilität und Bewertung macht die Region zu einer robusten zweiten Säule neben EM.

Wenn man Portfolios nicht mehr in der groben Dichotomie "USA versus Rest der Welt" denkt, entsteht ein neues Bild: Emerging Markets als erster Wachstumspfeiler, Europa als defensiver Gegenpol - und die USA als hoch bewerteter, selektiv einzusetzender Technologieturbo. Praktisch heißt das: Statt 60, 70 oder mehr Prozent des Aktienexposures in US-Titeln zu halten, kann ein global ausgerichtetes Portfolio bewusst in Richtung EM und Europa umgeschichtet werden, ohne die USA völlig auszusparen. Ein mögliches Raster: ein klar übergewichteter EM-Block, ein relevanter Europa-Anteil und ein reduzierter, stärker fokussierter US-Baustein, der sich auf Qualitäts- und Innovationsführer beschränkt, statt den gesamten Index abzubilden.

Für die Umsetzung gibt es mehrere Hebel. Breite Emerging-Markets-ETFs oder aktive Fonds mit Qualitätsfokus bilden die Basis, ergänzt um regionale Bausteine wie Asien ex Japan oder Lateinamerika, um strukturelle Gewinner gezielter abzudecken. Europäische Standardwerte- und Mid-Cap-Fonds können als Stabilisator dienen, insbesondere wenn Dividendenrendite und Bilanzqualität im Vordergrund stehen. Auf der Währungsseite lässt sich der Dollar-Klumpen bewusst abbauen, indem Euro-Exposure sowie ausgesuchte EM-Währungen (über Aktien, Anleihen oder Währungsstrategien) stärker gewichtet werden. So entsteht ein Portfolio, das nicht mehr von der Laune der Nasdaq abhängig ist, sondern von mehreren, voneinander unterscheidbaren Wachstumssäulen getragen wird.

Die zentrale Weichenstellung 2026 lautet daher nicht nur: "Weg von der Überkonzentration auf US-Tech", sondern vor allem: "Hin zu Emerging Markets als neuem Kernbaustein, mit Europa als verlässlicher Ergänzung und den USA als bewusst dosiertem Satelliten." Anleger, die diese Verschiebung ernst nehmen und ihre Allokation entsprechend anpassen, nutzen nicht einfach nur eine taktische Marktphase - sie stellen ihr Portfolio auf einen breiteren, robusteren und renditeträchtigeren Unterbau für die kommenden Jahre.

von Kai Heinrich, Vorstand der Plutos Vermo¨gensverwaltung AG in Frankfurt am Main

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